Sorry, Rosie!

 

Heute ist Victoria Day, der letzte Montag vor dem 25. MaI, ein gesetzlicher Feiertag in Kanada. An diesen Montag sind Banken, Schulen, Behörden, viele Geschäfte und Restaurants geschlossen. Der Victoria Day ist ein ganz besonderer Feiertag zu Ehren der britischen Königshauses. Am 24. Mai 1854, zum 35. Geburtstag von Königin Victoria, kamen 5.000 Einwohner von West-Kanada vor der Regierung Haus in Toronto und ehrten sie. Victoria war 64 Jahre (von 1837 bis 1901) Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland. Während ihrer Regierungszeit erlebten die Ober- und Mittelschichten Englands eine beispiellose wirtschaftliche Blütezeit, und das Britische Weltreich stand auf dem Höhepunkt seiner Macht.

Wir feiern heute einen wunderschönen Morgen mit strahlendem Sonnenschein, trinken noch einmal Kaffee am Jordan River und gucken zu, wie sich der Platz langsam leert. Der fiese Opa ganz rechts war geradezu wunderbar: Das Feuerholz, das er übrig hat, bringt er, auf seinen Stock gestützt, zu uns. Seine Frau rät Juan, sollten wir bleiben, auf ihren Platz umzuziehen: Nr. 10 sei der Beste. Wir packen dann aber auch unsere Klamotten, verabschieden winkend alle, die vor uns gehen.

Im Wasser dümpelt wieder das Wesen, das wahrscheinlich ein Otter ist. Oder eine Schildkröte. Schildkröten hier oben? Naja…

Nach fünf Tagen und Nächten ist uns unser Campground richtig ans Herz gewachsen, aber wir wollen ja noch weiter. Bis Port Renfrew, ungefähr 35 Kilometer, gibt es nichts ausser hohen Bäumen, vermutlich Douglasien, Einblicke auf die schweren Holzeinschläge überall und den Ozean. Port Renfrew selbst ist – nichts. Ein paar Häuser, der Beginn des Trails über den Botanical Park (das ist etwas für sehr erfahrene Wanderer und dauert ungefähr eine Woche) und ein General Store, in dem wir Eis kaufen, damit unser Cooler nicht schlappmacht.

Wir gucken uns ein bisschen um, fahren dann aber Richtung Cowichan Lake, der im Sommer eine Art Gardasee der Insel ist. Der Weg dahin ist traumhaft schön: Verschlungene Strassen, ein paar Serpentinen, intensives Grün, manchmal kuhgrosse Schlaglöcher – Kanada wie aus dem Bilderbuch. In Lake Cowichan ist es trotz ständig steigender Temperaturen allerdings noch nicht soweit, dass man bleiben wollte. Der See ist hübsch, die Campgrounds gucken wir nicht – falsche Jahreszeit.

Stattdessen fahren wir weiter nach Duncan, in die Stadt der Totempfähle. Dort gibt es bei Tim Hortens erst einmal einen Blick ins Internet und die Idee, mal im Motel zu duschen. Sorry, Rosie, das muss mal sein. Wir hatten uns ohnehin vorgenommen, mindestens einmal pro Woche sesshaft zu werden. Heute, am ersten Tag der vierten Woche, ist es soweit. Wir buchen via booking das Thunderbird Motor Inn für bummelige 60 Euro, weil es da auch einen Diner gibt, in dem wir praktischerweise essen können.

Erst aber mal ins örtliche Home Depot, weil wir Stützen für unsere schattenspendende Plane brauchen. Inzwischen ist es draussen 30 Grad warm. Wir finden etwas, sägen es zurecht, aber an der Kasse trifft uns fast der Schlag: der günstige Preis bezieht sich auf eine Fuss, nicht auf die Stange. Obwohl gesägt, können wir es stehenlassen. In Europa wäre das unmöglich, schätzen wir mal… Wir finden etwas anderes und dann das Motel. An der Rezeption steht Rita, eine entzückende Filippina. Lovely Rita zeigt uns alles, hängt sich ins Internet, weil leider, leider der Diner an diesem Feiertag zu ist. Etwas südlich auf dem Trans Canada Highway gibt es etwas.
Oder downtown? Da könnte man dann auch gleich ein paar der größten Totempfähle Kanadas besichtigen, geschaffen von Simon Charlie. In den 1980er Jahren holten die Stadt ihre ethnischen Minderheiten stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Damit rückten zunächst die First Nations der Region, vor allem die Cowichan, in den Blickpunkt.
Die Stadt wurde nach dem 1836 in Sarnia in Ontario geborenen William Chalmers Duncan benannt. Er kam im Mai 1862 nach Victoria und schloss sich den rund hundert Siedlern an, die Gouverneur James Douglas zur Cowichan Bay schickte. Nachdem Duncan dort von Goldfunden gehört hatte, zog er an den Fraser River und in das Cariboo-Gebiet. Schließlich siedelte er sich beim heutigen Duncan an und heiratete 1876. Sein Sohn Kenneth wurde der erste Bürgermeister des Ortes, der seit 1912 Stadt ist.

Heute gibt es wenig Menschen in Duncan. Wäre da nicht ein Schild gewesen, hätten wir die Innenstadt nicht einmal als solche erkannt. Aber es gibt zumindest ein geöffnetes Restaurant, das Jake’s. Pale Ale vom Fass, Wildlachs und baby back ribs – die Welt ist in Ordnung.
Jedenfalls hier in Duncan. Wenig später lesen wir vom Anschlag in Manchester. Wir sind hier so hinterwäldlerisch, dass man sich solche Katastrophen kaum vorstellen kann.

Bei einem letzten Bier auf der Terrasse des Motels und immer noch um die 24 Grad stellen wir wieder einmal fest, wie gut es uns geht.

22 Mai 2017

Panorama

 

Wir rühren uns praktisch nicht von der Stelle, aber das Panorama ändert sich fast stündlich.

Morgens, kurz nach sieben, versinkt die ganze Welt in dichtem Nebel. Wir sehen kaum das Ufer, geschweige denn die USA. Eigentlich wollten wir gemütlich am Platz etwas brutzeln, aber das ist uns doch ein bisschen zu klamm. Also auf zu Phil, auf ins Shirley Delicious.

Natürlich sind wir auch ganz kurz nach acht nicht die ersten Gäste, finden aber noch einen Tisch mit Steckdosen zu Aufladen der Gerätschaften. Unser Problem – Problem! ha! – ist nicht nur der Mangel an wifi, sondern auch an Strom. Über den Zigarettenanzünder lädt quasi alles nur im Schneckentempo, deshalb werden wir, wann immer möglich, Stromräuber.

