Glücklicherweise haben wir für Rom ein paar Tage Zeit. Niemand hetzt uns, wir hetzen niemanden. Unser Vermieter kündigt zwar für den Mittag einen Elektriker an, weil im Bad eine Lampe ihren Dienst verweigert, aber dafür müssen wir nun wirklich nicht Wache stehen.
Bei knatschblauem Himmel und angenehmen 15 Grad starten wir direkt vor der Haustür. Unser erstes Ziel ist der Mercato Trionfale. Mit mehr als 270 Ständen zählt er zu den größten Märkten Italiens. Sein Herz schlägt unter einem modernen Dach aus Glas und Beton, doch die Atmosphäre ist so römisch wie nur möglich. Händler preisen schäkernd ihre Ware an, irgendwo wird Fisch ausgenommen, daneben stapeln sich Artischocken, Tomaten und Zucchini zu kleinen Kunstwerken.
Hier kaufen Hausfrauen neben Spitzenköchen ein, Rentner neben Studenten. Während die einen frische Pasta auswählen, lassen sich andere bereits küchenfertige Gemüsemischungen für die Suppe des Tages eintüten. An einem Stand probiere ich eine ausgezeichnete Porchetta. Es bleibt bei der Probe, irgendwo müssen Grenzen gezogen werden. Also kaufen wir wieder einmal nichts und schlendern Richtung Vatikan.
Eigentlich ist Ende Oktober keine klassische Hochsaison für Rom. Eigentlich. Die Schlange vor den Vatikanischen Museen lässt anderes vermuten. Es wird gedrängelt und geschubst wie früher mal beim Schlussverkauf. Wir trauen 7nseren Augen kaum und halten unsere Sachen fest: Völlig gottlos liegen in und um den Vatikan zahllose Taschendiebe auf der Lauer.
Unvorstellbar: Je näher wir dem Petersplatz kommen, desto dichter wird das Gedränge noch. Reisegruppen aus aller Welt schieben sich durch die Straßen auf den Platz zu, Ordensschwestern kreuzen den Weg amerikanischer Touristengruppen, Straßenhändler versuchen mit erstaunlicher Hartnäckigkeit Selfiesticks, Rosenkränze und blinkende Spielzeuge gleichzeitig zu verkaufen.
Juan murmelt vorsichtig etwas von der Sixtinischen Kapelle. Er erntet den berühmten schmalen Blick. Wir waren vor Jahren dort. Michelangelo hat seitdem nichts mehr hinzugefügt, und Eintrittskarten haben wir ebenfalls keine.
Geordneter Rückzug.
Rund um die Engelsburg wird es nicht besser. Besonders ins Auge fällt eine chinesische Reisegruppe, deren Mitglieder ausnahmslos hellblaue Westen tragen. Offenbar soll unter keinen Umständen jemand zwischen Petersdom und Gelateria verloren gehen.
Den Plan, heute noch Piazza Navona oder Campo de‘ Fiori zu besuchen, begraben wir ebenfalls. Zu voll. Einfach zu voll. Rom zeigt sich heute von seiner beliebtesten Seite. Und die ist anstrengend.
Also suchen wir uns eine Brücke über den Tiber Richtung Trastevere. Der Fluss fließt träge unter uns dahin. Möwen kreisen über dem Wasser, Roller knattern über das Kopfsteinpflaster und zwischen den ockerfarbenen Häusern hängen hier und da noch Wäscheleinen wie aus einem italienischen Film.
Kurz hinter der amerikanischen Universität gibt es Mittagessen auf dem Bürgersteig: Polpette, Lasagne, viel Wasser und ein wenig Rosso. Die Kellnerin erinnert dabei an jemanden, der Kim Kardashian ausschließlich anhand einer unscharfen Beschreibung nachgebaut hat. Eine kleine römische Tragödie.
Danach erreichen wir das Herz von Trastevere. Und erschrecken. Zum Bersten voll. Vor Jahren haben wir dieses Viertel deutlich entspannter erlebt. Unsere alte Lieblingsbar, die damals einfach nur „Bar“ hieß, trägt inzwischen einen schicken neuen Namen und wirkt geschniegelt wie ein Immobilienmakler auf Betriebsausflug. Der leicht schmuddelige Charme ist verschwunden.
Mit ihm offenbar auch der kauzige Poet, der dort früher stundenlang über Fußball, Politik und das Leben dozierte. Ebenso die älteren Damen, die sich vor der Kirche trafen, um über Nachbarn, Familienmitglieder und vermutlich den Rest der Welt durchzuhecheln. Alles hübscher. Alles professioneller. Alles ein bisschen weniger liebenswert. Über uns Kampfjets der italienischen Luftwaffe, die Runde um Runde drehen und fürchterlich viel Krach machen.
Wir flüchten kurz in die Kirche Santa Maria in Trastevere. Drinnen flackern Kerzen, draußen strömen lärmende Besucher vorbei. Ein paar Minuten Ruhe fühlen sich hier luxuriös an.
Halbwegs erschöpft wechseln wir wieder die Tiberseite, steigen in den Bus Nummer 23 und fahren zurück Richtung Apartment. Dort erwartet uns die gute und die schlechte Nachricht. Die Lampe im Badezimmer funktioniert wieder. Das Internet dafür nicht mehr. Glücklicherweise bekommt Juan auch dieses Problem irgendwann in den Griff.
Während ich diese Zeilen tippe, plant er bereits die nächsten Stationen unserer Reise quer durch Europa.
Aber erst einmal genießen wir Rom.
Und versuchen, den Menschenmassen elegant auszuweichen. In einer Stadt, die seit zweitausend Jahren Menschen aus aller Welt anzieht, ist das allerdings kein besonders realistischer Plan.