Bisons & mehr

Der Tag ist schön und sonnig. Mit Blick auf die Rockies im Osten fahren wir am Flathead Lake vorbei nach Süden. Der See ist riesengross und ein beliebtes Feriengebiet im Nordwesten Montanas. Der treibt die Hotelpreise in Höhen von 400 – 700 Dollar. Pro Nacht. Das ist nichts für ein Päuschen. Das ist nicht einmal etwas für eine Übernachtung. Wir sind doch keine Flachköpfe…

Unser Ziel, das hat natürlich auch Croco völlig richtig erkannt, ist die National Bison Range, das Schutzgebiet für Bisons, in dem sie sich berappeln sollen. Vor über 20 Jahren standen wir am Eingang zur Range schon einmal vor verschlossenen Türen: zu spät gekommen, zu wenig Zeit, um zu warten.

Heute haben wir Zeit genug, zahlen bei einem hilfsbereiten Ranger 5 Dollar Eintritt. Es gibt zwei Strecken durch das Bison-Gebiet. Die lange Tour dauert zwei Stunden, die kurze nur eine. Natürlich machen wir die lange! Schmale Schotterpiste, aber Einbahnstrasse. So klettern wir immer höher und sehen traumhafte Panoramen von Montana: die schneebedeckten Rockies, den tiefblauen Flathead River, die ordentlich bestellten Felder in dieser überwiegend landwirtschaftlichen Gegend. Was wir nicht sehen: Bisons.

Dann taucht mal ein Tier auf, guckt dösig in die Sonne und trollt sich wieder. In der Ferne sehen wir mit Hilfe meines feinen Steiner-Safari-Fernglases noch ein paar – fürs Auge und für unsere Optiken zu weit entfernt. Langsam kriechen wir die Hügel hoch, hoffen immer auf die grosse Herde, die wir uns vorgestellt haben.

Nein, nein… Da mal wieder einer. Oder ist es ein Stein? Wer weiss. Insgesamt sehen wir bis hierher fünf Tiere mehr oder minder gut. Nach etwas über einer Stunde sehen wir eine entgegenkommende Spur: Hier treffen wir uns mit der Stundentour. Dann plötzlich mal ein Hirsch. Oder ein Schatten. Wir nähern uns einem eingezäunten Gebiet. Da sehen wir dann ein paar Bisons. Fünf, sechs, sieben.
Juan schlägt vor, den Stundentripp Idiotentour zu nennen, den 2-Stunden-Trip Vollidiotentrip. Och, nö. Wir haben wirklich schöne Landschaften gesehen, traumhafte Blumenwiesen… Wir lachen uns schlapp über unsere Erwartungen und die Wahrheit.

Und wir lachen noch mehr, als wir am Ausgang des Parks auf einen Imbisswagen treffen. Da werden Bisonburger angeboten. Ach soooooo! Da sind die Bisons also…

Die National Rattlesnake Range, ein paar Meilen östlich, besuchen wir nicht. Klapperschlangen und ich sind keine innigen Freunde. Und weiss ich, ob sie – im Gegensatz zu den Bisons – ganz viele Tierchen da haben? Ohne mich; davon träume ich drei Tage!

Ein paar Meilen später treffen wir auf die Interstate 90 Richtung Südosten, wollen aber noch mal in Missoula vorbeigucken, bevor wir im alten Staatsgefängnis von Montana ein Automuseum aufsuchen.
Huch! Was ist denn in Missoula los? Die ganze Stadt – nach Bellingham übrigens die zweitgrösste des Staates mit 65 000 Einwohnern – ist voll mit Oldtimern. Die tollsten Exemplare parken Seite an Seite. Alle Farben, Formen, Jahrgänge. Toll! Ich frage einen Bengel bei McDonald’s (Internet), was es denn damit auf sich habe. Dumpfe Ahnungslosigkeit. Noch nicht einmal die heissen Kisten hat er wahrgenommen. Naja… Später erfahren wir dann, dass eine car show stattfindet. Und ein grosses Countrymusik-Event. Und noch drei, vier Veranstaltungen. Im übrigen haben die Sommerferien begonnen, das Wetter ist grossartig.

Bei booking.com erwartet uns eine kalte Dusche: Sämtliche Unterkünfte in Missoula, mit Ausnahme eines bed&breakfasts für 260 Dollar die Nacht, sind ausgebucht. Alle! Wir beschliessen, zu campen. Der KOA-Campingplatz ist quasi in der Stadt, hat einen Pool, schreiende Kinder – und keinen einzigen Platz.
Na, toll. Es ist gleich fünf, also wieder auf die Bahn…

Plötzlich sehe ich in einem Motel namens Bel Aire ein vacancy-Schild. Juan will eigentlich gar nicht halten, weil das bestimmt wieder so eine teure Angelegenheit ist. 70 Dollar. Das ist ok! Sehr ok! Wir sind eigentlich schon richtig platt und froh, hier bleiben zu können.

Aber wir müssen noch einmal los, haben solchen Hunger, dass wir unleidlich sind. Wir gucken uns die grösste Mall im Umkreis von 200 Meilen aus. Auf dem Weg dahin fragen wir uns, ob wir eigentlich noch richtig ticken. Was wollen wir in einer Mall mit über 100 Geschäften? Natürlich nichts. Also cruisen wir über die Hauptstrasse und gucken nach Essbarem. Wir hätten Lust auf Asiatisches, finden aber nichts. Doch Arby’s? Schietladen…

Eher zufällig sehen wir eine riesige Blockhütte: Famous Dave’s. Nie gehört. Aber es scheint viel los zu sein. Da gehen wir jetzt hin! Während wir die umfangreiche Karte – barbecue ist das Motto – studieren, bringt uns eine Charlene schon mal zwei eiskalte Indian Ales vom Fass. Und dann entscheiden wir uns für ein Special für zwei. Für 39,90 tragen sie uns Beef, Huhn, Ribs, cole slaw, home fries, Maiskolben, Bohnen und Corn fritters auf. Eine Riesenportion, aber das Erstaunlichste: es schmeckt himmlisch. Und zwar alles! Ein seltenes Vergnügen.

Danach sind wir natürlich erledigt, aber glücklich.