Ham & eggs & toast, dazu einen grossen Pott Kaffee und tolle Musik, die Phil über spotify einfängt. Was für ein schöner Morgen! Ein paar Mails und Nachrichten – der HSV hat den Klassenerhalt tatsächlich wieder geschafft, aber übereifrige Ordner haben den jubelnden Lasogga kurz festgenommen -, noch ein Käffchen. Phil hat übrigens eine sagenhafte Begabung: Er kann sich Namen merken und sogar die Gesichter dazu. Als ich ihm meinen Namen sage, rchne ich fest mit dem üblichen Bridget – nein. Birgit, ganz klar. „There was a Birgit in my life…“

Langsam wird es draussen etwas lauschiger: Die Sonne kämpft gegen den Nebel, gewinnt zumdest hier in Shirley, etwas höher als unser Campground gelegen.

Aber noch nicht am Jordan River, als wir zurückkommen auf unser Plätzchen. Grau in Grau im Nebel, soweit das Auge reicht. Also gehen wir bei ganz besonderer Atmosphäre am Strand spazieren. Hinter den ersten Felsen hat sich eine grosse Gesellschaft niedergelassen: Um die Piratenflagge picknicken vier, fünf Familien. Offenbar gibt es zwei Geburtstage, denn auf unserem weiteren Weg sehen wir überall Päckchen, heimlich verborgen. Süsse Idee! Wir kehren bald um und gehen dem Sonnenschein entgegen.

Das One Shoulder Café, nur ein paar hundert Meter von unserem Campground entfernt, ist heute geöffnet. Das ist ganz klar ein Treffpunkt der Biker! Manikürte Harley Jungs in massgeschneiderte Kutten, dann die BMW Herren, schliesslich ein paar Japan-Freunde und Rattatazong-Mofas. Sehr hübsch hier – und viel zu gucken. Nach einem wieder einmal sehr odentlichen Kaffee gehen wir über die Strasse direkt ans Meer.

Wieder ändert sich das Panorama: Die Nebelschwaben lichten sich, Land gegenüber kommt in Sicht. Die Sonne scheint inzwischen richtig, also bleiben wir am Ufer mit unseren Büchern sizen, lesen, bobqchten die Vögel über dem Meer, die Wellen, nichts. Wunderschön!

Am frühen Abend macht Juan ein Feuerchen: Hühnerbeine und Minikoteletts werden heute zu Tomatensalat auf dem Rost landen. Aber erst einmal gibt es ein Pacific Pilsner.

Wir sind schon ungeheuer gespannt, wohin der Weg uns morgen führen wird. Jetzt machen wir uns am Feuer bei langsam aufkommender Kühle eine gemütlichen Abend, sehen den vorbeifahrenden Kreuzfahrtschiffen nach und beibachten, wie sich langsam, langsam die Sterne am klaren Himmel zeigen. Grossartig!

21 Mai 2017

Haushalt

 

Die Nacht war nicht so doll, was daran lag, dass der Generator unseres Nachbarn zur Rechten immer mal wieder bollernd angesprungen ist, um uns damit aus dem Schlaf zu reissen. Aber so ist es nun einmal. Um acht sind wir munter und unternehmenslustig.
Da quasi unsere gesamte Elektronik auf Null ist (wir haben keinen Strom, versteht sich, nur ganz laue Auflademöglichkeiten über den Zigarrettenanzünder), müssen wir uns irgendwo einschleichen und an Steckdosen ran. Unser Ziel: Shirley Delicious. Sie wollen ja ab acht geöffnet sein…

Und das sind sie wirklich! Haben wir gestern vor der Tür einen Ferrari gesehen, sind es heute mindestens acht, neun Harleys. Deren Fahrer frühstücken auch schon, ausserdem gibt es eine lange Schlange am Ordertresen. Die kommen mit dem Backen kaum nach: die Muffins – Blaubeer, Zimt, Vanille, Rhabarber und mehr – werden ofenheiss verkauft. Wir kriegen zwei Kaffee und zwei Schokocroissants, die so duftig sind, wie man sie auch in Frankreich nicht besser findet.
Der Chef ist bester Laune, trällert und singt und begrüsst jeden wie längst verloren geglaubte Freunde. Nimmt der was?!?!? Wir geniessen unser Frühstück, die sich aufladenden Akkus, lesen mails – danke! – und Kommentare zu andando – immer eine grosse Freude -, laden das nächste Machwerk unserer Reisebeschreibung auf und fahren schliesslich nach Sooke.

Badetag! Das Bäderland Hamburg sollte sich mal ein Beispiel an dem Winznest Sooke nehmen: Damit es sich jeder leisten kann, kostet der Schwimmbetrieb samstags von 9:30 bis 12:00 nur zwei Dollar. Wir sind zwar ein bisschen früh, aber die Lady an der Rezeption nimmt uns nur vier Dollar ab. Alles, was wir auf dem Leib tragen, wird komplett ausgetauscht, denn vom Aquabad geht es direkt in den Waschsalon. 3,50 die grosse Ladung, 1 Dollar fürs Waschpulver – vierzig Minuten Zeit, nebenan einen Kaffee und ein bisschen Internet, dann nochmal ein halbes Stündchen – alles sauber.

Wir bemerken den zunehmenden Verkehr: Zum Victoria Day wollen alle raus. Der wird in Kanada zu Ehren der Königin Victoria seit 1845 gefeiert und ist ein nationaler Feiertag. Die grösste, opulenteste Parade soll in Victoria stattfinden – ohne uns. Vor allem nehmen die Kanadier an diesem langen Wochenende Abschied vom Winter und begrüssen den Sommer.
Heute tun sie es mit strahlendem Sonnenschein und Temperaturen um 15 Grad, die die Einheimischen dazu veranlassen, sich hochsommerlich an-, bzw. auszuziehen. In der Sonne ist es wirklich schön warm, aber im Schatten…
Nach kleinen Hamsterkäufen für die nächsten Tage zieht es uns zurück ins Camp. Sämtliche Plätze in der Gegend sind voll. Streunende Wohnmobile, Biker-Gruppen, Radfahrer, Autos – alle irren herum auf der Suche nach einem Platz zum Übernachten. Bei uns geht es zu wie im Taubenschlag: reinfahren, gucken, abhauen. Alles voll.

Derweil vollzieht sich vor uns über der Strait of Juan de Fuca ein besonderes Schauspiel: Dicke Nebelschwaden legen sich in affenartiger Geschwindigkeit über das Ufer, die USA sind nicht mehr zu sehen… „The Fog“. Huch! Nicht, dass da auch noch fiese Gestalten anwabern!

