Wir gönnen uns heute den Luxus, Zeit zu haben. Keine großen Pläne, keine einzuhaltenden Termine. Stattdessen starten wir entspannt nach dem Frühstück in einen weiteren Tag München.
Unser erstes Ziel ist das Lenbachhaus, die Heimat des Blauen Reiters. In diesen bemerkenswerten Bau wollte ich schon lange einmal. Nicht nur wegen der Bilder, sondern auch wegen der Geschichte dahinter. 1911 wurde München zum Epizentrum eines künstlerischen Aufstands. Unter dem Namen Der Blaue Reiter erklärten Wassily Kandinsky, Franz Marc, Gabriele Münter und ihre Mitstreiter die akademische Malerei kurzerhand für erledigt. Farbe sollte Gefühle ausdrücken, Kunst nicht bloß gefallen, sondern verändern. Eine radikale Idee.
Und wie so oft steckt hinter großen Revolutionen auch eine Liebesgeschichte. Als sich Kandinsky und Münter kennenlernen, entwickeln sie gemeinsam eine völlig neue Bildsprache. Eine Bildsprache, die damals viele Menschen vermutlich ähnlich irritierte wie moderne Kunst heute. Manche Dinge ändern sich eben nie. Dass wir ihre Werke heute überhaupt noch in solcher Fülle sehen können, verdankt die Kunstwelt vor allem Gabriele Münter. Mit ihrer Schenkung von über 1000 Werken machte sie das Lenbachhaus 1957 zur wichtigsten Adresse des Blauen Reiters.
Schon beim Betreten treffen wir auf internationalen Kunsttourismus, keineswegs aber auf Menschenmassen. Vor den Bildern stehen Besucher aus aller Welt. Mal werden Gemälde betrachtet, mal Handys. Nicht immer in dieser Reihenfolge. Vielleicht herrscht deshalb so angenehme Ruhe: Kaum jemand kann auf Anhieb erklären, warum ein Pferd blau sein muss. Franz Marc vermutlich schon. Wir nicht.
Wir schlendern durch die Säle, bleiben hier stehen, verweilen dort und kommen irgendwann zu dem Schluss: Die Bilder sind weit über hundert Jahre alt und trotzdem erstaunlich modern. Sie zeigen nicht, wie die Welt aussieht. Sie zeigen, wie sie sich anfühlt.
Joseph Beuys begegnet uns ebenfalls. Seine Kunst erschließt sich mir weiterhin nicht. Er hält damit eine jahrzehntelange Tradition aufrecht. Moderne Installationen gibt es auch. Die Schnürsenkel an einer Wand hätte ich beinahe übersehen. Vermutlich war genau das die Kunst.
Nicht alles gefällt. Muss es auch nicht. Wir sind ohnehin wegen des Blauen Reiters gekommen.
Von der Kunst ins eher Künstliche. Ab nach Schwabing. Mit dem Bus 58 fahren wir vom Königsplatz zur Leopoldstraße beziehungsweise zur Giselastraße und wollen schauen, was vom legendären Stadtteil übrig geblieben ist. Denn Schwabing war einmal ein Mythos. Hier residierte die berühmte Schickeria. In den siebziger und achtziger Jahren war das Viertel das Wohnzimmer der Münchner Bussi-Bussi-Gesellschaft. Das Lebensgefühl jener Zeit bestand aus schnellen Autos, langen Nächten, Designerfummeln, prominenten Gesichtern und Menschen, die sehr viel Wert darauf legten, für prominent gehalten zu werden. Die Leopoldstraße war damals weit mehr als eine Straße. Sie war Laufsteg, Bühne und Kontaktbörse zugleich. Wer gesehen werden wollte, ging hin. Wer nicht gesehen werden wollte, landete irgendwann trotzdem dort. München galt als sexy, exzentrisch, glamourös und ein bisschen größenwahnsinnig.