23 Jun 2017

Wilder Westen

 

Kanada zeigt sich heute morgen wieder einmal von seiner schönen Seite: Sonne über den Rocky Mountains. Wir gucken uns in Netz und Roadatlas noch ein paar Routen an und fragen uns, ob überhaupt noch jemand den Nerv hat, andando zu folgen. Man hört ja nix. 

Langsam trödeln wir von Cranbrook Richtung Süden auf Highway 93. Schöne Aussichten, einige Staus, weil gerade viele Strassenschäden behoben werden. Auffällig sind die vielen Blumenwiesen, an denen wir vorbeifahren. Margeriten, Löwenzahn und mehr. Sehr schön! Fast kann man sich vorstellen, wie das hier alles im tiefen Winterschnee aussieht. Ein bisschen beginnt die Landschaft dem Voralpenland zu ähneln. Man darf aber nicht vergessen, dass wir uns in einem Tal (!) auf 1000 Meter Höhe befinden.

Kurz vor Rooswell, der Grenzstation der Amerikaner, fällt uns siedendheiss ein, dass wir ein paar Äpfel und Bananen, ausserdem alle Zutaten für eine gute Bemme sowie Bier und Wein dabei haben.

Naja, wir haben sowieso Wichtiges mit dem Officer zu besprechen: Weil wir am 4. Juni nach Alaska eingereist sind, läuft unser USA-Visum am 3. September nach 90 Tagen ab. Kann man da nicht etwas machen? Grenzübertritte nach Kanada und/oder Mexiko haben leider keine erneuernde Wirkung mehr. Dem Officer fällt nur eine Lösung ein: Kurz nach Deutschland und dann wieder neu einreisen. Er ist froh, dass er uns wieder los wird und vergisst alle auswendig gelernten Fragen nach Obst & Co. Gut, gut, also Ausreise spätestens am 3.9. Juan ist deshalb säuerlich, meint, man könne irgendwo mit einer vorgesetzten Behörde sprechen. Meinetwegen latsche ich in irgendeiner Stadt noch mal zu den customs officers und frage nach. Aber… Schwamm drüber. Erst mal können wir theoretisch zehn Wochen in den USA bleiben. Ist ja auch schon mal ein Wort!

Nun sind wir mal in Montana. Der Bundesstaat ist etwas grösser als Deutschland und hat eine knappe Million Einwohner. Es hat also Platz. Nördlich grenzt Kanada, westlich Idaho, östlich North Dakota. Im Süden liegt Wyoming.

Den Glaciar Nationalpark in den Rockies im Norden schenken wir uns – kennen wir von einem früheren Besuch und unsere liebsten Gletscher sind sowieso in Argentinien. Dazu kommt die begründete Furcht, dass wieder Menschenmengen vor den Kettenfahrzeugen Schlange stehen, die einen auf den armen Gletscher karren.

Schlagartig mit dem Grenzübertritt ändert sich alles: Plötzlich wird überall Landwirtschaft betrieben, wir sehen viele Pferde – sogar einige Apaloosas! – und Rinder. Im Gegensatz zum Norden gibt es hier auch wieder kleinere Autos. Auffällig ist ebenfalls, dass hier, anders als in Kanada, nicht an jedem Haus ein Wohnmobil klebt.

Der erste Ort, den wir ansteuern, ist Eureka (nicht mit dem kalifornischen zu verwechseln!). Hier könnte John Wayne über die Strasse laufen ohne aufzufallen. Bisschen Musike von Ennio Morricone – fertig ist das Western-feeling. Überall Männer mit Stetsons oder Konkurrenzhüten, Häuserfassaden im klassischen Wild-West-Stil mit knarrenden Holzdielen. Gut, der Saloon wird heute von einem Griechen betrieben. Dazu ist es mit 24 Grad ordentlich warm geworden. Wir gucken uns ein bisschen um, sind dann aber auch schon wieder auf der Strasse.

 

Whitefish reizt uns nur deshalb, weil daneben die Colorado Falls liegen. Wasserfälle! Prima! Wir fragen nach dem Weg ubd sorgen für Heiterkeit. Die kann man doch nicht sehen! Nicht? Och.

Der Flathead Lake weiter südlich könnte uns gefallen, aber wir bleiben in einer Stadt namens Kalispell hängen.

Auch hier der wahre Westen! In einem Westernladen sehen wir die grösste vorstellbare Sammlung an Cowboystiefeln und Hüten. Wüsste ich nicht, wie übel die Boots über lange, lange Zeit drücken, hätte ich wie einst in Oklahoma zugeschlagen. Aber wunde Füsse machen ja schlau!

Der Ort, als Eisenbahnstation Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, ist sehenswert. Der Ortseingang ist verwechselbar mit allen dieser Städte auf dem Land: Malls, Motels, Tankstellen, Fressbuden. Dann kommt aber die Altstadt. Wieder Auftritt John Wayne! Musik von Johnny Cash (Gunther Gabriel, erfahren wir, ist heute an den Folgen eines Unfalls gestorben) und Frauen mit viel Glitzer auf, neben und über den Tattoos.
Einige der Gebäude sind tatsächlich erhalten, andere im Stil der Zeit sehr gut aufgebaut. Insgesamt ist daraus ein durchaus sehenswerter Altstadtkern entstanden. Im visitors center hockt eine Dame, die wahrscheinlich noch das Einlaufen des ersten Zugs in Kalispell miterlebt hat. Ich hätte gern Informationen über die Gegend, sie drückt mir einen Prospekt in die Hand und schnarrt über die halbe Brille hinweg: „Do your homework. That’s all you need.“ Aha.

Inzwischen plagt uns schrecklicher Hunger, ausserdem wollen wir ins Netz. Gegen den Hunger hilft ein pfiffiger Chinese namens Panda Gourmet (!), das Netz klauen wir einem Walmart. Und schlagen dann am späten Nachmittag unser Zeit in Kalispell auf. Zum Campen ist es zu warm, zu anstrengend, zu viele Mücken, zu grosse Zeckengefahr – mit anderen Worten: Wir haben keine Lust und sind in einem nicht erwähnenswerten Motel, das wichtig Aero Inn heisst.

Eigentlich wollen wir noch mal in die Stadt gucken. Eigentlich…

22 Jun 2017

Jesses, Louise!