20 Mai 2017

Wunderbarer Alltag

 

Wir schlafen in unserem Schneckenhaus neun, zehn Stunden – das schaffen wir zuhause nie! Unser erster Blick fällt auf den Himmel, der sieht schon einmal gut aus.
Die Sonne geht auf, Susan und Bill machen ihr Riesengefährt klar. Ihnen war etwas kalt in der Nacht, also fahren sie wieder nach Sidney und rüsten die Karre dort für den langen Trip aus. Neun Jahre haben sie in diesem Mobil gelebt, immer im Sommer, die kalten kanadischen Winter haben sie sich in Neuseeland geschenkt. Erst seit ein paar Jahren haben sie wieder ein festes Haus, leben aber ihr gewohntes Leben auf Achse trotzdem weiter. Kaum ist sichtbar, dass sie abreisen werden, stürzt sich auch schon ein Ehepaar mit zwei kleinen Kindern auf den Platz, stellt ein Zelt als Platzhalter auf und will nachmittags wiederkommen. Die Plätze sind begehrt und wir haben mit unserer Fünftagebuchung alles richtig gemacht.
Die nächsten, die munter werden, sind kleine Mädchen, die in ihren Pyjamas auf den Steinen am Ufer spielen. Wir brauchen erst einmal einen Kaffee und ein kleines Frühstück (Spiegeleier auf Toast und ein paar Orangen aus Kalifornien) und dann Eis. Das holen wir in Shirley Delicious, rund zwölf Kilometer östlich. Im nächsten Leben werde ich Eisverkäufer. 5 Dollar knöpft uns das fröhliche Paar im Delicious für den Eisbeutel ab, aber nur 5,25 für zwei richtig gute Kaffeebecher. In diesem konkurrenzlosen Laden ist die Hölle los. Sämtliche Backwaren sind hausgemacht und sehen auch super aus. Sieben Tage in der Woche, immer von acht bis fünf, kann man im Delicious auch online gehen. Gerade kommen ein paar Südafrikaner durch die Tür und die Wirtin spricht ein paar Brocken Holländisch mit ihnen. Viel kann sie nicht mehr, aber ihr Grosseltern sind mit den Eltern aus Delft eingewandert. Ihr Partner singt dazu mit tiefer Stimme ein Lied – grossartig. Die Buren sind ein bisschen erschrocken, das soll wohl auch so sein. Alle lachen miteinander und das auch schön laut. Wir laden andando auf, gucken ein paar Mails (piep) und Nachrichten (Julian Assange wird nicht mehr von schwedischen Behörden belangt, Trump macht weiter Unsinn, Martin Schulz ist wegen irgendwem oder -was beleidigt) und trödeln dann wieder auf den Camp ground.

Inzwischen haben zwei Slots weiter zwei, drei Grossfamilien eine Art Wagenburg gebaut. Und nein, sie haben keine Schäferhunde, sondern Rottweiler, die aber – hoffentlich – gut im Griff. Ich Jammerlappen atme erst einmal aus. Juan hackt ein bisschen Holz, geht dann am Strand Kleinholz fürs Feuer sammeln. Ich sitze einfach nur rum, gucke aufs Meer, lese und habe ein scharfes Auge auf die Rottweiler-Meute, zu der sich noch eine Art Chowchow – ich will die Zunge gar nicht sehen… – gesellt hat.
Um halb vier gibt’s ein Käffchen zur Prinzenrolle, davon muss man sich ja auch erst einmal wieder erholen. Wir gucken ein bisschen in die Karten, werden uns bestimmt Port Renfrew angucken und… Stop! Erst einmal bleiben wir bis Montag hier am Jorden River und beobachten den Olympic Peak drüben in Washington State. Und ab und zu vorbeifahrende Schiffe.
Irgendwann rollt ein Expeditionsfahrzeug aus Füssen (FS?) auf den Ground, aber bald auch wieder weg: ausgebucht. Wir winken uns noch mal kurz zu – adios! Nach so viel Aufregung sucht Juan mit seinem Huaiwei wünschelrutenartig und ergebnislos einen Hotspot fürs Wifi – mir ist das eher schnuppe, denn morgen nach dem Duschen in Snooke kann ich ja sowieso wieder online gehen.

Inzwischen ist unser Nachbar zur Rechten eingetrudelt, der gestern bereits seinen gigantischen Wohnwagen abgestellt hat. Juan ist sicher, dass der Typ Deutscher oder zumindest deutscher Abstammung ist, weil er so extrem ausgerüstet ist und akribisch aufbaut. Zunächst einmal rollen er und sie Seine einen Schachbrett-Teppich aus, dann kommen die Gerätschaften: Solarpanel, Generator und mehr und mehr und mehr. Mutti putzt erst einmal die Fenster, dann die ganze Kiste. Auch hier wird alles frühlingsflott gemacht. Allerdings nicht so fröhlich wie gestern bei Susan und Bill, sondern mit mürrischer Verbissenheit. Ich traue mich nicht Fotos zu machen, aber vielleicht ergibt sich ja noch eine Paparazzi-Möglichkeit 🙂

Links von uns sitzt ein Vater mit seinem vielleicht Dreijährigen. Der heult, weil seine Hände schmutzig sind. „If you go camping, your hands are always dirty.“ Nun heult der Bengel noch mehr.
Wird Zeit, dass wir ein Bier zischen lassen!

Und uns langsam ums Abendessen kümmern. Zum Apéritif-Bier gibt es Karotten und cream cheese, dann teiken wir zwei Würstchen vom Grill (da ist bei der hiesigen Schlachtkunst noch Luft nach oben!) und ein Nackensteak, das ein bisschen mit Knoblauch gespickt, mit Pfeffer, Salz und Cayenne gewürzt ist, Grilltoasts, Gurkensalat und fertig. Wunderbar. Die Kinder neben uns toben in tshirts und kurzen Hosen, wir hüllen uns in Fleece und gucken zu, wie sich mit dem Stand der untergehenden Sonne das Bild vor unserer Nase verändert.

19 Mai 2017

Begegnungen

 

Wir sitzen an unserem Feuer und beobachten ein Kreuzfahrtschiff, das von links nach rechts an uns vorbeifährt. Unsere Nachbarin aus dem Riesenmobil, eine Neuseeländerin names Susan, so ungefähr in unserem Alter, kennt die Route: Von Seattle nach Anchorage. Bill, ihr kanadischer Mann, ergänzt: Die Kreuzfahrtschiffe aus Vancouver kommen nicht über die Juan de Fuca Straight; sie fahren die innere Passage.
Unsere Nachbarn sind Ende April aus Neuseeland zurückgekommen, wo sie möglichst immer überwintern, und ziemlich entsetzt über den Rückstand des Frühlings hier. Es müsste längst viel wärmer sein, sagen sie, die in Sidney auf Vancouver Island leben. Unseretwegen sehr, sehr gern! Nachbarns bleiben eventuell das lange Victoria weekend neben uns und nehmen dann Kurs auf Ottawa. Am 1. Juli, zum 150. Geburtstag des Landes, wollen sie in der Hauptstadt sein. Sind auch mit dem Schlachtschiff bummelige 3500 Kilometer…

