Mailand. So schön, so reich, so bunt.

Mailand ist wirklich eine bemerkenswerte Stadt. An jeder Ecke gibt es etwas zu sehen, und trotz der vielen Touristen hat sie sich etwas sehr Eigenes bewahrt. Vielleicht liegt das daran, dass Mailand eine Laufstadt ist. Keine Hügel, keine nennenswerten Steigungen, stattdessen breite Boulevards, Plätze und Viertel, die sich bequem zu Fuß erschließen lassen.

Und wer nicht laufen will, steigt in Metro, Tram oder Bus. Hamburgs HVV könnte sich das Mailänder Bezahlsystem einmal genauer ansehen. Einmal mit dem Handy einchecken, 90 Minuten kreuz und quer durch die Stadt fahren, automatisch weiterrechnen lassen und am Ende nie mehr als den Preis eines Tagestickets bezahlen. So einfach. So logisch. Und zu blöd, dass in Hamburg die Strassenbahnen abgeschafft wurden.

Gestern haben wir bereits einen kurzen Blick in das schicke Viertel Brera geworfen. Verwinkelte Gassen, elegante Fassaden, kleine Galerien und Touristen, die sich meist nur durch die Farbe des Fähnchens unterscheiden, dem sie hinterherlaufen.

Heute zieht es uns nach Navigli. Das ehemalige Kanalviertel gehört zu den schönsten Ecken Mailands. Wasser, alte Brücken, Restaurants und jede Menge italienisches Lebensgefühl.

Bevor wir dort eintreffen, drohen unsere Füße allerdings mit Arbeitsniederlegung. Also nehmen wir die Metro. Eine ausgezeichnete Entscheidung. Zur Einstimmung spielt im Zug ein Duo aus Geige und Akkordeon Klassiker. Die meisten Fahrgäste schauen aufs Handy. Zwei ältere Damen klatschen leise im Takt mit. Eine andere, sicher über 80 fällt uns auf, weil sie sehr souverän die Tüte aus einem exklusiven Dessousladen auf den Knien parkt. In beiden Händen hält sich ein dickes Buch, das auf den ersten Blick einer Foliante ähnelt. Als sie aussteigt, sehen wir kurz den Namenszug des Autoren. Tom Clancy, wahrscheinlich eine Erstausgabe. Sex & crime. Ganz entspannt.

Unser erstes Ziel liegt etwas abseits vom Mainstream: Der Papiniano-Markt. Ein Kilometer Markt. Ein Kilometer Ausnahmezustand. Zwischen Jacken, Schuhen, Taschen und Sonderangeboten liefern sich Mailänder Hausfrauen Verteilungskämpfe, für die man andernorts vermutlich eine Schlichtungsstelle einrichten würde. Zwei Damen diskutieren energisch über einen Pullover für sieben Euro. Uns ist das alles zu voll und auch zu plünnig.

Wir wechseln zum Obst- und Gemüsemarkt ein paar Straßen weiter, den wir mittels stammelnder Italienischkenntnisse ausfindig machen. Statt Polyacryl-Kaschmir Tomaten, Auberginen und Zitrusfrüchte in knallbunten Farben, Fische, die nach Meer duften. Das alles unter wunderbarer Sonne bei15 Grad.

Perfektes Navigli-Wetter. Am Kanal sitzen bereits die ersten mit Aperol Spritz in der Sonne. Niemand scheint es eilig zu haben. Selbst die Kellner wirken, als hätten sie das Wort Hektik bislang nur gelesen.

Wir kehren im Bella Riva ein. Eigentlich nur für eine Kleinigkeit. Am Ende stehen Wasser, Wein, Pasta und Scaloppine auf dem Tisch. Italien ist kein Land für gute Vorsätze.

Navigli zeigt sich mittags von seiner entspannten Seite. Fotografen jagen perfekten Spiegelungen hinterher. Enten sabotieren die Bemühungen zuverlässig. Von der Postkartenidylle geht es anschließend direkt nach Chinatown.

Wer jetzt Drachen, rote Lampions und folkloristische Klischees erwartet, wird enttäuscht. Hier ein Restaurant, dort ein Handyladen, dazwischen Geschäfte voller Glitzerkram. Über den Fassaden chinesische Schriftzeichen, aus den Küchen steigt der Duft von Ingwer, Knoblauch und heißem Öl. 30000 Chinesen sollen hier leben, die ersten sind bereits vor 100 Jahren eingewandert und haben eine Parallelwelt mit eigenen Regeln, eigenen Zeitungen, eigenen Spezialitäten gegründet.

Eigentlich wäre jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, ins Apartment zurückzukehren. Eigentlich. Aber wir kennen uns. Also steigen wir erneut in die Tram. Ziel: Via Montenapoleone. Gucci. Prada. Armani. Hermès. Cartier. Sie sind alle da. Vor manchen Geschäften stehen Menschen geduldig Schlange, um überhaupt die Gelegenheit zu bekommen, ihr Geld auszugeben.

Eine junge Frau trägt eine Handtasche, die vermutlich mehr kostet als unser gesamter Mailand-Aufenthalt. Ein Herr führt einen Hund spazieren, dessen Mantel die gleiche Vermutung nahelegt.

Fast noch zahlreicher als die Kundschaft ist das Sicherheitspersonal. In jeder Tür stehen mindestens zwei Wachleute, durch die Strassen patrouilliert Polizei, flankiert von privaten Security-Leuten. Es ist eie ein monströses Bühnenstück. Uns macht es Spaß. Manche kommen zum Kaufen, viele zum Gesehenwerden. Einige wirken dabei so konzentriert, als würde am Abend ein Preis für den elegantesten Auftritt vergeben. Schon an den Tüten zeichnet sich ab, dass fünf- oder sechsstellig geshoppt wurde. Die pretiosen von Harry Winston, Cartier & Co. verschwinden in den Chanel-Täschchen.

Die Stadt lebt ihren eigenen Stil und lädt jeden ein, hier mitzutun. Was wir in knapp zwei Tagen gesehen haben, liesse sich locker auf eine Woche strecken. Oder auch zwei. Es gibt noch unzählige Viertel, Museen, Kirchen, Plätze und Restaurants zu entdecken. Wir fahren morgen weiter. Aber: Wir kommen wieder. Ganz bestimmt.

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