 

Bei genauerem Hinsehen hat sich das Ponderosa Motel in Golden als eines der saubersten und gepflegtesten entpuppt, die wir bisher auf diesem Trip bewohnt haben. Das sage ich dem Mann der Frau ohne Zahn und mit nur einem Arm, aber er ist fast taub. Also gröhle ich in sein Ohr – und er freut sich über das Kompliment für sein Haus.

Danach sind wir auch schon bei durchwachsenem Wetter zurück auf dem Weg über den Yoho in den Banff Nationalpark. Noch auf dem Highway treffen wir die Entscheidung, uns 260 Kilometer zu schenken: den Schwenk zurück in den Jasper Park zum Columbia Glacier. Schon bei dem entsetzlichen Wetter gestern war da viel los, wie wird es heute erst sein? Wir wollen es gar nicht wissen.

Stattdessen geht es direkt zum Lake Louise mit seinem weltberühmten Fairmont Hotel, das einst das Ende der Eisenbahnstrecke markierte. Wir waren vor 20 Jahren schon mal hier, haben am See geparkt und sind ein bisschen herumgeschlendert. Wir erinnern uns noch gut an die Elche und Hörnchen, mit denen wir quasi spazieren gegangen sind. Und natürlich an den schönen Lake Louise, in dessen spiegelglatter Fläche sich die Rockies spiegeln.

Heute ist das eine Spur anders: Wir werden inmitten einer Blechlawine Richtung See geleitet, werfen einen Ausschnitt-Blick aufs Hotel und werden auch schon wieder zurück geleitet, denn sämtliche Parkplätze sind hoffnungslos überfüllt. Wer an den See will, könnte beispielsweise ein paar Kilometer ausserhalb von Lake Louise am Highway parken und dann mit einem Shuttle an das berühmte Nass gefahren werden. Zurück genauso. Andere schwören darauf, den Touristenbus von Banff nach Lake Louise zu nehmen: der kommt relativ nah ans Wasser. Wir haben doch keinen Knall!

Es ist noch nicht einmal Hochsaison, aber gegen das hier ist alles rund um Schloss Neuschwanstein im Hochsommer eine gemütliche Angelegenheit. Die Schlangen vor den public washrooms sind meterlang, die Gesichter vieler Besucher auch.

Kurzentschlossen hauen wir einfach ab. Lake Louise bleibt eine schöne, alte Erinnerung, but time goes by… Und weil’s hier so fürchterlich ist, skippen wir auch Banff auf der Stelle. Das war damals schon schrecklich, das müssen wir uns heute nicht mehr antun.

Stattdessen biegen wir auf die 93 ab, die uns auf einem ausgesprochen schönen Weg und kaum befahrenen Pfad aus dem Park führt. Natürlich zieht sich der Weg wieder, es wird immer wärmer und letztlich landen wir todmüde in Cranbrook, kurz vor der Grenze zu Montana, USA, checken in ein Billig-Motel namens Lazy Bear ein.

Keine Zeit zum Ausruhen, wir müssen dringend Klamotten waschen. Alles, das wir anhaben plus alles, was ausserhalb unseres Laundry bags noch herumfliegt, landet in einer grossen Ikea-Tüte, mit der wir uns auf den Weg machen. Ein paar Blicks nördlich befindet sich ein Waschsalon. In dieser chinesischen Laundry gibt es für zwei Dollar den Service, die gewaschene Wäsche in den Trockner zu packen. Den nehmen wir gern in Anspruch. So können wir wenigstens halbwegs in Ruhe zu Abend essen.

Wir kriegen es gerade noch hin, die Klamotten im Motel zusammenzufalten. Die Karte von Montana, die vor uns liegt, ist heute Abend einfach zu anstrengend… Und die Meldung, dass George Clooney für Tequila-Werbung eine Milliarde Dollar bekommt, wundert uns nach Lake Louise auch nicht mehr so sehr. Eine Milliarde Dollar! Für Tequila! Wir werden in Salz investieren.

21 Jun 2017

Leichter Frust

 

Der Tag in Grande Cache beginnt insoweit sehr kreativ, als ich Juan die Haare geschnitten habe. Er redet noch mit mir!

Etwas trödelig brechen wir in Richtung Hinton auf. Die viele Fahrerei der vergangenen Tage sitzt einem doch in den Knochen. Das ist aber schnell vergessen, denn die Strecke bis zum Eingang des Jasper National Parks, ungefähr 180 km, ist hinreissend schön. Wir können uns noch immer nicht an den Wäldern sattsehen, freuen uns über Wasserfälle und Bäche, die in diesem unverwechselbar matten Türkis der Gletscher strahlen. Keine Viecher, aber das macht ja nichts. 17, 18 Grad und Sonne mit Wolken – was wollen wir mehr?

Eigentlich nur, dass es so bleibt. Und genau das klappt nicht. Schon kurz nach der Einfahrt in den Park – auf der ersten Strecke übrigens mit jeder Menge Schwerverkehr, der erst kurz vor Jasper nach Westen abbiegt – fängt es an zu regnen. Noch haben wir einen ganz guten Blick auf die Rockies. Noch…

In Jasper, einen Ort, der ähnlich wie – sagen wir mal: Andorra nur auf Tourismus abgestellt ist, machen wir ein Pause. Das Schild „Heute Markt“ macht uns an, eine nette Lady bei der tourist info erklärt, wie wir zum Museum kommen, hinter dem der Markt stattfindet. Und was sehen wir? Genau einen Wagen mit Brot, daneben einen mickrigen Stand mit Gemüse. Markt? Na gut… Wir sind da eher verwöhnt.

Wären wir bloss im grau-tristen Jaaper geblieben, aber nein: wieder auf die Piste. Es ist schon zu spät zum Umdrehen, als es anfängt zu regnen. Innerhalb kürzester Zeit verschwindet der Blick auf die Rockies vollständig, es ist alles grau in grau. Und es regnet. Und regnet. Intensiv wie ein Monsun, aber konstant über Stunden. Leichter Frust schleicht sich ein.

Auf 2300 Meter Höhe und bei einem Grad Celsius stehen wir genau gegenüber vom Columbia Gletscher. Wir sehen ihn kaum…
Und so setzt sich der Weg durch einen der schönsten Nationalparks der Welt fort…

Wegen der absurd hohen Hotelkosten sowohl im Jasper als auch im Banff Nationalpark – Zimmer ab 300 Euro, 500 Euro sind noch keineswegs top – war klar, dass wir mit Rosie in ein Camp gehen würden. Das ist aber wegen der Wassermassen gar nicht möglich. Alles, was nicht asphaltiert ist, verwandelt sich in Schlamm. Und damit alle Zufahrten.