Sie beiden sind viel unterwegs, geben uns auch gleich ein paar Tipps für die Tour nach Alaska. Darson City ist Pflicht, Whitehorse sowieso. Um den Denali National Park würde viel zu viel Theater gemacht. Viel mehr, vor allem Tiere, sei auf dem Alaska Highway an Prince George zu sehen . Und wenn man nach Anchorage käme, am besten gleich weiter südluch Richtung Seward fahren. Da sei es nun wirklich sehr, sehr schön.
Wenn man allerdings vorhabe, ganz an den Polarkreis nach Inuvit fahren zu wollen, solle man sich besser warm anziehen: der ganze Weg Schotterpiste. Sie hätten für ihren Pkw zwei Ersatzreifen dabei gehabt und beide gebraucht. Naja, sooooo nördlich in die Northern Terretories wollen wir eigentlich nicht. Aber wer weiss. Wer eeiss, ob wir überhaupt in Alaska landen? Jedenfalls war es wieder mal ein höchst interessantes Gespräch am Feuer auf dem Campingplatz, der übrigens inzwischen rappelvoll ist.

Heute morgen sind eine ganze Menge der grossen Wohnmobile abgehauen. Wir auch. Aber wir haben unseren Platz vorsichtshalber mit Klappstühlen und Kram markiert. Wir fahren knapp 35 Kilometer nach Sooke zum shopping, denn wir werden uns hier am Jordan River ganz klar über die Feiertage einigeln. Dazu brauchen wir Brot, Bier und Fleisch, den Rest haben wir sowieso. Ach so, Eis müssen wir noch irgendwo besorgen, damit alles gekühlt bleibt.
So, aber erst einmal einen Kaffee und Aufladen des ibooks bei Serious Coffee. Die Kanadier haben wirklich Ahnung von Kaffee. Wir bleiben, weil online, ein Stündchen, kaufen dann ein bisschen ein und fahren zum tourist office: Wo duschen die Leute auf den Campingplätzen? Seapark! Das ist die Schwimmhalle von Sooke, und mit nur 3 Dollar pro Nase sind wir dabei. Ach, wie toll ist eine heisse Dusche!

Wir tanken noch kurz – Benzin und Klo sollte man immer nutzen, sobald man sie entdeckt – und machen uns auf den Weg nach Hause. Das Wetter meint es heute ganz gut mit uns. Juan geht am steinigen Strand spazieren, ich lese die letzten Seiten von Peter Pranges „Die Rebellin“. Schwerst habe ich mich durch die wohl 800 Seiten gekämpft. Nun muss Herr Kollege Prange wahnsinnig tapfer sein: Wir nutzen sein Werk zum Zündeln (Grüsse auch von Artur Rubinstein).

Nebenan rechts haben es sich zwei ganz junge Mädchen gemütlich gemacht. Auf ihrem Feuer grillen sie Würstchen am Holzspiess, am Tisch malen sie hingebungsvoll Malbücher aus. Dazu gibt’s einen Drink mit ordentlich Cointreau.

Wir haben unseren Feuerring belegt und bereiten das Abendessen vor: eine halbe Avocado, jeder eine Backkartoffel, die wir nachmittags vorgekocht haben, die drei restlichen Scheibchen vom schweinernen Undefinierbaren, damit nichts umkommt. Zum Abschluss teilen wir uns ein Nackensteak, das gemütlich auf dem Grill schmurgelt. So gemütlich, dass eine der zahlreichen Krähen Weihnachten wittert. Sie schnappt sich das Fleisch vom heissen Grill, muss es aber 30 Zentimeter weiter auf den Rasen fallen lassen. Bevor sie sich übers Steak hermacht, haben wir es zurückerobert. Abgepustet, den Rest erledigt die Glut. Schmeckt super!

Die Sonne ist untergegangen, das Feuer steuert auf sein Ende zu. Wir haben alles verstaut, und langsam denken wir an Bettruhe. Es ist auch schon nach neun 😀 Um zehn werden die Bürgersteige auf dem camp ground bis mirgens um acht hochgeklappt.

18 Mai 2017

Pazifik!

 

In der Nacht im Goldstream Provincial Park ist kein Laut zu hören. So ruhig, dass es fast schon wieder unheimlich ist. Aber es ist kalt in unserem Kistchen, lausig kalt. Zum Glück haben wir unsere Ikea-Allzweck-Fleece-Decken. Morgens machen wir erst einmal ein paar Freiübungen, bevor es Kaffee vom Coleman-Kocher gibt. Während Juan zum Waschhaus interwegs ist, spaziert ein Herr mit riesigem Deutschen Schäferhund vorbei. Genau meine Kragenweite… Trotzdem kommen wir ins Gespräch. Der Gute hofft, in mir eine Holländerin zu finden. Wahrscheinlich, weil ich eher wie Frau Antje als Céline Dion aussehe. Ach, wie schade, dass ich ihn da enttäuschen muss: Er selbst ist vor vielen, vielen Jahren aus Holland nach Ontario ausgewandert und lebt nun mit seiner Frau seit sieben Jahren auf Vancouver Island. Der Hund ist tatsächlich besondern gross: Zweieinhalb inches höher als gewöhnlich. Sogar ich alter Feigling muss zugeben: ein sehr schönes Tier! Nur eines macht meinem neuen Freund Sorge: Er hat sein Tier chippen lassen und nun in Foren gelesen, dass viele Hunde im Bereich des chips an Krebs erkranken: „He’s our kid!“ Ich weiss, wovon er redet… Wir wünschen einander Glück und verabschieden uns.

Bevor wir aus dem Wald verschwinden. machen wir aber noch einen kleinen Rundgang. Tolle Wanderwege unter extrem hohen, kerzengerade Nadelbäumen, von denen uns einer zu einem Wasserfall führt. Allerdings: Schon beim Anblick der vielen, vielen steilen Treppen, die zum Fall hinunter führen, bekommt man beim Gedanken an den Aufstieg bereits Atemnot… Aber wir klettern trotzdem und werden damit wenigstens warm. Langsam zeigt sich sogar ein bisschen Sonne.

Kleines Frühstück, aufräumen… Das ist unser grosses Thema: Obwohl wir ziemlich gut aufgepasst haben, sind viel zu viele Klamotten um uns herum. Unser Dachgepäckstück ist extrem hilfreich; wir werden es noch besser ausnützen müssen, damit wir nicht ständig räumen und uns entsprechend anraunzen.

