Wir rollen wieder… Erst einmal nach München.

Der Himmel über Hamburg hängt tief an diesem Mittwochmorgen. Mausgrau. Leichter Regen, fiese 6 Grad kurz vor neun. Es zieht fürchterlich auf Bahnsteig 14 des Hauptbahnhofs, von dem sich um 10.01 Uhr der ICE 787 nach München in Bewegung setzen soll. Soll, denn die Deutsche Bahn gönnt sich zunächst fünf Minuten Bedenkzeit. Aber das ist nicht erwähnenswert.

Es geht los, erst einmal Kurs Süden. Der Zug wirkt überraschend leer, kaum zur Hälfte ausgelastet. Ein seltenes Geschenk auf dieser knapp sechsstündigen Reise.

Kaum hat der Zug Fahrt aufgenommen, folgt die erste kleine Irritation. Kurz vor Lüneburg bremst er außerplanmäßig ab und kommt zum Stehen. Keine Erklärung, kein Drama. Ein paar Minuten später geht es weiter, als wäre nichts gewesen. Draußen bleibt die Welt nass und grau.

Dann beginnt die Hochgeschwindigkeitsphase. Bis zu 220 Stundenkilometer zeigt die Anzeige an. Niedersachsen, Hessen und Bayern ziehen vorbei wie ein Film im Zeitraffer. Göttingen, Kassel, Würzburg. Hinter den regennassen Scheiben wechseln sich sanfte Weinberge mit Dörfern ab, die im Nebel beinahe verwunschen wirken. Mal verschluckt der Dunst ganze Kirchtürme, mal öffnet sich der Blick auf die herbstliche Landschaft. Die Reise selbst wird zur Einstimmung.

Pünktlich erreicht der ICE München. Doch wer in Wagen 1 sitzt, lernt schnell, dass Pünktlichkeit nicht automatisch kurze Wege bedeutet. Der Zug besteht aus 14 Wagen, und unser Waggon kommt so weit draußen zum Stehen, dass man beim Aussteigen fast glaubt, versehentlich erst in Dachau angekommen zu sein.

Wenig später kämpfen wir uns dann doch durch den strömenden Regen zum Hotel. Das „Marc“ liegt mitten im Bahnhofsviertel, jener Gegend, die nicht unbedingt für romantische Stadtansichten bekannt ist. Umso größer die Überraschung: Das Haus präsentiert sich freundlich, gepflegt und angenehm unaufgeregt. Koffer aufs ausreichend große Zimmer im vierten Stock, Jacken wieder anziehen, raus auf die Straße.

Nach sechs Stunden im Zug verlangt der Körper dringend nach Bewegung.

Allein das Wetter hat andere Pläne.

Es regnet. Und regnet. Und regnet.

Die Rettung kommt in Form eines Discounters namens „Action“, einer Art Tempel der kleinen Preise. Dort erwerben wir für 3,49 Euro einen Schirm. Groß. Mausgrau. Funktional. Mehr braucht es an diesem Abend nicht.

Eigentlich wollen wir noch ein bisschen München erkunden. Tatsächlich betreiben wir eine Art wetterbedingtes Sightseeing hechelnd im Schnellverfahren. Ein Blick auf die Frauenkirche. Ein kurzer Abstecher zum Marienplatz. Überall Fußballfans. Die Champions-League-Partie des FC Bayern gegen Arsenal heute Abend wirft ihre Schatten voraus, es wird vorgeglüht und die Vorfreude strömt aus den Kneipen bereits auf die Straßen.

Uns zieht es zügig ins traditionsreiche Wirtshaus „Zum Dürnbräu“ inder gleichnamigen Gasse.

Dort scheint halb München und die andere Hälfte der Welt bereits angekommen zu sein. Schon um halb sechs ist das Lokal knallvoll. Mit einer Portion Glück ergattern wir zwei Plätze mitten im Stimmengewirr internationaler Gäste. Die Kommunikation wird durch den Geräuschpegel erheblich erschwert. Wir sitzen vis à vis und müssen fast WhatsApp bemühen, um miteinander zu sprechen. Schreien geht aber auch.

Das alkoholfreie Bier wird standesgemäß im Halbliterkrug serviert. Juan bestellt einen herrlichen Schweinsbraten und lässt mich großzügig an der perfekten Kruste teilhaben. Ich gebe mich zunächst zurückhaltend und entscheide mich für Ofenkartoffel mit Kräuterquark.

Was auf den Tellern landet, ist lediglich das Vorspiel.

Der eigentliche Höhepunkt wartet als Dessert: Kaiserschmarrn. Goldbraun, fluffig, karamellisiert und vermutlich gefährlich nah an der Perfektion. Wir sind uns einig: Besser haben wir ihn noch nie gegessen.

Natürlich war alles viel zu viel.

Natürlich war alles großartig.

Kugelrund rollen wir schließlich durch den inzwischen nachlassenden Regen zurück ins Hotel. Rund 10.000 Schritte zeigt der Zähler für diesen ersten Reisetag. Es ist kurz nach acht, als wir wie gefällt aufs Bett sinken. Eigentlich wollen wir noch etwas belanglose Fernsehunterhaltung mit Kerner schauen.

Tatsächlich kämpfen wir hauptsächlich gegen das Einschlafen.

Für morgen ist Sonne angekündigt.

Nach diesem grauen, aber grandiosen Auftakt klingt das fast wie ein Versprechen.

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andando
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