Wir sind auf über 2400 Meter Höhe, da kommen zum Regen noch Blitz und Donner, dann ändert sich die Konsistenz des Regens zu Schnee. Meine Güte!

Beim Sakatchewan crossing versuchen wir einen Ausbruch aus dem Park – zehn Kilometer scheinen besser zu gehen, dann sind wir wieder mitten im Regen und drehen um. Lieber unter Menschen im Park bleiben.

Apropos Menschen: Davon gibt es hier viele. Und die meisten sind mit ihren RVs, also Wohnmobilen unterwegs. Wenn es plötzlich irgendwo an der Strasse zu einem Verlehrsstau kommt, kann man sicher sein, dass einer aus der Kolonne ein Tier gesehen hat. Das machen wir einmal bei einem Schwarzbären mit, aber es ist fürchterlich… Stossstange an Stossstange wird im langen Trek gehalten, um ein armes Tierchen zu erschrecken. Einige springen fürs bessere Bild aus dem Auto, andere schleichen eher auf Zehenspitzen an, die Bestie Bär könnte ja durchdrehen. Die Bestie ist hier eindeutig der Mensch. Dazu eben der Regen.

In einer Lodge – Vorsicht, genauso überteuert wie fast alles, wo Spa draufsteht – machen wir Halt. Unser Kalkül: Wir essen hier etwas, suchen uns dann einen Campground – und morgen ist alles schön.
Geht nicht auf. Denn der Regen nimmt noch zu. Das Essen ist teuer und bestenfalls mittelmässig, das Wetter saumässig. Der Weg zurück zum Auto wird schon fast zur Schwimmstunde.

Eine 500er-Übernachtung kommt trotzdem unter keinen Umständen infrage, also müssen wir raus aus dem Nationalpark und da etwas finden. Knapp 150 Kilometer entfernt liegt der unbedeutende Ort Golden am bedeutenden TransCanada Highway. Da gibt es Motels. Es schüttet unverdrossen weiter, wir fahren mal auf 2200 Meter Höhe, mal auf 1400, dann wieder hoch – irrsinnig. Zumal man von den atemberaubenden Landschaften drumherum eher etwas ahnt als sieht!

Gegen halb zehn klart es auf, wir sehen sogar ein bisschen Sonne – und Golden. Die ersten beiden Buden – wie so oft von Indern geführt – sind natürlich überteuert, im dritten oder vierten Etablissement sind wir für etwas über 60 Euro warm und trocken untergebracht. Das Ponderosa Motel wird von keinem Cartwright geführt, dafür von einer zahnlosen Frau mit nur einem Arm. Ja, ja, auf Reisen kann man was erleben…

Wir öffnen eine feine Flasche Malbec und widmen uns im Trocknen endlich unseren technischen Devices: Juan kümmert sich um die Fotos, ich tippe vor mich hin.

Bevor wir das Licht ausmachen, werden wir noch mal im Fernsehen checken, wie sich die Feuerkatastrophe in Portugal entwickelt. Und dann schnuppern wir noch eine Sekunde Weltpolitik (…), bevor wir von besserem Wetter morgen träumen.

20 Jun 2017

Grande Cache, Alberta

 

So ganz im Klaren sind wir uns heute morgen noch nicht: Wie fahren wir in den Jasper Nationalpark? Über Prince George oder folgen wir der klassischen Rocky Mountains Tour über den Highway 40?

Eigentlich tendieren wir zur 40. Von Fort St. John nach Dawson Creek sind es nur knapp 80 Kilometer. Wie es sich gehört, fotografieren wir auch gleich den Hinweis auf die Meile Null des Alaska Highways. Auf dem haben wir wirklich jeden Meter abgeklappert. Das Endschild in Delta Junction, Alaska, haben wir auch 🙂

Der Besuch im visitor center gibt uns die Entscheidungshilfe. Die Mitarbeiterinnen empfehlen die 40 über Grande Prairie, ein älteres, amerikanisches Ehepaar, das per Zelt unterwegs ist und gerade von diesem Highway kommt, erzählt auch von dort und pintoresken Landschaften. Allerdings haben sie keine Tiere gesehen.

Trotzdem: Entschieden! Kurzer Besuch bei Dollarama, um Perrier und stilles Wasser (und Schnickschnack, jahaaa..) einzukaufen, bei Bell unser mobiles wifi aufgeladen – und schon sind wir on the road.

 

Zunächst in die Provinz Alberta und da in den Ort Grande Prairie, den ich gern Great Plains nenne (tüterich). Auch ein Kaff, nur etwas grösser. Alles schreit auch hier nach Ölfeldern und Holzverarbeitung. Viel los auf den Strassen und überall Hinweisschilder, welche Wege die Laster mit gefährlichen Gütern nehmen sollten. Hätten Felleni und Tarantino einen gemeinsamen Sohn grossgezogen, hier würde er einen Film drehen. Mit einem grossen Bumm am Ende!

 

Von dem phantasieanregenden Grande Prairie biegen wir nach Süden auf die 40 und damit in dieselbe ab.

Auf der Karte sieht die Strecke, die vor uns liegt, ganz merkwürdig aus. Nur der Highway, links nichts, rechts nichts. Ein riesiger weisser Fleck, von dieser einen Ader 40 durchzogen. Dazu der Hinweis darauf, dass es auf den nächsten 240 Kilometern weder Benzin noch Einkaufsmöglichkeiten gibt.

Und trotzdem ist extrem viel los auf dieser Strasse. Überdimensionierte Laster kommen uns entgegen. Wo kommen die bloss alle her? Langsam klärt sich das Bild. Zu beiden Seiten des Highways sind riesige Camps entstanden, in denen Tausende Menschen leben, die auf den Ölfeldern arbeiten, Holz fällen oder Mineralien aus den Minen schaffen. Sie beuten ein Stück aus ubd zuehen dann mit Sack ubd Pack aufs nächste. Zu kurz, um einen Fleck auf der Landkarte zu erzeugen.

