Der Tag beginnt mit dem Duft von warmen Croissants und dem Fauchen der Kaffeemaschine in der kleinen Boulangerie neben unserem Hôtel Richelieu. Pains au chocolat, ein Café allongé. Nicht sonderlich einfallsreich, denn gestern hatten wir das gleiche. Aber eben einfach gut.. Die Chefin lächelt, als ich nach einer hübschen Leckerei in der Vitrine frage, und schenkt mir eine hauchzarte Chouquette. Eine kleine, goldene Brandteigkugel, bestreut mit grobem Zucker, so leicht, dass sie fast vom Papier abhebt. Mehl, Butter, Eier, Salz und der Teig wird „abgebrannt“, erklärt sie, als würde sie ein altes Küchengeheimnis weitergeben. Ein winziger Moment französischer Alltagskultur. Sehr liebenswert.
Le Havre verschwindet im Rückspiegel, die imposante Brücke spannt sich elegant über die Seine, die hier in La Manche mündet, und die folgeden Küstendörfer wirken wie hingetupft.
Honfleur empfängt uns mit dem Charme einer Stadt, die seit Jahrhunderten weiß, wie man Menschen verführt. Schmale Fachwerkhäuser aus dem 17. Jahrhundert, die Lieutenance als letzter Rest der alten Befestigung, das Vieux Bassin, das schon Seeleute, Händler und Maler in seinen Bann gezogen hat. Die Kirche Sainte-Catherine, komplett aus Holz, gebaut von Schiffszimmerleuten im 15. Jahrhundert, wirkt wie ein umgedrehtes Schiff. Ein Gotteshaus, das in See stechen könnte.
Honfleur ist ein Ort, der Geschichte atmet. Eugène Boudin, 1814 hier geboren, fing das besondere Licht der Seinemündung ein, lange bevor Monet und die Impressionisten daraus eine Revolution machten. Das Musée Eugène Boudin erzählt diese Geschichte, die man in den Gassen spüren kann. Vor Jahren haben wir Honfleur total überfüllt erlebt, ohne Chance, auch nur irgendwo anzuhalten. Heute ist die Stadt besonders freundlich zu uns, wir finden einen Parkplatz direkt am Hafen – Wunder, Wunder! – und sitzen trotz eines Gottesdienstes und damit ein bisschen illegal einen Moment in der alten Holzkirche, die nach Harz und Jahrhunderten riecht. Ein bisschen Gassenschlendern hier, Fischerbootgucken da, Menschen beobachten überall. Hier gibt es alles und davon ganz viel. Wir sind begeistert.
Der Weg führt weiter nach Trouville, wo der Markt an der Wasserkante im Schatten eines Riesenrads wie ein lebendiges Bühnenbild wirkt. Händler rufen, Fische glänzen, Klamotten werden verhökert, Schmuck glitzert zwischen Sonne und Wolken. Einheimische und Besucher mischen sich, als gäbe es keine Grenze zwischen Alltag und Urlaub. Die Restaurants sind eine Sensation für sich. An der Fischhalle drängen sie sich dicht an dicht, ein lautes, frisches Gewusel aus Meer und Menschen. Hier wird geschnattert und genossen, der Weisswein fliesst zur Plat des fruits de mer, zum Hummer oder den kleinen Seeschnecken. Überall werden Austern geknackt und geschlürft. Enorm lebensfroher Luxus auf kleinstem Raum. Toll, toll, toll!
Die Geschichte dieses Ortes, einst ein einfaches Fischerdorf, später mondäner Badeort, spiegelt sich in jeder Kiste, jedem Netz, jedem Teller. Wer hier isst, isst direkt aus der Normandie. Die Fischhalle von Trouville ist nicht nur ein Ort, sie ist ein Stück Identität.
Etwas später gleiten wir noch immer beseelt von Trouville durch Deauville, den eleganten Zwilling, der heute schläft. Deauville steht für französischen Chic und Eleganz und gilt als absolut schönster Badeort der Normandie, ein echtes Muss. Touristen aus aller Welt kommen, um den wunderschönen Sandstrand, die legendären Strandkabinen und bunten Sonnenschirme zu bewundern. Heute ist niemand von ihnen zu sehen. Sogar das mondäne Casino scheint total verwaist. Die berühmten Strandkabinen wirken wie Requisiten, die auf ihre Saison warten. Kein Grund zum Anhalten, der Tag hat einen anderen Rhythmus.
Caen beeindruckt kurz mit der massiven Burg, die Wilhelm der Eroberer um 1060 errichten ließ. Ein steinernes Statement eines Mannes, der sechs Jahre später den Ärmelkanal überquerte und England eroberte. Wir gucken, aber sind nicht in Eroberer-Laune. Theoretisch ist Caen ein Paradies für Literaturliebhaber. Als Stadt des Buches verfügt sie über die meisten unabhängigen Buchhandlungen pro Einwohner in Europa. Davon ist heute nichts zu spüren: Natürlich sind alle librairies sonntags geschlossen. Die leicht schiefe Kirche Saint-Pierre wirkt gegen das trutzige Schloss fast verspielt. Gegenüber teilen wir ein mittelmässiges Sandwich in einer Boulangerie. Caen hält uns nicht fest. Zu viel Straße, zu viel Neugier liegen noch vor uns.
Wohin? Die Entscheidung fällt unterwegs: Cherbourg und Omaha Beach, wo die Geschichte des 20. Jahrhunderts schwer auf der Landschaft liegt, oder den Zipfel der Normandie überqueren? Wir queren. Natürlich über Land, natürlich durch kleine Orte, die aussehen, als hätten sie die Zeit angehalten.
Am Ende wartet Granville. Vor der Einfahrt in den Ort bremsen wir kurz an einem Golfplatz direkt am Ärmelkanal. Hier bekommt das Wort Bunker zusätzlich eine ganz andere Bedeutung. Die Golfcarts werden in einer Befestigung aus dem 2. Weltkrieg untergestellt.
Das Städtchen Granville wird oft als „Monaco des Nordens“ bezeichnet, da es wie Monaco auf einem Felsvorsprung liegt, der dem des Operettenstaates am Mittelmeer ähnelt. Das bietet hier wie dort unglaubliche Ausblicke auf das Meer und die Umgebung. Wir finden ein Hotel direkt am Hafen, einen ruhigen Ort nach einem langen Tag. Granville, einst befestigte Stadt der Herzöge, später Heimat von Christian Dior, trägt den Charme einer Küstenstadt, die weiß, dass Schönheit nicht krakeelen muss. Wer noch Kraft hat, könnte sich später in die Altstadt von Granville vertiefen, in ein kleines Labyrinth aus Geschichte und Meerblick. Wir haben heute keine Energie mehr, sind einfach müde und satt vom vielen Sehen.
Ein einfaches Abendessen am beeindruckenden Yachthafen beschließt den Tag, begleitet von einem großen Lächeln.. Der letzte Blick aus dem Hotelfenster gilt Hunderten Segelbooten, die bei auflaufender Flut langsam wieder Wasser unterm Kiel haben,.