München. Dyakuyu, Deutsches Museum und die Sache mit der Oma.

Kurz vor sechs überprüfe ich die Außentemperatur in München. Ein Grad. Wie gut, dass wir in Hamburg kurzfristig umgeplant und wärmere Jacken angezogen haben.

Noch vor dem Frühstück, aber immerhin nach der Dusche, lernen wir ein neues Wort: Dyakuyu. Das ist Ukrainisch und bedeutet: Danke. Mit Hilfe des Google-Übersetzers sprechen wir damit bereits mehr Ukrainisch als unser Zimmermädchen Deutsch, Englisch oder irgendeine andere uns bekannte Sprache. Pantomimisch, wie einst Samy Molcho, versuche ich ihr zu vermitteln, dass wir Duschgel benötigen. Das funktioniert tatsächlich. Wenige Minuten später steht die gewünschte Flasche bereit. Also: Dyakuyu. Von meinem sprachlichen Einwurf war die Dame offenbar so begeistert, dass sie später vergessen hat, unser Zimmer zu machen. „Bez problem“ heißt „kein Problem“, aber die so wunderbar intensiv nach Knoblauch duftende Dame ist nirgendwo mehr aufzutreiben. Also behalte ich meine sprachliche Neuerwerbung für mich und wir gehen in aller Ruhe frühstücken.

Wir brauchen Kraft für den Tag. Wie so oft haben wir viel vor. Kurz nach elf bringt uns die Tramlinie 17 Richtung St. Emmeram zur Museumsinsel.

St. Emmeram? Ganz hinten in meinem Gedächtnis plingt plötzlich ein gleichnamiger Biergarten auf. Dort hat der Gong-Verlag vor zig Jahren einmal gefeiert und mich, damals noch als Action-Press-Tante, eingeladen. Patrick, Inge, all die Kollegen … Ich erinnere mich noch ziemlich genau daran, wie zwei oder drei Skilehrertypen vorfuhren, geschniegelt wie heute nur noch hochgestylte Influencer. Allerdings kamen sie nicht mit Sportwagen, sondern mit Porsche-Traktoren mit Recaro-Sitzen. Das war damals so obercool, dass man mit einem gewöhnlichen Ferrari vermutlich überhaupt nicht aufgefallen wäre. Und auffallen wollten sie alle. Um jeden Preis. Ich erinnere mich außerdem an Abi Ofarim, Gils Vater, der schwer mit Herumbaggern beschäftigt war und unbedingt noch jemanden ins P1 mitnehmen wollte. Mich nicht. Mein Verhältnis zum Münchner Nachtleben war schon damals von großer Vorsicht und geringer Risikobereitschaft geprägt. Ich bin zeitig und ziemlich München-schockiert verschwunden.

Das ist natürlich alles lange, lange her.

Was zählt, ist die Gegenwart. Und die heißt heute: Deutsches Museum. Es gehört zu den bedeutendsten Technik- und Wissenschaftsmuseen der Welt. Nicht, dass ich sonderlich technikaffin wäre. Aber das klingt reizvoll. Juan freut sich sowieso. Er hat von solchen Dingen schließlich auch Ahnung.

Die Geschichte des Hauses beginnt 1903, als der Ingenieur und Energiepionier Oskar von Miller die Idee verwirklichte, die großen Errungenschaften von Naturwissenschaft und Technik einer breiten Öffentlichkeit verständlich und anschaulich zu präsentieren. Unterstützt von Wissenschaftlern, Unternehmern und der Politik entwickelte sich das Museum schon kurz nach seiner Gründung zu einem nationalen Vorzeigeprojekt.

Während wir an der Isar entlang zum Eingang schlendern, können wir bestätigen, dass das Projekt nichts von seiner Faszination verloren hat. Viele, viele Menschen strömen auf die Ticketschalter zu. Die meisten pfiffig in Turnschuhen, bereit für mehrere Stunden Wissenschaft am offenen Herzen. Vereinzelte Besucherinnen balancieren dagegen bereits jetzt auf High Heels, als würden sie anschließend direkt zu einer Proseccoparty, sicher nicht zum Champagnerempfang weiterziehen. München kann beides.Und der bereits erwähnte Hang zum Leopardenlook ist erneut deutlich spürbar.

Aber zurück zum enzyklopädischen Wissen. Als Standort erhielt das Museum die Münchner Museumsinsel in der Isar. Der Bau begann 1906. Der Erste Weltkrieg und die schwierige wirtschaftliche Lage verzögerten die Fertigstellung, sodass das markante Hauptgebäude erst 1925 eröffnet werden konnte. Schon damals zog das Konzept mit seinen technischen Originalen, Demonstrationen und Experimenten Besucher aus aller Welt an. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Gebäude schwer beschädigt, zahlreiche Exponate gingen verloren. In den Jahrzehnten nach Kriegsende erfolgte ein umfangreicher Wiederaufbau, sodass das die Bedeutung als internationales Zentrum der Wissenschaftsvermittlung zurückgewonnen werden konnte.