Die Laster sind manchmal beängstigend! Eigenartig ist auch, dass links und rechts des Highways viel Natur zu sehen ist. Wie ein Wall, hinter dem sie die Arbeitsgebiete verbergen wollten. Der Film geht weiter…

Zurück in die Realität: Das Wetter ist fürchterlich! Regen bei um die 16 Grad. Manchmal erahnt man den Zauber der Landschaft, wir sehen blühenden Raps und krabbeln bis auf 1300 Meter hoch, aber im Prinzip befinden wir uns auf einem riesigen Plateau auf durchschnittlich 650 Meter Höhe. Dadurch, dass es so neblig und trüb ist, wirken die Gebirge in ihrem Dunst fast tropisch. Dazu die schnurgerade gezogene Strasse – es wirkt durch die Lichtverhältnisse fast wie in  Brasilien. Hätten die unendlichen Birken hier statt ihrer Kronen Palmwedel, kämen wir bei manchen Panoramen tatsächlich ins Grübeln…

In Grande Cache (niemals zuvor gehört) finden wir eine Billigbutze namens Big Horn Motel, daneben ein gleichnamiges Restaurant – Tag vorbei. Morgen geht es in den Nationalpark. In der Bude fällt uns auf, dass unsere diversen Devices wie iphones, ipads und Rechner eine andere Zeit zeigen: Tatsächlich haben wir wieder mal die Zeitzone gewechselt und mit der Edmonton-Zeit eine Stunde verloren.

Man muss sich noch mal vergegenwärtigen, welche Strecken wir hier runterreissen. Es ist alles weit, und dadurch, dass die Highways oft klapprig sind, auch ziemlich zeitaufwändig. Abends, wenn man irgendwo auf einem Stuhl sitzt, hat man das Gefühl, dass sich der Boden leicht erschüttert. Wie ein kleines Erdbeben… In Wirklichkeit ist es die Vibration vom stundenlangen Autofahren, die sich noch etwas fortsetzt. Genauso wie nach einem längeren Törn auf See, wo alles an Land zu schaukeln scheint.

Im Moment nächtigen wir vorwiegend in Motels, weil wir so grosse Strecken bewältigen müssen und es wirklich anstrengend ist, den ganzen Tag im Auto zu sitzen. Dann noch Camping – och, nö. Müssen wir zu einem späteren, weniger anstrengendem Zeitpunkt wieder reinwirtschaften. Wird schon klappen.

19 Jun 2017

Nach Südosten

 

Wir sind in Fort St. John gelandet, einem Kaff mitten in den kanadischen Ölfeldern, um die sich hier alles dreht. Nichts ist schön, alles ist zweckmässig. Nein, zum Campen hatten wir überhaupt keine Lust, deshalb wohnen wir nun für knapp 50 Euro im Travel Inn.

Seit gestern morgen in Whitehorse sind wir genau 1385 Kilometer gefahren. Hört sich gar nicht so wild an. Aber hier gibt es keine Interstate = Autobahn, hier läuft alles über den Alaska Highway = Landstrasse. Und die ist bekanntermassen streckenweise desaströs.

Schon vor sechs sind wir von unserem Campground, rund 200 km vor Fort Nelson, aufgebrochen. Kein Grosstat, wenn man vor zehn ins Bett geht. Die frühe Stunde ist uns eigentlich sehr lieb, aber warum muss es schon wieder so regnen?

Wir treffen einen Elch – ein Mädel – in ziemlich desolatem Zustand, aber uns geht das Herz mit den Bären auf. Das Highlight ist ganz klar ein Duo, das über die Strasse rennt und dann gemütlich grast. Schwarzbären, natürlich. Einer kommt ganz nah ans Auto, vorsichtshalber machen wir mal das Fenster zu.

Fort Nelson ist so ähnlich, wie wir es erwartet haben: ein trostloses Kaff mitten in der Pampa, das ein paar Tankstellen und relativen grossen Andrang im Liquor Store hat. Im visitor center langweilen wir einen jungen Mitarbieter, also hauen wir auch bald wieder ab.

Was für ein Geschenk, mitten in der Wildnis Tieren zu begegnen. Wir können uns gar nicht sattsehen. aber bremsen nun auch nicht mehr bei jedem Bären. Wer hätte das noch vor ein paar Wochen gedacht ?

Stattdessen kämpfen wir uns über die nördlichen Rocky Mountains. Auf 1300 Meter Höhe haben wir noch ein Grad, der Regen wird zu Schneeregen, die Verkehrsschilder sind vereist. Das hat uns gerade noch gefehlt. Wir kommen unbeschadet davon: Zum Glück ist der weisse Spuk bald wieder vorbei.

Auf der Strecke von Fort Nelson bis Fort St. John gibt es im Prinzip nichts ausser Wildnis. Die zeigt sich aber von einer geradezu berauschenden Seite: Täler, Bäche, reissende Ströme, Wälder, Wälder, Wälder.

Ab und zu mal ein verlassenes Anwesen, auf dessen Fassade unbeholfen „Café“ gemalt wurde. Alles zerplatzte Träume, denken wir uns. Wie viele Menschen wohl mit grossen Rosinen im Kopf versucht haben, hier Fuss zu fassen! Die meisten sind sicherlich an sich selbst gescheitert. Denn es ist einsam hier, wirklich einsam. Und wir reden vom Sommer!
Uns kommen oft die blauäugigen Leute in den Kopf, die als Auswanderer bei Vox immer wieder beweisen, wie leicht es ist, abendfüllend zu scheitern.

Wegen des Regens haben wir sogar eine Bob Marley-CD in einem Truckstop gekauft. Karibische Klänge gegen beginnende Depression. Schon nach den ersten Klängen ist klar: Wir waren noch nie Bob Marley Fans. Wahrscheinlich hat der Himmel deshalb Mitleid mit uns und klart auf.

Die letzten paar hundert Kilometer ziehen sich wie Kaugummi. Kein Tier weit und breit, dafür unzählige Riesenmonster mit Anhang, also linienbusgrosse Wohnmobile, an denen alles mögliche vom Boot übers Quad bis zum Riesentruck hängt. Davon haben wir Tausende gesehen, und gefühlt werden es immer mehr.

Endlich in Fort St. John, sitzen wir auch schon bald bei einem Chinesen, mampfen uns durchs Buffet und trinken dazu ein Bier. Vor Müdigkeit fangen die Augen an zu schielen.