Aus dem Wald wollen wir uns Meer. Der Weg dahin ist ziemlich eng und kurvig, aber verwunschen-bildschön: Durch hohe Wälder, vorbei an Flüsschen – nur bei Gegenverkehr wird es ein bisschen eng. Das ändert sich, als wir irgendwann wieder auf einen Highway einbiegen. Nr. 14 bringt uns direkt an den Pazifik. In Sooke, einem recht beschaulichen Ort, in dem es eines der besten Restaurants Kanadas geben soll (das testen wir nicht), schauen wir mal eben bei der tourist info vorbei, schnacken wieder mit einer alten Dame. Offenbar werden die Touristenladies alle ehrenamtlich tätig, wenn die Enkelkinder aus dem Haus sind…

Jedenfalls gibt uns die Lady wieder Karten und wir fahren ganz entspannt weiter. Der Campingplatz im Wald beim French Beach (26$) ist ganz schön. Der berühmte China Beach, ein Winter-Dorado der Extremsurfer, liegt gleich in der Nähe, aber der schreckt uns ab.
Nicht, weil man vom camp ground zum Strand zwei Kilometer laufen muss, sondern weil ganz massiv vor Diebstählen auf dem Parkplatz gewarnt wird. Das fehlte uns ja gerade noch.

Vor Bären wird hier übrigens nur gewarnt, wenn sie besonders aktiv sind. Sonst muss man einfach immer dacon ausgehen, dass sie in der Nähe sind. Auch ein paar Coogars lungern rum, man sollte also ab und zu mal nach links und rechts, vor allem auch nach oben gucken….
Wir hatten schon vorher einen Platz direkt an der Juan de Fuca Strait, also gegenüber von Washington State, USA, ins Auge gefasst. Als wir bei strahlendem Sonenschein auf den Platz fahren, stehen in der ersten und einzigen Reihe direkt am Meer mal gerade zwei riesige Wohnmobile, aber langsam füllt sich der schöne Ort. Die Übernachtung kostet inkl. Plumsklo 15 Dollar. Da kein Platzwart vorhanden ist, checkt man sich selbst ein: Platz aussuchen, Bogen ausfüllen, Bares in einen Unschlag, einwerfen – fertig. Weil wir wissen, dass am kommenden Wochenende wegen des Victoria Days hier die Hölle los sein wird und kaum noch Plätze zur Verfügung stehen, checken wir gleich fünf Tage ein. Egal, wie das Wetter wird – ein Platz am Meer ist immer schön. Wie wir uns im Falle eine Erdbebens verhalten sollen, erzählen sie uns auch gleich via Plakat: Wenn’s garstig schüttelt, abhauen in höher gelegene Regionen, damit einen die böse Welle nicht erwischt. Wir hätten nichts anderes im Sinn… Wir werden also einfach aufs Meer gucken, bis alle Feierwütigen wieder weg sind und sind ein bisschen gespannt, was am Wochenende tatsächlich los sein wird… Que será, será 🙂 Little Miss Rosie wird links und rechts von grossen Wohnschiffen flankiert, aber wir haben genügend Luft, einen Tisch mit Bänken und eine Feuerstelle.

Direkt neben uns stehen Cortina (wegen Cortina di Ampezzo, in den Namen war ihre damals schwangere Mutter zu den Olympischen Winterspielen dort so verliebt. Aber in der DDR ging Cortina allein nicht, deshalb heisst sie mit Zweitnamen Manuela. Das nur nebenbei) und Klaus aus Berlin. Die beiden kommen aus dem Osten, es spricht aber nur Klaus. Und wie seine Frau kaum englisch. Das hat sie aber nie daran gehindert, auf Tour zu gehen. Sie sind zum zehnten Mal in Kanada und Alaska, diesmal drei Wochen auf Vancouver Island. Wir kommen ins Gespräch, weil uns das Feuerzeug ausgegangen ist und hören uns von Klaus begeisterte Reiseschilderungen an. Nach dem Essen – Nudeln mit Tomatensauce mit einem Restwürstchen von gestern – rückt Klaus mit Streichhölzern an. Ausserdem hat er noch jede Menge Feuerholz irgendwo in der Wildnis geklaut. Das schenkt er uns, weil die beiden in ein paar Tagen wieder zurückfliegen. Da er unserer kleinen Axt nicht so recht übern Weg traut, hackt er die dicken Scheiben auch noch klein. Etwas später bringt er eine Karte vorbei und ein paar Tipps für den Norden. Ungefragt erzählt er uns, dass er und seine Cortina mit KLM rübergeflogen und für die drei Wochen Camper bei Canusa 800 Euro bezahlt haben. Das ist wirklich günstig!

So, nun gucken wir noch mal über unser Lagerfeuer hinweg auf den Pazifik – nein. Kein Orca in Sicht. Auch nichts anderes ausser ein paar Frachtschiffen. Klaus kommt noch mit einem weiteren Kartenwerk, dann verabschieden wir uns. Sehr nette Leute, diese beiden Berliner!

17 Mai 2017

Wildnis!

 

Wir haben gerade zwei Bier getrunken. Jeder. An unserem Lagerfeuer mitten im Wald im Goldstream Provincial Park. Nur ein paar Kilometer nordwestlich von Victoria, aber trotzdem Welten entfernt. Der Campingplatz, auf dem wir für 35 Dollar (plus 8 fürs Feuerholz) übernachten, ist wunderschön gelegen, die Nachbarn kaum in Sichtweite. Es ist paradiesisch schön hier unter vielleicht 50, 60 Meter hohen, kerzengerade gewachsenen Fichten. Im Unterholz knistert und wispert es. Zwischen den Farnen und jungen Bäumchen huschen eher graue als rotbraune Eichhörnchen herum, gucken Spatzen, ob sie etwas abstauben können, und lauern – vielleicht – auch ein paar Bären. Von letzteren sehen wir nichts, wenngleich wir alle Mittel anwenden, sie zu interessieren. Auf dem Feuer garen Würstchen, dazu ein paar kreisrunde Unidentifizierbarkeiten, die unter BBQ-Salami laufen, was aber vielleicht doch eher ein Scherz ist. Zur Sicherheit werfen wir noch ein paar unverfängliche Toastscheiben aufs Feuer. Zu allem gibt’s je eine Avocado und einen Gurkensalat.

