München. Appetit auf die Stadt.

Der zweite Tag in München beginnt überraschend früh. Wer am Vorabend bereits um acht Uhr erschöpft ins Bett gefallen ist, darf sich über die Konsequenzen nicht beschweren. Kurz nach fünf sind wir putzmunter. Ausgeschlafen, bester Laune und bereit für alles, was Bayern zu bieten hat.

Zunächst allerdings für die Nachrichtenlage.

Während draußen langsam die Dämmerung einsetzt, arbeiten wir uns durch Schlagzeilen, Wetterberichte und erste besorgte Meldungen über mögliche Transportstreiks in Italien im November. Dazu gibt es Kapselkaffee. Kein Genussmittel, sondern medizinische Notwendigkeit. Das Gehirn nimmt den Betrieb auf.

Irgendwo in München werden zu dieser Zeit noch die letzten Diskussionen über das Champions-League-Spiel vom Vorabend geführt. Bayern und Arsenal haben sich mit einem 2:2 getrennt. Ob deshalb heute Morgen das Bier knapp geworden ist, können wir nicht beurteilen. Die Beweislage reicht nicht aus.

Gegen halb sieben öffnet der Frühstücksraum des Hotels Marc seine Pforten. Um acht Uhr strahlt über der Ludwigsvorstadt bereits ein makelloser blauer Himmel. Sieben Grad zeigt das Thermometer, gefühlt eher vier. Aber trocken. Und sonnig.

So stellt man sich Bayern vor.

Das Frühstücksbuffet präsentiert sich in einer Größenordnung, die jede ernst gemeinte Ernährungsplanung sofort zunichtemachen könnte. Vier Sorten Honig. Unzählige Variationen von Ei. Brot in allen denkbaren Erscheinungsformen. Käse, Aufschnitt, Obst, Müsli, Sekt und vermutlich alles Weitere, was irgendwo zwischen Alpenrand und Nordsee jemals als Frühstück bezeichnet wurde. Nach dem kulinarischen Exzess des Vorabends übe ich mich in Disziplin. Eine Schrippe. Ein Ei. Eine Mandarine. Das muss reichen. Auffällig ist die Sprachvielfalt im Frühstücksraum. Offenbar haben sämtliche Gäste heimlich und mit großem Ehrgeiz Duolingo absolviert. An den Nachbartischen wird mühelos zwischen Italienisch, Englisch, Dänisch und diversen weiteren Sprachen gewechselt. Europa beim Frühstück.

Unser Ziel heißt heute Vormittag Viktualienmarkt. Der Weg dorthin führt entspannt über den Marienplatz und vorbei an zwei Münchner Schwergewichten: St. Michael und dem Dom. So opulent der Erstere, so schlicht in der Ausstattung der Dom. Aber beide Gotteshäuser sind sehenswert.

Die Sonne taucht die Altstadt in warmes Licht, die Straßencafés füllen sich, und München zeigt sich von seiner vielleicht überzeugendsten Seite. Der Viktualienmarkt selbst ist genau das, was man sich erhofft: eine Bühne für Genießer. Es riecht nach Käse, Gewürzen, frischem Brot und allem, was Menschen glücklich macht. Händler preisen ihre Waren an, Touristen fotografieren begeistert ihre Brezn, Einheimische kaufen ein, und das ist alles völlig normal. Auf Empfehlung von Tim Raue (und dem Krokodil, versteht sich) steuern wir Friedls Fleischpflanzerl an. Ein Fleischpflanzerl kostet 3,50 Euro. Im Brötchen. Geteiltes Glück verdoppelt bekanntlich die Freude. Die Empfehlung erweist sich als Volltreffer. Nicht einfach, einen ähnlich saftigen und zugleich schmackhaften Klops zu finden. Ich sehe eine zierliche Dame, die gleich zwei davon verzehrt, flankiert von einer ordentlichen Portion Kartoffelsalat. Ich kann gar nicht hinsehen und kämpfe mit meiner wohlschmeckenden Hälfte in der Schrippe.

Anschließend treiben wir durch die Gassen des Marktes, betrachten Spezialitäten, beobachten Menschen und widerstehen heldenhaft diversen Versuchungen. Die legendäre gebutterte Brezel muss bis zum nächsten Besuch warten. Irgendwo müssen Grenzen gezogen werden, wenn man verhindern möchte, vorzeitig zu platzen.

Interessant ist auch noch die alte Markthalle, die Schrannenhalle. Nachdem viele Konzepte gescheitert sind, hat vor einigen Jahren der italienische Konzern Eataly den gesamten Komplex übernommen und einen rein italienischen Luxus-Fressalien-Tempel errichtet, gegen den Andronaco wie ein dörflicher Gemischtwarenladen aussieht. Wird offenbar gut angenommen. Es gibt Wein und Brot, Käse und Schinken, Öle und Essige und weitaus mehr im gehobenen Preissegment. Das gemeine Leben tobt dann wieder vor der Tür auf dem Viktualienmarkt.

Pflichtprogramm nach einem Fleischpflanzerl: Espresso. Den gibt es am Gärtnerplatz in der Sonne im Cotidiano für unfassbare 1,50 Euro pro Tässchen.

Von dort aus lässt sich ganz ausgezeichnet Münchner Straßenkultur studieren. Besonders auffällig ist die bemerkenswerte Dichte an Leopardendesigns. Das Raubkatzenmotiv begegnet uns auf Jacken, Hosen, Schuhen, Taschen, Schals, Mützen, Röcken und manchmal sicherheitshalber gleich auf allem gleichzeitig.