Das sind hier alles Entfernungen, mannomann!

18 Jun 2017

Bingo-Tag!

 

Wir haben über neun Stunden tief und fest geschlafen, gemütlich geduscht und dann Rühreier & Toast mit Blick auf den See gegessen. Dunkle, tiefe Wolken verheissen nichts Gutes…

Schweren Herzens trennen wir uns von diesem niedlichen Apartment und fahren zum Tanken nach Whitehorse. Der Ort ist wie beim ersten Besuch überaus belanglos, also sind wir schnell wieder auf dem Alaska Highway. Interessant, was man so alles verdrängt. Wir haben zum Beispiel überhaupt nicht mehr auf der Rechnung, wie lausig der Highway war und natürlich noch ist. Dazu fängt es an zu regnen. Erst zögerlich, dann aber aus allen Rohren.

Einige hundert Kilometer schüttet es, wir ruckeln und zuckeln immer weiter nach Osten. Erst kurz vor der Abbiegung des Highway 37 (auf dem wir von Terrace kommend nach Norden gefahren sind) wird es besser. Es wird sogar trocken.

In Watson Lake biegen wir ab zum visitor center, das direkt an einem der berühmtesten kanadischen national monuments liegt, dem sign post forest. 1942, zum Beginn der Bauarbeiten durch das amerikanische Militär, hatte irgendein Soldat aus Heimweh sein Autokennzeichen von zuhause an einen Pfahl genagelt. Dieses Kennzeichen gibt es schon lange nicht mehr, aber 50 Jahre später ist der Soldat noch mal wiedergekommen und hat eine Replika davon mitgebracht. Die hängt nun unter Glas im visitor center, der Soldat ist inzwischen mausetot, aber für immer berühmt.

Denn aus seiner Macke ist ein Blechwald entstanden: Über 85 000 sign posts aus allen Ländern der Erde sind angenagelt. Wir haben sie zwar nicht gezählt, uns aber gewundert, dass offenbar viele Leute den Besuch von langer Hand geplant haben. Nur so ist es zu erklären, dass so viele Originalschilder hier hängen.

Ein Paar aus Formosa hat nicht vorgeplant, sondern sich sein Schild selbst gebaut und bemalt. Die beiden Chinesen, die schon die grosse Südamerikatour hinter sich haben, strahlen vor Glück darüber, sich hier nun zu verewigen.

Ganz anders Lourdes und Francisco aus Argentinien: Das junge Paar, seit zwei Jahren on tour, klappert vor Kälte. Als Kommunikationsminister derer von und zu Klitzing quatsche ich sie natürlich an. Erst freuen sie sich, dass ich spanisch spreche, dann strahlen sie vor Glück, dass Juan Argentinier ist. Wir schnacken ein bisschen, umärmeln uns, wie es in Südamerika üblich ist, und verabschieden uns.

Und nun? Watson Lake ist ungefähr so sexy wie ein Pickel. Also beschliessen wir, noch ein bisschen weiter zu fahren. Der Highway 97 soll uns schon mal in die grobe Richtung Fort Nelson bringen.

Ein digitales Verkehrsschild warnt vor Büffeln (=Bisons) auf der Strasse. Büffel, schon klar… Die glänzen garantiert ebenso mit Abwesenheit wie Bären, Moose & Caribou…

Den ersten Büffel sehen wir liegend und mümmelnd ein paar Meter vom Strassenrand entfernt.

Wenige Kilometer weiter grast ein riesiger Schwarzbär gemütlich in der Nähe der Strasse. Wir fotografieren wie bekloppt, da sehe ich plötzlich auf der anderen Seite der Strasse einen Grizzly. Juan glaubt mir erst nicht, ist dann aber auch hin und weg. Der Schwarzbär trödelt in den Wald, der Grizzly bleibt. Eine Mutter mit einem Jungen, das sicher aus dem Vorjahr stammt. Nein, sogar zwei Junge. Was für ein Schauspiel!

Auf der Gegenseite hält ein roter Jeep, offenbar genauso fasziniert wie wir von den Grizzlys. Und was tut dieser vollidiotische Oberdepp? Bringt seine Drohne in die Luft! Die Grizzlymutter ist sofort aufgeregt und wittert Gefahr für ihren Nachwuchs. Das Surren der Drohne ist bis zu uns zu hören!

Es kommt, wie es kommen muss: Die Drohne stürzt ab, weil der Idiot nicht damit ungehen kann. Er hupt auch noch wie verrückt und lenkt seinen Jeep von der Strasse ins Grüne in Richtung Grizzlys – die hauen ab. Leider, leider zerstören sie die dämliche Drohne nicht.

Wir fahren langsam weiter, und es geht Schlag auf Schlag: Schwarzbären, Büffel, ein Fuchs, mehr Schwarzbären, mehr Büffel, sogar eine ganze Herde mit vielen Jungtieren.

So viele Tiere wie auf diesen 150 Kilometern haben wir auf der ganzen Reise nicht gesehen. Wir sind restlos begeistert. Juan nennt den Tag heute unseren Bingo-Tag. Recht hat er! Irgendwann biegen wir kurz nach dem letzten Schwarzbären auf einen lausigen Campingplatz ein, auf dem wir unter anderen drei Motorräder aus Brasilien sehen. Auch weit weg von zuhause! Ein paar Sandwiches, ein Bier, gute Nacht! Wir werden von unserem grossartigen Jurassic Park träumen!

17 Jun 2017

Auf Achse

 

Wir sind Bates und seinen Machenschaften in Beaver Creek entkommen, aber gegen das Wetter machtlos: 7 Grad am Morgen, frisch und dunkelgrau.

Vor uns liegen 500 Kilometer auf dem Alaska Highway Richtung Whitehorse. Auch der Regen, der bald einsetzt, lässt keine Zweifel über den Zustand dieser berühmten Strasse zu: entsetzlich! Wir habe ungefähr die Strecke Hamburg-Rom vor uns, um in den Jasper Nationalpark zu kommen. Die Distanzen sind einfach irre! Bisher haben wir knapp 8000 km auf der Uhr.

Es ruckelt und schuckelt uns gnadenlos Richtung Osten. Der Regen wird mal besser, mal schlechter; unsere Laune auch.

