Mailand. Mit allem Drum und Dran.

Möglicherweise haben sich die Menschen im Pressebüro des Mailänder Doms gewundert, um 5.38 Uhr morgens eine E-Mail zu erhalten. Ich war jedenfalls hellwach, wollte Juan nicht piesacken und habe kurzerhand eine Akkreditierungsanfrage verschickt.

Nicht zuletzt, um die 26 Euro Eintritt pro Nase zu sparen. Vor allem aber, weil wir für Gotteshäuser grundsätzlich keinen Eintritt bezahlen. Zwar stand auf der Website des Ufficio Stampa unmissverständlich, Anfragen müssten spätestens 72 Stunden vor dem Besuch eingehen. Aber was soll’s.

Abgeschickt. Vergessen.

Erst einmal gibt es Frühstück. Haferflocken, Joghurt und Milch in unserem Apartment in der Via Gregorio. Die Unterkunft ist zweckmäßig, aber nicht übermäßig großzügig ausgestattet. Es fehlen Müslischüsseln. Den angekündigten Geschirrspüler finden wir ebenso wenig wie Duschgel oder ein Küchentuch. Die Handtuchheizung im Bad funktioniert vermutlich nur bei minus zehn Grad. Alles egal. Wir wollen hier lediglich drei Nächte verbringen und haben eine hervorragende Basis für unsere Ausflüge.

Wenn man bedenkt, dass wir zu Hause am Hofweg gelegentlich stöhnen, weil wir die paar Meter zu Edeka laufen müssen, ist es erstaunlich, wie viele Kilometer wir auf Reisen ganz freiwillig absolvieren.

Das Wetter kann sich noch nicht entscheiden. Wolken, Sonne, zwölf Grad. Perfekt für einen Spaziergang Richtung Duomo.

Nach dem ersten Kilometer läuft es wie von selbst. Vor der Piazza della Repubblica fällt mir auf, dass auffallend viele Mailänderinnen Anzüge tragen. Allerdings nicht die trutschigen Varianten, die man aus deutschen Nachrichtensendungen kennt. Hier dominieren figurbetonte kurze Blazer, schmale knöchellange Hosen und dazu wahlweise Stilettos oder Chelseas. Die passende Clutch klemmt unterm Arm. Wer raucht, zieht lässig an einer stricknadeldünnen Zigarette und zeigt massive Ringe, gern offenbar Pomellato.

Die Anzüge sind aufregend unaufgeregt. Dunkelblau. Anthrazit. Sehr elegant. Überhaupt scheint Mailand deutlich besser angezogen zu sein als viele andere Städte. Klassisch, stilvoll und ohne großes Theater. Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele. Menschen, die sich in Kleidungsstücke zwängen, die offensichtlich jemand anderen mit ganz anderen Proportionen glücklich machen sollten.

Hinzu kommen große Gruppen asiatischer Modefans. Die Sparsameren tragen Uniqlo, die Wohlhabenderen Gucci oder Chanel. Dazwischen liegt vermutlich Mailands wichtigster Wirtschaftszweig.

Zu sehen gibt es ohnehin genug.

Unter anderem eine E-Mail. Vom Pressebüro. Wir sind akkreditiert. Morgen.

Blöd nur, dass wir jetzt schon direkt vor dem Dom stehen. Gemeinsam mit einigen tausend anderen Menschen. Polizei, Carabinieri und Militär wachen aufmerksam über das Geschehen. Währenddessen präsentiert sich die Galleria Vittorio Emanuele wie immer: heil, elegant und absurd teuer.

Auf gut Glück fragen wir beim Sicherheitspersonal nach. Man verweist uns an ein kleines Seitenfenster. Dort sitzt eine alterslose Dame, deren Erscheinung wirkt, als sei sie direkt den zwanziger Jahren entsprungen. Ein bisschen Typ Louise Brooks. Sie findet tatsächlich unsere Akkreditierung für morgen, hört sich unser Anliegen an und lässt mit sich reden. Wenig später schweben wir mit dem Aufzug vom Nordzipfel der Kathedrale zur Dachterrasse.