Dazu eine beeindruckende Anzahl farbenfroher Uschi-Obermaier-Jahrgänge, aber auch zahlreiche Cleo-Kretschmer-Look-alikes in höchst unterschiedlichen Erhaltungszuständen.

München ist niemals langweilig.

Noch etwas fällt uns auf: die Vitalität dieser Stadt. Während Hamburgs Innenstadt nach Einbruch der Dunkelheit vielerorts eine gewisse Melancholie entwickelt (bedeutet: mausetot ist), scheint München permanent unter Strom zu stehen. Überall Cafés, Geschäfte, Restaurants und Menschen. Die Altstadt wirkt belebt, genutzt und lebendig.

Hier wird nicht nur gearbeitet. Hier wird gelebt.

Allerdings machen irgendwann unsere Füße nicht mehr mit. Zur Beruhigung steigen wir am Karlsplatz, dem berühmten Stachus, in die Straßenbahnlinie 19 und lassen uns Richtung Isar schaukeln. Als draußen die ersten Autobahnschilder auftauchen, verlassen wir die Tram vorsichtshalber wieder. Niemand hat heute vor, München zu verlassen.

Stattdessen schlendern wir auf dem Rückweg die Maximilianstraße entlang. Jene legendäre Münchner Luxusmeile, an deren Schaufenstern man auch ohne jede Kaufabsicht sehr gut vorbeigehen kann. Die Auslagen funkeln, die Preise ebenfalls. Auffällig ist eine erhebliche Anzahl an Aston Martins, Austin Healeys und Ferraris. Die Porsches, nehme ich an, werden nur von Nannys bewegt. Weiß ich aber nicht genau, bin ja nicht von hier.

Unser eigentliches Ziel ist die Residenz. Vor allem die Schatzkammer beeindruckt. Gold, Silber, Edelsteine und jahrhundertelang angesammelter Reichtum erzählen die Geschichte der Wittelsbacher deutlich anschaulicher als manches Geschichtsbuch.

Danach signalisiert der Körper unmissverständlich das Ende seiner kulturellen Aufnahmefähigkeit. Wir besorgen bei Lidl mehrere Flaschen Wasser und ziehen uns für eine Stunde oder zwei ins Hotel zurück. Füße hoch, durchatmen, Kräfte sammeln. Und schon mal ein bisschen resümieren, damit andando nicht zur Nachtschicht wird.

Eines haben wir inzwischen gelernt: In München ist selbst ein scheinbar ruhiger Urlaubstag erstaunlich anstrengend. Und der Tag ist noch nicht vorbei.

Am späten Nachmittag tapern wir wieder los. Ziel ist der Marienplatz, und zum Abendessen haben wir uns das Augustiner Stammhaus ausgesucht. Eigentlich wollten wir die Straßenbahn nehmen, sind dann aber doch gelaufen. Der Versuch, im Augustiner telefonisch einen Tisch zu bestellen, war schon gescheitert. 24 Stunden vorher Annahmefrist.

Es ist unvorstellbar, wie viel in München auf den Straßen los ist! Toll! Beim Bierbrauer versuchen wir unser Glück zunächst im Schankraum, werden aber gleich irgendwie ins Restaurant des Stammhauses geschoben. Den Tisch in einer vergleichsweise ruhigen Ecke teilen wir uns mit einem niedlichen jungen Paar und dessen Hund. Die beiden schlemmen Wiener Schnitzel, Juan schwäbische Maultaschen, ich einen Leberkäse.

Irgendwann ruckelt der junge Mann neben mir mit dem Stuhl. Ich erschrecke wie ein Hamster.

Dann zahlen die beiden. Er zieht einen Briefumschlag aus der Jacke und zählt irgendwelche Coupons ab. Ist ja niedlich, denke ich bei mir. Da hat er wohl Kantinengutscheine gespart, um seine Liebste zum Essen einzuladen. Weit gefehlt. Er dreht sich zu uns, legt vier Oktoberfest-Gutscheine auf den Tisch und sagt: „Ich lade Sie zum Bier ein.“ Die Gutscheine habe die Firma gekauft, und sie müssten bis Ende Oktober verbraucht werden.

Wir sind sprachlos.

Die junge Frau will ihren Freund noch animieren, uns mehr zu geben, aber er will seinen Bauarbeitern ebenfalls noch einen ausgeben. Die beiden sind weg, wir lächeln immer noch und wollen zahlen.

Der Kellner klärt uns auf: Jedes Zettelchen ist 13 Euro wert. Unsere Rechnung wird mit drei Coupons beglichen. Der Kellner grinst: „Dann können Sie mir den vierten ja als Trinkgeld geben.“ Genauso passiert es. Wir strahlen, der Kellner strahlt. Unglaublich! Was für ein reizendes Paar.

Bester Laune laufen wir noch einen Kilometer zum Hofbräuhaus, vorbei am Haxngrill. Ganz München und ein großer Teil Ostasiens nimmt sich dort diese mächtigen Fleischstücke vor.

Wir hören noch ein bisschen Humtata im wohl berühmtesten Wirtshaus der Welt. Danach haben wir beim besten Willen keine Lust mehr, zu Fuß ins Hotel zu laufen, nehmen die S-Bahn zum Hauptbahnhof.

Im Marc ordern wir noch jeweils ein Alkoholfreies. Auch umsonst, weil das die Welcome-Drinks von gestern sind. Ist das zu fassen? Eigentlich nicht. Was hat das Orchester vor St. Michael so schön gespielt? The Winner Takes It All. So do we.

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