In der vergangenen Nacht hat der Regen so aufs Dach getrommelt, dass wir davon mehrfach wach geworfen sind. Aber am frühen Morgen reisst es zumindest hier und da mal auf. Unser Stellplatz am Hafen von Victoria ist zwar sehr schön, aber wir sind unentschlossen, was wir nun machen.
Noch eine Nacht bleiben? Erst einmal müssen wir duschen. Unbedingt, damit wir nicht verwahrlosen. Dazu haben wir uns den YMCA-YWCA von Victoria ausgeguckt. Nur einen knappen Kilometer auf der Broughton Street entfernt erwartet uns ein modernes Gebäude, das vor allem ein Fitnesscenter ist. Und dann kommt das morgendliche Wunder: Wir verhandeln an der Rezeption noch über den Eintrittspreis, sind auch gern bereit, für eine ausgiebige Dusche 12,50 auszugeben. Das hört eine junge Frau und lädt uns spontan ein: sie habe ihren Vertrag gekündigt und noch zwei Gästetickets, die könnten wir gern haben. Wir fassen es nicht. So viel Freundlichkeit wie hier in Kanada haben wir selten auf der Welt erlebt! Ich drehe vor Freude noch ein paar Runden im Pool, dann treffen wir uns sauber und fröhlich in der Cafeteria wieder. Ausgezeichnet! Interessante Leute laufen im christlichen Verein rum. Viele ältere, aber auch jüngere. Hier gibt es Männer, die diese veganen Mode-Hipster in Europa einfach umpusten würden. Sie tragen hier zwar auch lange Bärte und karierte Hemden, aber das hier ist eine Lebenseinstellung, kein modische Aperçu.

Frühstück gibt es wieder bei den trutschigen Engländern auf der Government Street: sehr guten Kaffee und ein tolles Croissant, heute sogar mit einem Bütterchen. Bevor wir uns dem Ampsement widmen, muss unser Porta Potti entleert werden. Kann man zwar auf jedem Klo machen, aber wer will schon mit dem Potti durch die Gegend rennen? Auf der anderen aseite der Bay hatten wir zwei mobile Toiletten gesehen. Doch die hat jemand entsorgt… Letztlich landen wir auf einer Marina bei zwei zunächst völlig überforderten Damen. Der Hafenmeister hilft uns bei der Lösung unseres Problems, in dem er einfach die Toilette öffnet. Wieder so eine Sonnenscheinperson.
Das Wetter ist durchwachsen, deshalb beschliessen wir dann, es noch mal in der gestern geschlossenen Mall zu versuchen. Allerdings nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln, sondern gleich mit Rosie. Juan braucht neue Turnschuhe, bei den alten läuft er schon fast auf der Brandsohle, sollte es soetwas im sportlichen Schuhbereich überhaupt geben… Er findet ein gutes Paar – wunderbar. Und auf dem Parkplatz des shopping centers überlegen wir, den Goldstream Provincial Park, nur 15 Kilometer entfernt, anzusehen. Da kommt ganz plötzlich die Erkenntnis, dass wir ja einfach losfahren können. Anel in Argentinien nennt Rosie unser Schneckenhaus: Weder müssen wir irgendwo auschecken, noch irgendwelche Klamotten packen – wir gaben ja alles dabei. Daran muss man sich auch erst einmal gewöhnen.

Der Weg führt unverfehlbar über den Highway One: Zunächst fast eine Autobahn, dann eine zweispurige Strasse, die sich zwischen hohen Bäumen und an Flüssen und dem Meer entlangschlängelt. Im Park sind wir recht schnell eingerichtet, haben einen Bärenhunger, siehe oben, und sind gegen zehn nach längst verloschenem Lagerfeuer reif für die Kiste… Es ist übrigens lausig kalt am Abend. Wir ziehen alles übereinander, was wir so im Angebot haben und wickeln uns draussen zusätzlich in Fleecedecken. Umso erstaunlicher im Innern unseres Grand Caravans: Dadurch, dass Juan aus Silberfolie Verkleidungen für die Fenster gebastelt hat, ist es relativ warm. Unsere Bettdecken sind auch ganz gut, wenn’s nachts richtig klirrend wird, kommt eine Fleeceschicht über die andere.

16 Mai 2017

cats & dogs

 

Es hat den lieben langen Tag geregnet. Morgens werden wir am Hafen von Victoria allerdings davon wach, dass sich zwei Penner lautstark in die Haare kriegen. So ruhig die erste Nacht in unserem Winz-Wohnmobil auch war: Die beiden haben uns geweckt. Zum Glück – und mit wonderful porta potti – können wir weiterschlafen. Erst gegen neun kommen wir langsam in die Gänge. Zähneputzen mit Pellegrino – vornehm geht die Welt zugrunde -, Katzenwäsche mit feuchten Tüchern und das Victoria-Leben hat uns wieder.
Kleines Frühstück in einem traditionellen Kaffeehaus, dann Wandertag durch die Stadt. Wir lassen uns durch China town und andere Viertel treiben, geniessen die Eindrücke und maulen wegen des Regens. Im Public Market könnten wir uns durch alle Stände fressen, tun es aber nicht, sondern lassen sogar die atemberaubende porchetta links liegen und spazieren weiter. In der tourist information kaufen wir zwei Tagestickets für öffentliche Verkehrsmittel (gibt es dort für 4,50 pro Stüvk statt für 5 Dollar im Bus), langweilen wir uns durch Prospekte, während mein phone wieder etwas auflädt. In einem real canadian dollarstore habe ich für fünf Dollar ein Ladekabel und ein Plug-in gekauft, auf den Knien probiert und für gut befunden. Ein paar Ladeprozente später machen wir noch auf einen kurzen Kaffee im Hafen Halt in einer Bar, dann geht’s nach Hause.

Mittags ist alles so klamm, dass wir erst einmal eine Siesta brauchen. Bei Rosie gibt es Äpfelchen, ein bisschen Internet und den Plan, zwei Dinge in einem Canadian Tire zu tauschen. Hübscherweise gibt es dort auch gleich noch einen Marshall’s und einen Dollarama.
Die erste Busverbindung zur Mayfair Mall klappt prima, der Fahrer sagt rechtzeitig Bescheid und wir stehen wieder im Regen. Doof: Den Canadian Tire gibt es nicht mehr, wie mir ein Herr mit Goldzahn und gokdbeknopftem Clubjacket im rechtsgelenkten Silver Shadow versichert. Hm. Jemand anderes gibt uns die neue Adresse.
Aber erst einmal in die Mall. Wie? Kein Marshall’s? Ich habe mich in der Mall vertan. Jahaaa… Besonders entzückend bei dem Schweinewetter… Normalerweise würden wir die drei, vier Kilometer ja latschen, aber so? Der Bus fährt nur halbstündlich, weil hier jeder, wirklich jeder ein Auto hat, also quetschen wir uns mit zwei anderen auf ein Bänkchen im Unterstand. Neben mir sitzt ein riesiger Typ, der offenbar gerade von seiner Arbeit auf der Baustelle kommt. Er lässt mir den Vortritt im Bus und bekommt mit, wohin wir wollen. Der Busfahrer verspricht, uns das Stichwort Mall zu geben, was er auch wirklich tut. Aber auch der Hüne ist um uns besorgt und zeigt den genauen Weg nach dem Ausstieg. Wirklich, wirklich reizend!

