Frankreichs Vielfalt. Vom Atlantik in die Dordogne

Ein paar Tage haben wir nichts getan. Als hätte die Zeit beschlossen, sich ein wenig auszuruhen.

Der Abschied von Saint‑Martin‑de‑Ré fällt uns schwerer, als wir zugeben wollen. Auf der Terrasse der kleinen Boulangerie am Hafen, dem Ort, an dem die Tage so zuverlässig beginnen wie die Gezeiten, trinken wir unseren Kaffee und essen das letzte Pain au chocolat, das nur noch bis La Rochelle so heißt. Südlich davon wird es zur chocolatine, ein sprachliches Faultier, das sich hartnäckig in der französischen Bäckereikultur hält und uns jedes Mal ein Lächeln entlockt.

Wir schlendern noch einmal durch den Ort, vorbei an den Künstlern vor der Kirche, die ihre Staffeleien so selbstverständlich aufbauen, als gehörten sie zum Inventar des Platzes.

Dann fahren wir zur Inselspitze, wo der Wind immer ein wenig stärker bläst und die Île sich noch einmal aufrichtet, bevor sie ins Meer kippt. Was uns überrascht: Überall Wein. Reihen um Reihen, als hätte jemand die Ile de Ré heimlich in ein kleines Bordelais verwandelt. Doch sonst finden wir keinen Grund zu bleiben. Die Insel verabschiedet uns freundlich, aber ohne Sentimentalität. Wobei: St. Martin mit seinem schönen Hotel La Jetée könnte uns durchaus ein weiteres Mal reizen.

Auf dem Festland zeigt uns die Atlantikküste ihre weniger poetische Seite: Campingplätze wie an einer Perlenschnur, Wasserrutschen, die sich in den Himmel kringeln wie bunte Mahnmale des Massentourismus. Royan, die letzte Station am Meer, bleibt aus unserer Sicht trotz eines ganz schönen Strands blass. Die Mündung der Gironde wirkt wie ein Übergang, das Tor, das uns ins Landesinnere schiebt.

Es wird wärmer. Die Luft bekommt dieses frühsommerliche Flirren, das Entscheidungen erleichtert.

Wir mieten ein kleines Häuschen in La Rivière, einen Steinwurf von Libourne entfernt, mitten in den Weinbergen. Unser Gastgeber José, ein Spanier mit französischer Familie, empfängt uns mit der Gelassenheit eines Mannes, der weiß, dass Wein und Sonne die meisten Probleme lösen. Sein Sohn kämpft tapfer mit dem WLAN, verliert aber ehrenvoll. Macht nichts. Die nächsten Tage verbringen wir überwiegend lesend, dösend, einkaufend, kochend in einem Rhythmus, der sich anfühlt wie ein tiefes Ausatmen.

Heute dann ein Ausflug in die Weinberge, vor allem nach Saint‑Émilion. Wir finden sofort einen Parkplatz, was uns misstrauisch macht. Und tatsächlich: Der Ort liegt in der Hitze wie ein schlafendes Tier. Dreißig Grad, kaum Menschen, die Gassen wirken fast zu ruhig für einen Ort, der sonst unter dem Gewicht der Besucher ächzt. Wir wandern durch die steilen Straßen, lassen die Hand über die alten Steine gleiten, die seit Jahrhunderten Sonne speichern. Doch bald zieht es uns zurück in die Weinberge, zurück in unser kleines Hexenhäuschen, das uns empfängt wie ein vertrauter Freund.

Morgen ziehen wir weiter. Wohin? Das erzählen wir später. Jetzt müssen wir uns erst einmal erholen von unserem Ausflug. Die Sonne hat uns durchgeglüht, der Weinbergwind getrocknet, und irgendwo zwischen Rebstöcken und Kopfsteinpflaster haben wir gemerkt, dass wir vom Reisen manchmal Ferien brauchen. Wo ginge das besser als in der bildschönen Dordogne?

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