Was aber wirklich bedauerlich ist: Wegen der tief hängenden Wolken und des fiesen Regens haben wir wenig wie nichts vom Kluane National Park. Zwar kommt ab und zu mal ein Berg durch, aber insgesamt ist es blöd.
In Haines Junction, ungefähr 100 km westlich von Whitehorse, gibt das Visitor Center mit einem Video beeindruckende Perspektiven auf das nach der Arktis zweitgrösste zusammenhängende Gletschergebiet der Welt. Hätten wir den Film nicht gesehen, hätten wir noch weniger Ahnung. Bei schönem Wetter muss ein Flug über dieses Gebiet ein Traum sein! Aber: Kein Wetter, kein flightseeing.

Jetzt ficht uns allerdings der Gedanke, im Schlamm zu campen. Kommt nicht infrage! Noch im visitor center checken wir Möglichkeiten in Whitehorse via booking.com.

Ein Angebot, das bed&breakfast Aspen Breeze, bietet ein special für 70 Dollar. Wir sind ja wieder in Kanada, also reden wir über 47 Euro inkl. Frühstück. Wir überlegen einen Moment, buchen dann aber schnell das letzte verfügbare Zimmer.

Der Umweg führt uns wieder auf den Klondike Highway, womit wir die berühmte Acht vollenden.

Die 8? Unter Travellern (…) kein Geheimnis: Die Strecke Whitehorse – Fairbanks – Anchorage – Dawson City – Whitehorse hat die Form einer 8. Mit diesem Wissen wird auf vielen Foren gruselig angegeben. Übrigens vorzugsweise von Leuten, die nicht verstehen, wieso hier kaum jemand deutsch spricht…

Es klart sogar ein bisschen auf, als wir auf die Schotterstrasse rollen. Vor uns liegt ein wunderschöner See, am Hang haben sich Sue und Norm ihren Traum verwirklicht. Natürlich macht mir die grosse, schwarze Annie erst mal wieder angst (lach du nur, Ollschi), aber dann befreunden wir uns schnell.

Unser Zimmer ist ein richtiges Apartment mit Küche, Bad und vor allem Blick. Das Frühstück machen wir uns selbst, dafür finden wir einen prall gefüllten Kühlschrank vor: Eier, Butter, Bacon, Käse, Joghurt – von allem viel zu viel.
Wir installieren uns auf dem Sofa und gucken einfach nur auf den See, hören mit einem Ohr, dass Trump Kuba quasi wieder dichtmachen will. Dass Helmut Kohl heute verstorben ist, wird nicht einmal erwähnt. Naja. Nordamerika.

Hier im Aspen Breeze könnte ich auch eine Woche bleiben und nichts tun! Aber der Kurs war offenbar ein Missverständnis zu unseren Gunsten. Ab sofort kostet das Apartment 160 Dollar. Nö, nö.

Wir bekochen uns ein bisschen, trinken einen Wein und ertrinken im Blick. Sehr schön! Langsam, langsam macht uns das Reisen ein bisschen urlaubsreif.

16 Jun 2017

Zurück nach Kanada

Im Leben werde ich die Szene unter der Dusche nicht vergessen, aber ich frage mich: Wo war Bates‘ Motel? In Beaver Creek, Yukon? Und hat Anthony Perkins einen komplett heruntergekommenen Inder gespielt? Wahrscheinlich hat man die Bude aus ethischen Gründen in Ida’s Motel umbenannt. Und wer sitzt da in Zimmer 107?

Gut. Wir sind wieder in Kanada. Wirklich früh am Morgen haben wir Valdez in Alaska verlassen. Die Sonne steht gegen fünf schon hoch am Himmel, das Panorama ist noch immer zum Niederknien! So ist auch die Fahrt über die nächsten 100, 200 Kilometer. Rauschende Wasserfälle, Schluchten und undurchdringliche Wälder. Oh, Alaska, was biste schön!

Zum Frühstück landen wir bei einer alten Kupfermine. Was für eine Szene! Hier campen Angler, sitzen in den cabins Paare, die sich kaum bewegen, sind auf den Trails junge Leute aktiv unterwegs. In der Kneipe, die ohne Waffen betreten werden soll, treffen sich alle wieder. Doll!

Tatsächlich haben wir nahezu alle befahrbaren Strassen von Alaska mit Rosie besucht, jedenfalls die, die nicht nördlicher als Fairbanks liegen. Der Denali Nationalpark wird unvergesslich sein, ebenso der Südwesten sowie der Südosten mit ihren grossartigen Küsten. Wir hätten uns schwarz geärgert, wenn wir irgendwann einen Film über die Fähre von Whittier nach Valdez gesehen hätten – und uns das hätten entgehen lassen. Haben wir aber nicht – alles toll!

Und Zeit, Alaska wieder sich selbst zu überlassen. Unser Ziel ist Tok via Cut off highway. Aber da sind wir – der frühe Vogel… – schon mittags. Auf dem Parkplatz vom Tok Motel finden unser Gerätschaften das wifi wieder, also können wir Andando aufladen. Aber einen Nachmittag in Tok? Wirklich nicht, also geht es weiter.

Der berühmte Alaska Highway ist eine der schrottigsten Strassen, die man sich vorstellen kann. Tiefe Schlaglöcher, teilweise nicht asphaltiert, fiese dumps. Trotzdem fahren wir immer weiter nach Osten. Eine Elchkuh steht am Strassenrand und guckt interessiert in die Gegend. Lassen wir sie in Ruhe!

Wir haben die schönsten Ecken von Alaska gesehen, nun wollen wir zurück nach Kanada.

Ungefähr 90 Kilometer vor der Grenze meldet Rosie Reifenprobleme. Och, bitte, nicht schon wieder! Wie von Wunderhand berappelt sich die Kiste selbst. Durch dichten Regen rauschen wir über die Hoppelpiste zurück nach Kanada. Die US-Behörden haben null Interesse an uns; wir fahren einfach durch. 20 Kilometer weiter die kanadische Kontrolle: nix zu beanstanden.

Wir befinden uns in Beaver Creek, Yukon. Und da war das doch mit Bates? Zum Dinner huschen wir über die Strasse, auch bizarr. Ein Harleyfahrer (Trike, natürlich…) auf zwei Krücken aus geschmiedeten Ketten schnackt jeden an, der auch nur in seine Richtung guckt, ein Paar, das sich offenbar entschlossen hat, offen seine Neigung, Zähne einfach wegzulassen, auszuleben, nagt an Hühnchen.