Wir trödeln durch Sears und finden für 39,99 Dollar (mit Steuern knapp unter 30 Euro) ein Superangebot für Juans Levi’s 505 (Höre ich das leise Schluchzen eines Crocos?). Canadian tire ist der nächste Stop, denn dort wollen wir einen Minispaten und eine Grillzange aus Vancouver zurückgeben. Ich bewundere die Frau, die sich unserer annimmt, zutiefst! Spaten steht auf dem Zettel, das Grilldings nicht. Es gibt keinen Schritt, den sie unversucht lässt, um mir meine 14 Dollar dafür wiederzubeschaffen. Ich an ihrer Stelle hätte mit das Grillding längst über den Scheitel gezogen, aber Miss Natasha will einfach nur helfen. Klappt am Ende nicht, weil Canadian Tire diesen Blödsinn nie im Sortiment hatte. Wahrscheinlich haben wir’s im Home Depot gekauft. Mist!

Dafür macht aber um 17:30 die Mall zu. In Amerika??? Um 17:30? Gut, gut, Kanada ist nicht USA. Kein Marshall’s, dafür warten gefühlt stundenlang auf den Bus. Und wieder eine tolle Busfahrerin, die dowbtown fährt und uns sagt, wie wir von ihrer Haltestelle aus zu Fuss nach Hause kommen. Im Bus fällt uns ein, dass wir das nächste Tagesticket für Rosie vergessen haben. Dass sie unser Mädel vom Hof ziehen, fehlt ubs gerade noch…

Der Bus hält, wir steigen aus. Wie alle anderen Fahrgäste bedanken wir uns bei der Fahrerin mit einem Thank you für den Trip. Sie hupt noch mal laut und lang und gestikuliert uns mit breitem Lachen in die richtige Richtung. Soetwas haben wir wirklich nicht nicht erlebt…

Die Kapuze fest über der Fontanelle verschnürt hasten wir zu Rosie. Gut gegangen. Siexsteht neben einem grossen Wohnmobil und wartet auf uns. Dafür haben wir ihr aus China town auch eine solarbetriebene Wackelblume mitgebracht. Sofort das 15-Dollar-Ticket gekauft und Ruhe.

Zum Essen gegen wir in den irischen Pub, The Irish Times, von gestern; der ist gut und nur ein paar Blocks entfernt. Ein Zauberbengel im Schottenrock bringt uns Bier (das einheimische Pils ist richtig gut!), fish & chips (das Tagesgericht zum halben Normalpreis mintags für nur 9,50) für Juan, bangers & mash (Würstchen, Karotten und Pü) für mich. Sehr gemütlich und wohl umsorgt geniessen wir den frühen Abend. Kurz nach neun eröffnen wir unseren Blogbetrieb in lovely Rosie. Die Matratzen sind ziemlich hart, aber wir werden uns daran gewöhnen. Und wir frieren nicht, denn ausser den Plumeaus haben wir auch noch Fleecedecken. Alles gut für süsse Träume.

15 Mai 2017

Nach Vancouver Island

Wir sitzen bei Livemusik in einem irischen Pub mitten in Victoria, der Hauptstadt von British Columbia, und werden von entzückenden Mädchen und Jungs in schottischen Kilts mit frischem Kelkenny versorgt. Mannomann, geht es uns gut!
Rosie parkt für 24 Stunden und 15 Dollar direkt an der Wasserkante am Hafen der Wasserflugzeuge. Eigentlich darf man nirgendwo über Nacht stehen, aber diesen Platz hat Juan irgendwo aus dem Internet gegraben. Wir fahren dreimal vorbei, finden ihn schliesslich über die geografischen Koordinaten. So. Hier ist es schön. Nach einem langen, langen Tag sind wir endlich angekommen.

Morgens um sieben regnet es in Vancouver in Strömen. Mist! Dennoch müssen wir sehen, dass die letzten Klamotten und die Kühlbox ins Auto kommen. Der Abschied von Pebbles fällt uns richtig schwer. Wir hatten hier eine großartige Zeit und viel Unterstützung für unseren abenteuerlichen Ausbau. Heute ist Sonntag, Muttertag. Das hat zur Folge, dass sich riesige Autolawinen durch den Regen quälen. Unser erstes Ziel liegt ungefähr 30 Kilometer südlich von Vancouver, in Tsawwassen. Von dort wollen wir die Fähre nach Vancouver Island nehmen. Es ist ungefähr halb zwölf, als wir den Posten an der Fähre erreichen. Mit Glück, denken wir, kommen wir auf das 15-Uhr-Schiff. Aber nein. Wir fahren an den Schalter, zahlen rund 90 Dollar und warten in Spur 40 kaum zehn Minuten, bevor es auf die Fähre geht. Um zwölf legt das Schiff pünktlich und mit uns im Bauch ab. Der Himmel meint es gut mit uns: Es scheint die Sonne, dann kommen wieder ein paar Wolkenbänke ins Spiel, aber es bleibt trocken.

Nach einer neunzigminütigen Überfahrt landen wir in Swartz Bay, knapp 40 Kilometer von Victoria entfernt. Die Fähren sind höchst komfortabel: Unsere Mitreisenden haben schon vor dem Ablegen die Möglichkeit genutzt, sich mit Essbarem zu versorgen, während der kurzen Strecke kann noch mal nachgelegt werden. Wir sind fast die gesamte Zeit draussen an Deck, gucken in die USA nach Washington State oder suchen den Horizont vergeblich nach Orcas ab. Mannomann, ist das schön hier! Wunderschöne Inseln und Buchten, tolle Häuser – super!

Kaum von Bord, sehen wir auch schon das erste Hinweisschild auf einen Campingplatz. Inzwischen ist es fast drei, man kann sich also schon einmal umsehen. Dieses Abenteuer führt uns in den malerisvchen Ort Sidney, der irgendwie an Scharbeutz erinnert: breite Promenade, viele, viele Shops. In einem quatsche ich eine Dame an, um mich nach dem Mcdonald Creek Campingplatz zu erkundigen. Sofort sucht sie einen Stadtplan heraus. Gemeinsam gucken wir und finden schliesslich den Provincial Park. Die Leute hier sind alle reizend und unheimlich hilfsbereit!
Das ändert nichts an der Tatsache, dass der dösige Park geschlossen ist. Na gut. Wir laufen die nächste Tourist information an und treffen eine entzückende Dame, die alles herauskramt, um uns das Leben zu erleichtern. Sie wird im September via München nach Rom fliegen – wir wünschen uns gegenseitig eine schöne Reise.
Unser nächstes Ziel ist Burcharts Garden. Hier wurden früher Rohstoffe im Minenbetrieb gefördert. Nach dem Ableben des steinreichen Besitzers liess die Witwe die Mine zuschütten und darauf einen weitläufigen Park entstehen. Der soll sehr schön sein, aber der Eintrittspreis von über 30 Dollar pro Nase für die knappe Stunde, die der Park noch geöffnet ist, schreckt uns ab. Auch die zehn Prozent Presserabatt, die uns angeboten werden, reißen uns nicht vom Hocker.