Heute ist Schwabing noch immer eine der teuersten Wohngegenden Deutschlands. Aber die wilde Bohème scheint weitgehend ausgezogen zu sein. Das Extrablatt, Klaus Lemke und viele andere schillernde Figuren von einst sind längst Geschichte. Woolworth, dm und Immobilienmakler haben übernommen. Revolutionen fressen ihre Kinder. Innenstädte ihre Originale.
Wir schlendern über die Leopoldstraße, schauen rund um den Wedekindplatz und durch die Seitenstraßen, finden aber wenig vom alten Glitzer. Stattdessen viele gepflegte Fassaden, teure Fahrräder und Menschen, die aussehen, als hätten sie ihre Altersvorsorge bereits erfolgreich abgeschlossen.
Vielleicht müssen erst die Lichter angehen. Vielleicht wird das Viertel wirklich erst am Abend wach. Vielleicht verklären ältere Menschen aber auch einfach ihre Jugend. Wäre ja nicht das erste Mal. Dann allerdings sind wir längst wieder weg. An der Münchner Freiheit steigen wir in die U-Bahn und fahren zum Marienplatz. Von dort geht es zu Fuß weiter Richtung Viktualienmarkt.
Denn eines steht noch auf der Liste: Die Butterbrezn. Wir hatten sie uns fest vorgenommen. Doch schon auf dem Weg dorthin wird klar, dass heute irgendetwas anders ist.
Es müssen gleich mehrere Großraumflugzeuge aus Asien in München gelandet sein. Anders lässt sich kaum erklären, warum die Stadt aus allen Nähten platzt. Chinesen, Japaner, Koreaner, Filipinos und Besucher aus vielen weiteren Ländern strömen durch die Altstadt, fotografieren sich, ihre Reisegefährten und vermutlich ihre Reisegefährten beim Fotografieren. See Europe in five days. In Bayern scheint diese Reise ihren Anfang zu nehmen. Und vermutlich auch ihren Höhepunkt. Die meisten wirken noch erfreulich frisch. Niemand hat bislang jenen Gesichtsausdruck entwickelt, den man nach dem fünften Dom, dem siebten Museum und der achten Altstadt unweigerlich bekommt.
Wir bewegen uns dagegen bereits im fortgeschrittenen Besichtigungsstadium. Am Viktualienmarkt herrscht Ausnahmezustand. Menschen überall. Irrwitzig lange Schlangen vor Metzgern, Imbissen und Verkaufsständen.
Und dann: Die Brezelbude ist ausverkauft. Aus. Schluss. Vorbei. München hat an diesem Wochenende offenbar sämtliche Butterbrezen dieser berühmten Bude restlos vernichtet. Es gibt für uns also keinen Grund mehr, im Gedränge geschubst zu werden. Ciao, Viktualienmarkt. Wir flüchten in Nebenstraßen. Das tun allerdings auch mehrere Tausend andere auch.
Beim Bäcker Vinzenz Murr kurzer Stopp für zwei Butterbrezn zum Mitnehmen. Ist zwar nicht dasselbe, aber… Mit unserer Beute treten wir den Rückzug an. S-Bahn. Marienplatz. Hauptbahnhof.
Selbst dort gelingt es noch, uns im unterirdischen Labyrinth zu verheddern. Wahrscheinlich existieren unter dem Münchner Hauptbahnhof inzwischen eigene Klimazonen, seltene Tierarten und Menschen, die vor Jahren den Ausgang gesucht haben und bis heute nicht zurückgekehrt sind.
Irgendwann finden wir jedoch das Tageslicht und schließlich auch das Hotel. Jetzt müssen wir nur noch überlegen, wo wir ein nur mittelschweres Abendessen finden. Die vergangenen Tage waren kulinarisch eher von Massen als von Maßen geprägt; wir sind immer noch erledigt.
Außerdem steht morgen die Weiterreise an. Also stellen wir die Uhr auf Winterzeit zurück, werfen die Klamotten ins Köfferchen und verfallen früh in einen Zustand zwischen Schlaf und Koma.
Morgen geht es weiter. Wieder mit der Bahn. Die hat uns bislang zuverlässig überrascht. Mal sehen, was sie diesmal vorbereitet hat.