Wir trinken zwei IPA beers – Indian pale ale – essen Huhn und Reis und gucken auf CNN, wie Trump über die „Hexenjagd“ greint. Mannomann.

Schlafen werden wir nach den ruppeligen 600 Kilometern wie die Babys und morgen mal sehen, wohin der Wind uns tragen wird…

15 Jun 2017

Wow, Alaska!

 

Für jemanden mit Depressionen ist das Aufwachen bei Regenwetter in Whittier, Alaska, eher nichts. Auch wir müssen dreimal schlucken, um mit dem Anblick der abzuwrackenden Häuser, verrosteten Eisenbahnen und tief hängenden, schwarzgrauen Wolken klarzukommen.

Ein kurzer Sprung in die Jeans, hechten zum Restaurant – mit einem grossen Becher Kaffee sieht die Welt schon besser aus. Aber nicht viel…
Allerdings ist die Kantine, die sich Restaurant nennt, morgens kurz nach sechs schon etwas ganz besonderes: ein chinesisches Mütterchen hockt im Pyjama vor einem riesigen Bildschirm und guckt alte Schwarzweiss-Filme mit Cary Grant. Sie ist eine der beiden noch lebenden Erben der Shen-Familie, die diesen ganzen Ort von der US Army aufgekauft hat. Das Mütterchen ist morgens für den Kaffee und in der Küche fürs Frühstück zuständig. Keine Gäste – neuer Film mit Cary Grant. Das hat was!

Aber es nützt ja alles nichts. Wir können uns die Welt nicht schöngucken, müssen den Regen in Schwarzweiss nehmen, wie er fällt. Natürlich lassen wir uns in unserer teuren Kaschemme bis zum letzten Moment Zeit: check-out ist um elf, wir sind fünf nach elf mit Sack und Pack bei Rosie.

Inzwischen sind wir Profis, was unseren Cooler betrifft: beide Container werden mit Eis gefüllt, dann haben wir da mal wieder Ruhe.

Langsam, langsam trödeln wir zum Fähranleger, von dem das Schiff über den Marine Highway ablegen wird: Rosie bekommt einen Zettel, der sie als gefährlich einstuft, weil wir Gascontainer für den Campingkocher an Bord haben. Die müssen wir gesondert packen und später an Bord abgeben, damit sie im feuersicheren Raum verstaut werden.

Noch Zeit, also schlendern wir ein bisschen am Hafen entlang. Mir fällt eine Gruppe von Kayakfahrern auf, die offenbar kurz davor ist, zu einer grösseren Fahrt aufzubrechen. Ungeheuer, was die alles mitnehmen. Natürlich quatsche ich mal wieder jemanden an: einen jungen Israeli, dem sie offenbar das halbe Gesicht weggeschossen haben, der mit 14 Landsleuten sechs Tage auf dem Prince William Sound kayaken will. Eine irre Truppe!

Die Schlange wächst, die Fähre kommt. Wieder so ein Floh, unsere Aurora. Kaum grösser als eine normale Elbfähre, aber mit Decks. Nach langem Hin- und Herrangieren sind wir endlich an Bord. Unsere Gascontainer können bei uns bleiben… Was für ein Theater für nix.

Erschöpft lassen wir uns in die Sessel im Panorama-Salon fallen. Ich sehe noch, dass die Israeli mit ihren Kayaks ins Wasser gehen, dann legt auch unsere Kiste ab. Das Schiff, die MV Aurora, ist nicht rappelvoll, aber ganz gut gefüllt. Eine Motorradgang aus Colorado, Ehepaare aus South Dakota und Vieginia, Österreicher, ein paar Deutsche. Beim Auslaufen gegen halb zwei winken wir noch mal kurz Richtung Whittier, dann geht die Fahrt richtig los.

Wow, Alaska! Was wir hier an Panoramen sehen, sprengt jede Vorstellungskraft – oder stärkt jedes Klischee, das man von diesem Staat hat. Die Wasserfälle krachen aus grosser Höhe in den Pazifik, schneebedeckte Hänge glitzern in der Sonne – ja! Das Wetter hat sich für uns schön gemacht. Es ist nicht zu fassen und auch kaum mit Worten zu beschreiben. Knapp sechs Stunden gucken wir gebannt auf diese grossartige Landschaft, lassen Gletscher und Eisberge an uns vorbeiziehen, sehen in der Ferne Seelöwen, strahlen einfach nur, weil es wirklich, wirklich toll ist. Diese kleine Seereise hat sich absolut gelohnt. Die 280 Dollar – geschenkt für das, was wir alles sehen.

Als am Horizont Valdez (Woaldiiiis ausgesprochen) auftaucht, glauben wir zu träumen: nach all dieser Schönheit wieder so ein trostloser Haufen… Der Ort ist zu zweifelhaftem Ruhm gekommen, weil hier im Prince William Sound vor knapp 40 Jahren die Exxon Valdez für die grösste Ölkatastrophe Nordamerikas gesorgt hat. Und nun laufen wir hier ein, in diesen kleinen, tragischen Ort.

Doch diesmal irren wir uns. Valdez hat etwas! Wir checken auf dem Eagle Creek Campingplatz ein, finden hervorragende Duschen und Waschräume, laufen dann zum Dinner bis an die Hafenkante.

Im einzigen noch offenen Restaurant schlucken wir erst einmal wieder wegen der Preise: 42 Dollar für ein Ribeye Steak sind doch ziemlich gewagt… Auf dem Schiff haben wir von vielen Amerikanern gehört, dass sie die Preise genau wie wir finden: Schwindelerregend hoch!

Aber es gibt nun kein Steak, es gibt einen Burger und Bier. Serviert von einem Türken aus der Nähe von Ankara, der im Sommer im Valdez kellnert und im Winter in Manhattan lebt.

Genauso irre wie seine Geschichte ist alles, was um uns herum passiert. Wie schön ist dieses Alaska! Auf dem Weg zurück am Hafen sehen wir noch, wie ein Fischer Möven füttet, einen Adler, der sich nicht so recht traut, einzugreifen, interessiert mümmelnde Hasen, die offenbar mitten im Ort wohnen.

Wir sind von ganzem Herzen angetan. Ein grandioser Tag!

14 Jun 2017