Also in die Hauptstadt, die uns schon auf den ersten Blick gut gefällt. Wir suchen und finden schliesslich ein Plätzchen für Rosie. Zum Abendessen fallen wir direkt an der Pier vor unserer Tür in The Flying Otter ein. Es ist Sonntag, der Tag, an dem es prime rib gibt. Ganz zart, wunderbares Püree und knackiges Gemüse. Juan entscheidet sich für Spätzle mit Chorizo und sonstwas – alles wirklich toll!

Nach unser Rückkehr aus dem irischen Pub brezeln wir Rosie kurz auf und gehen ins Bett. Sehr gemütlich hier direkt am Pazifik! Mal sehen, wie wir zum ersten Mal in unserer kleinen Hütte schlafen können!

14 Mai 2017

Wechselbad

Ein ganz entspannter Tag in Vancouver, zweifellos einer der schönsten Städte der Welt, beginnt mit einem gemütlichen Spaziergang durch die Altstadt zum Canada Place mit seiner eigenwilligen Dachkonstruktion, die an geblähte, weisse Riesensegel erinnert. Hier landet ein Wasserflugzeug, dort startet eine Yacht, quirlige Menschen überall an Land und auf dem Wasser. Weiter vielleicht mit der Fähre auf die künstliche Insel Granville mit ihrem grossartigen Markt unter freiem Himmel. Oder in den Stanley Park, Nordamerikas grössten Stadtpark. Allein hier kann man mühelos einen ganzen Tag verbringen: Wandern, träumen, Schiffe beobachten, an schönen Stränden auf angeschwemmten Baumstämmen faulenzen… Das Museum of Anthropology muss auch mit auf den Plan, denn dort erfährt man hautnah alles über die Westküstenindianer, die hier übrigens Native Americans First Nation heissen. Wer noch mehr Geschichte erleben will, besucht Fort Langley, das rekonstruierte Pelzhändlerfort, das einem die Geschichte der Pioniere vermittelt.  Zum Essen könnte man sich vielleicht in Chinatown verirren und eintauchen in die chinesische Gemeinde, die sich nach der Rückgabe von Hongkong an China vervielfacht hat. An jeder Ecke gibt es etwas zu sehen, besonder Aromen wahrzunehmen, interessante Menschen zu belauschen – einfach grossartig.

 

 

Selbstverständlich haben wir nichts davon gemacht, sondern sind nach einigen Stunden Räumens und Kramens rund um Rosie wieder in Richtung North Vancouver getobt. Endlich mal das leidige Thema Sim-Karte für den mobilen Hotspot klären. Da wir schon ein Stündchen mit Faroush bei Telus gesprochen hatten, warten wir, bis er auch heute frei ist. Sein Gespräch dauert und dauert, also schnappen wir uns eine Lady, die unseren kleinen Prepaid-Vertrag sicherlich genauso gut hinkriegen wird. Sehr fair: Weil Faroush die Vorarbeit mit uns geleistet hat, loggt sie sich bei ihm ein – soll er doch die Provision bekommen. Bekommt er nicht. Denn Telus kann uns trotz vorgelegtem Pass und guter Worte keine Karte aushändigen. Sie müssen unsere Kreditwürdigkeit überprüfen – und das geht nur über eine kanadische Kreditkarte, social security card oder einen anderen Nachweis. Wir fassen es nicht. Keine Chance? Keine Chance… Dem erst vor sieben Monaten eingewanderten Iraner ist das alles schrecklich peinlich, aber auch das bringt uns keinen Millimeter weiter. Mit leichtem Frust gehen wir zwei Türen weiter zu Bell. Dort steht Tshush hinterm Tresen, ein ungemein eloquenter Bengel aus Sri Lanka. Es dauert maximal 15 Minuten, da haben wir unser prepaid card, alles wunderbar. Handschlag mit dem Bell-Mann. Thank you!

Bevor es nun wieder in unseren Bastelkeller geht, schauen wir noch mal eben in einem Dollarama vorbei, das ist eine Kette, in der die meisten Dinge extrem günstig, oft nur für 1,25 verkauft werden. Dort finden wir unter anderem einen Klappspaten für 4 Dollar, einen kleinen Grillaufsatz für 2,50, ein Schüsselchen für 1,25 und noch ein paar höchst nützliche Dinge. Da wir die ersten drei schon für viel Geld bei Canadian Tire gekauft hatten, werden wir wieder schön alles dort zurückgeben. Zuhause wühle ich im Müll nach den entsprechenden Quittungen. Da lobt man doch die Mülltrennung, dass ich ausschliesslich durch Papiere gucken muss 🙂

Unsere Klamotten haben wir soweit gepackt, es fehlt noch die Montage der Dachtasche. Juan ist fix dabei. Ich checke via you tube, ob wir das auch alles richtig machen. Auf dem Dach werden unsere beiden Reisetaschen mit Dingen, die nicht ständig benötig werden, Werkzeuge, Gasflaschen und mehr untergebracht. Jeder von uns hat einen Plastikcontainer von der Grösse eines on-board-fähigen Trolleys: für unsere Klamotten, die unterm Sofa verstaut werden.

Das Heck des Autos wird zur Küche, Vorratskamer & Co, die Mitte für Klamotten, Technik etc., der Bereich direkt hinter den Sitzen ist dicht mit einem Cooler und dem berühmten Porta potti, die beide unter der Bank Platz finden. So klein die Kiste auch ist: Rosie ist recht geräumig. Klar werden wir während der Fahrt unsere Ikeatüten mit dem Bettzeug zwischen den gebauten Elementen haben, aber es sollte nicht rödelig werden…

Halbwegs fertig gepackt machen wir eine Probefahrt, um genau zu hören, was wo klappert. Wir fahren über miese Strassen einmal um den Block. Es ist wirklich erstaunlich: Nichts klappert!

Wir sind so gut wie fertig, haben nur noch Kleinkram, den wir morgen zusammenwerfen – und natürlich den Inhalt unseres Kühlschranks für die Box. Sieht aber alles ganz gut aus.

Grund genug, einen kleinen Abschied zu feiern: James on Hastings hat uns wieder, der fabelhafte Chinese. Es gibt Rind und Prawns, Tsing Tao und Tee. 

Auch wenn wir keinen einzigen touristischen Kilometer hinter uns gebracht haben: Vancouver war auch dieses Mal wieder hinreissend. Wir sind extrem gespannt, wie es weitergeht. Morgen haben wir die Fähre nach Victoria im Auge. Mal sehen, ob unsere Blicke erwidert werden….

13 Mai 2017