Wir sind gespannt, was uns auf mehreren Etagen erwartet. Zu den großen Attraktionen gehören historische Flugzeuge, Schiffe, Bergwerksanlagen, Landwirtschaft, Medizin-Errungenschaften, Raumfahrttechnik und zahllose interaktive Stationen, an denen Wissenschaft tatsächlich greifbar wird.

Schon mit dem ersten Schritt tauchen wir ein, saugen Informationen und Bilder auf. Spielen, weil es ausdrücklich erlaubt ist, an Knöpfchen herum, die ihrerseits immer neue Bilder, Töne oder technische Wunder hervorzaubern. Besonders beeindruckend finden wir die Flugzeugausstellung. Bei den modernen Robotern halten wir die Luft an, während sie demonstrieren, was sie alles können. Wir bestaunen die Chiffriermaschinen der Enigma, die im Zweiten Weltkrieg lange als unknackbar galten, bis sie es eben doch nicht mehr waren. Ab und zu setzen wir uns hin. Schütteln uns. Atmen durch. Gehen weiter.

Es ist ein lohnenswertes Museum auch für Menschen, die weder besonderes Interesse an Technik haben noch nennenswerte Kenntnisse darüber besitzen. In den großen Hallen verläuft sich der Besucherstrom angenehm. Was an den Kassen noch nach Massenabfertigung aussah, erweist sich innen als überraschend entspannt. Viele Familien sind unterwegs. Immer wieder beobachte ich Eltern, die sprachlich rudernd versuchen, Bildungslücken auszubalancieren und ihren Kindern technische Zusammenhänge zu erklären. Das klingt ungefähr so, als würde ich Quantenphysik auf Ukrainisch unterrichten. Der gute Wille ist beeindruckend, die Trefferquote meist überschaubar.

Ist ja auch alles nicht so einfach.

Drei Stunden lang begegnen wir Flugzeugen, Robotern, Bergwerken, Schiffen, Lokomotiven und jeder Menge technischer Wunder, lesen Hinweise, hören Erklärungen, nehmen viel Neues auf. Doch der schönste Satz des ganzen Museumsbesuchs fällt kurz vor dem Ausgang. Ein niedliches Kind, vielleicht vier Jahre alt, plappert fröhlich: „Das nächste Mal gehen wir ohne Oma.“ Allein dafür hat sich der Eintritt schon gelohnt.

Lächelnd machen wir uns davon und steigen wieder in die Straßenbahn. Diesmal geht es zum Englischen Garten. Die Surfer auf der Eisbachwelle an der Prinzregentenstraße wollen wir uns ansehen. Das tun wir auch. Und wir möchten keine einzige Sekunde mit ihnen tauschen. Die Surfer wirken beneidenswert cool. Das Wasser dagegen sieht aus, als würde es aktiv nach Opfern suchen. Es ist vermutlich ungefähr so einladend wie eine Steuerprüfung an einem Montagmorgen.

Also wieder weiter. Zum Viktualienmarkt. Ziel ist das hochgelobte Restaurant Zwickl, das in jedem Reiseführer erwähnt wird. Dort trinken wir nur ein alkoholfreies Bier, weil der Körper nach Flüssigkeit verlangt. Die Speisekarte überzeugt uns überhaupt nicht. Also hauen wir sehr schnell wieder ab.

Juan steht schon seit gestern der Sinn nach einer Haxe. Im Vorbeigehen zum Hofbräuhaus hatten wir einige besonders prachtvolle Exemplare durchs Fenster im Haxengrill bewundert. Der ist praktischerweise nicht weit entfernt. Obwohl bereits halb vier, ist der Laden rappelvoll, und immer mehr Menschen stürzen hinein. Die Kellner sind fix und fertig und sehen allesamt so blass aus wie Boris Karloff oder Bela Lugosi aus Horror-Stummfilmen. Juan strahlt und bekommt sein gewünschtes Prachtstück. Ich entscheide mich für ein Schnitzel, dessen zerklüftete Form entfernt an eine Weltkarte erinnert. Allerdings an eine Weltkarte, die ein Fünfjähriger aus dem Gedächtnis gezeichnet hat, nachdem man ihm vorher vorsichtshalber die Augen verbunden hatte. Sieht merkwürdig aus, schmeckt aber gut. Eines ist klar: Mehr wird es heute nicht zu essen geben.

Wir brauchen Luft und erschrecken fast ein bisschen. Verglichen mit gestern hat sich die Besucherschar in der Altstadt an diesem Freitag mindestens verdoppelt. Als hätte halb Bayern beschlossen, gleichzeitig mit uns frische Luft schnappen zu gehen. Menschen überall. Und alle offenbar in Shopping-Laune. Wir schieben uns über den Stachus zurück Richtung Hotel und sind sicher, dass wir trotz der vergleichsweise frühen Stunde heute keinen einzigen Fuß mehr vor die Tür setzen werden.

Das Deutsche Museum hat unser Gehirn erschöpft.

Die Altstadt unsere Füße.

Der Haxengrill den Rest.

Für den Resttag muss München ohne uns auskommen. Bis morgen früh. Dann geht das ganze Spiel wieder von vorne los.

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andando
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