Was für ein Ort.

Die Architektur des Doms ist überwältigend. Von oben kommt noch ein atemberaubender Rundumblick über Mailand hinzu. Zwischen Türmchen, Spitzbögen, Wasserspeiern und Heiligenfiguren umrunden wir den gesamten Sakralbau. Danach geht es Treppen hinauf. Treppen hinunter. Weitere Treppen. Irgendwann frage ich mich, ob das Christentum möglicherweise als Ausdauersport begonnen hat. Erneut rettet uns ein freundlicher Wachmann. Per Funk organisiert er einen versteckten Aufzug und geleitet uns höchstpersönlich hinein. 252 Treppenstufen geschenkt.

Wenig später stehen wir im Kirchenschiff. Der Mailänder Dom gehört zu den größten gotischen Kirchen der Welt. Mit dem Bau wurde bereits 1386 begonnen. Fertig war man offiziell erst fast 600 Jahre später. Allein die Dimensionen beeindrucken: über 150 Meter lang, mehr als 90 Meter breit und übersät mit Tausenden Figuren, Türmen und Verzierungen. Im inneren geht der Eindruck nahtlos weiter. Gewaltige Säulen verschwinden im Halbdunkel. Marmor überall. Menschen ebenfalls. Sehr viele Menschen. So viele, dass wir auf Krypta und archäologische Ausgrabungen verzichten und lieber wieder ans Tageslicht flüchten.

Dort wartet strahlender Sonnenschein. Und noch mehr Menschen.

Zwischen Dom und Galleria pendeln Heerscharen von Besuchern hin und her, während in den Luxusgeschäften die Kreditkarten glühen. Wir kaufen nichts. Wie üblich.

Dafür knurrt inzwischen der Magen. Die Restaurants direkt am Platz mit ihren bunten Touristenmenüs kommen nicht infrage. Ein paar Straßen weiter landen wir stattdessen in einer Art Kantine für Einheimische. Zur Auswahl stehen Pasta mit Erbsen und Schinken oder Costoletta mit Salat. Wir nehmen die Costoletta. Eine ausgezeichnete Entscheidung.

Gestärkt laufen wir weiter Richtung Via Dante. Dort wird das Einkaufen etwas bezahlbarer, zumindest solange man großzügig darüber hinwegsieht, dass man sich immer noch in Mailand befindet. Am Ende der Fußgängerzone erscheint schließlich der Brunnen vor dem Castello Sforzesco.

Vorher gibt es allerdings noch ein fantastisches Eis.

Prioritäten. Das Schloss wirkt wie eine mittelalterliche Kleinstadt mit Mauern. Die mächtige Festung beherbergt heute Museen, Kunstsammlungen und Michelangelos letzte, unvollendete Pietà. Eigentlich. Denn inzwischen holen uns die vergangenen Tage ein. Für die Pietà reicht die Energie nicht mehr. Für die Pinakothek ebenfalls nicht. Man kann schließlich nicht alles anschauen.

Also beschränken wir uns auf die Innenhöfe, werfen einen Blick zum Arco della Pace, dessen Quadriga verdächtig ans Brandenburger Tor erinnert, und lassen uns schließlich in die historische Straßenbahnlinie 1 fallen.

Die orange-gelben Wagen stammen teilweise noch aus den Jahren 1928 bis 1932 und rattern bis heute durch die Stadt. Bezahlt wird ganz modern mit Karte oder Apple Pay. Ein kleines Zugeständnis an die Gegenwart. 2,20 Euro kostet die Fahrt.

Kaum mehr als sechs Flaschen Wasser, die wir unterwegs noch schnell einkaufen. Wenig später lümmeln wir lesend und tippend im Apartment und strecken die Füße von uns.

Morgen wird es möglicherweise wieder anstrend. Mailand macht bislang nicht den Eindruck, als wolle es uns schonen.

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andando
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