München -Milano. Servus Haxe, ciao Pasta

Abschiedsfrühstück im Marc. Draußen nieselt es ein wenig, aber das kümmert uns kaum. Der Münchner Hauptbahnhof liegt praktisch vor der Tür. Um 9.23 Uhr soll der Railjet 83 der Österreichischen Bundesbahnen Richtung Italien auf Gleis 11 bereitstehen. Soll. Denn zunächst stehen wir vor einem Zug, der wirkt, als habe er die letzten Jahrzehnte überwiegend mit Erinnerungen verbracht.

Wir sitzen in der Family Zone auf Sitzen mit der ergonomischen Anmutung von Bierbänken. Unser Abteil haben wir bis Innsbruck laut Reservierung für uns allein, was erfreulich ist. Weniger erfreulich: schmutziger Fußboden, herumliegende Flaschen, Papierreste, keine Steckdosen, keine Haken für Jacken.

Die Zugbegleiterin entschuldigt sich freundlich. Man habe keine Zeit zum Reinigen gehabt. Dafür kostet die Fahrt von München nach Verona ungefähr das Doppelte des ICE von Hamburg nach München.

Der Tag setzt sich  grau und regnerisch fort. Bayern scheint uns den Abschied nicht unnötig schwer machen zu wollen. Doch hinter Rosenheim wird die Welt plötzlich schöner.

Berge tauchen auf. Dörfer schmiegen sich an Hänge. Kühe stehen auf Weiden und erfüllen zuverlässig alle Erwartungen an eine Alpenkulisse. Hinter Kufstein wird der Inn zum ständigen Begleiter. Sein Wasser schimmert in milchigem Türkis, das Gletscherflüsse so aussehen lässt, als hätte jemand Farbe hineingekippt.

Je weiter wir Richtung Innsbruck rollen, desto häufiger erscheinen schneebedeckte Gipfel am Horizont.

Langsam wird aus Bayern Tirol.

Ab Innsbruck bekommen wir Gesellschaft. Eine Frau und ihre beiden Söhne, vielleicht zehn und zwölf Jahre alt, beziehen die freien Plätze. Die drei wechseln mühelos zwischen Serbisch und Deutsch, völlig akzentfrei und mit jener Gelassenheit, die mehrsprachige Menschen beneidenswert erscheinen lässt. Zwischendurch beschäftigen sich alle drei ausdauernd mit ihren Handys.

Kurz vor Bozen wechseln die drei in den Speisewagen, denn dort wird Tee serviert.

„Sollen wir Ihnen einen mitbringen?“

Eine dieser kleinen Begegnungen, die Zugreisen sympathisch machen. Am Rande erfahren wir, dass die Familie über Verona weiter nach Mantua fährt.

Leider verhindert der Zustand der Fenster jede ernsthafte Fotografie. Selbst der Brenner verschwindet hinter einer Schicht aus Dreck, die vermutlich schon mehrere Jahreszeiten gesehen hat.

Dafür sehen wir etwas anderes sehr deutlich: Stau. Viel Stau. Die Brennerautobahn Richtung Norden gleicht einem Parkplatz mit Panoramablick.

Unser Zug hingegen rollt gemütlich durch Tunnel, Täler und Dörfer, häufig entlang der Etsch, die hier noch Adige heißt. Bozen. Trento. Rovereto. Italien hat uns wieder.

Im Gang wandert ein junger Vater mit einem winzigen Baby vor der Brust unermüdlich auf und ab. Dabei liest er konzentriert „Windstärke 17“ von Caroline Wahl. Sein Gesichtsausdruck schwankt zwischen liebevoller Hingabe und akutem Schlafmangel.

Ein paar Kinder toben durch die Waggons. Ansonsten verläuft die Reise erstaunlich ruhig. Kurz nach drei erreichen wir Verona. Mit exakt einer Minute Verspätung.

Der Bahnhof wird ungewöhnlich stark bewacht. Polizei und Militär sind sichtbar präsent. Gleichzeitig läuft alles entspannt und geordnet ab. Wir haben eine Stunde Aufenthalt und beobachten das bunte Treiben auf den Bahnsteigen.

Es ist frisch. Zwölf Grad. Und zugig.

Um 16.02 Uhr soll es weitergehen nach Mailand. Der Frecciarossa verspätet sich um wenige Minuten, präsentiert sich aber sofort als die deutlich angenehmere Alternative zum Railjet. Bequeme Sitze. Funktionierendes WLAN. Modernes Ambiente.

Während draußen Norditalien vorbeizieht, telefoniert Juan mal eben mit Federico in Argentinien, der heute Geburtstag hat. Vor gar nicht so langer Zeit wäre das Science-Fiction gewesen. Heute ist es ein ganz normaler Sonntagnachmittag.

Gegen halb sechs rollen wir pünktlich in Mailand ein, gehen vom Bahnhof zu Fuß zu unserer Unterkunft in der Via Gregorio. Klein, funktional und völlig ausreichend. Wir werfen die Taschen ins Zimmer und ziehen sofort wieder los.

An der nächsten Ecke lockt ein gut besuchtes Restaurant. Noch bevor wir richtig sitzen, drückt man uns ein Glas Prosecco in die Hand. Ob das die berühmte lombardische Gastfreundschaft ist oder die besondere Herzlichkeit des Personals, das wir geografisch irgendwo zwischen Südindien und Sri Lanka verorten, bleibt offen. Sympathisch ist es allemal.

Juan bestellt Pizza Diavola. Ich wage mich an Spaghetti Carbonara.

Beides ordern wir gekonnt auf Italienisch. Der Kellner antwortet: „Just a minute.“ Internationalisierung erfolgreich abgeschlossen.

Nach dem Essen entdecken wir noch einen geöffneten Carrefour. Joghurt und Müsli für die kommenden Tage werden beschafft. Man wird schließlich nicht jeden Morgen mit vier Sorten Honig und einem Frühstücksbuffet wie im Münchner Marc Hotel verwöhnt.

Bayern liegt hinter uns. Vor uns warten Mailand, neue Eindrücke und ,,, Wir lassen uns überraschen.

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