Ganz spontan haben wir heute morgen beschlossen, einfach noch einen Tag in Le Havre dranzuhängen. Die Stadt hat diese lässige Art, einen festzuhalten. Frühstück gibt’s nebenan in einer kleinen Boulangerie in der Rue de Paris. Pains au chocolat, die beim Anfassen seufzen, und Kaffee, der richtig wach macht. Der Bäckermeister sitzt bei Freunden, die Chefin bringt einer jungen Mutter ein buntes Küchlein. Alles ganz entspannt, weit entfernt von Schickimicki. Wir lauschen ein bisschen und vernichten die süsse Sünde. Danach treiben wir langsam Richtung Stadtmitte.
Kurz hinter dem Vulkan, diesem eigenwilligen Kulturzentrum von Oscar Niemeyer, stolpern wir über einen kleinen Flohmarkt. Viel Glas, ein paar Lampen, Schmuckstücke, die Geschichten erzählen könnten, wenn man sie nur lange genug anschaut. Niedlich, charmant, ein bisschen schräg. Den Verkäufern scheint es egal zu sein, ob hier Geschäfte gemacht werden. Man schnackt mit dem Nachbarn oder jedem, der Lust hat, sich zu unterhalten. Das Besuchervölkchen ist gemischt wie das Angebot. Ältere Paare, junge Familien, ein paar Punks, Mädchen, die davon träumen, Influencer zu werden, Jungs, denen das völlig egal ist. Schön bunt.
Weil wir schon mal an der Ecke sind, werfen wir einen Blick in die Markthalle. Man merkt sofort: Die Touristen sind noch nicht da, die Einheimischen haben freie Bahn. Garnelen türmen sich zu rosa Gebirgen, Faux-Filet ist im Angebot, Spargel geht weg wie warme Semmel. Aber da wir ohne Küche unterwegs sind, bleibt es beim Gucken und beim stillen Bedauern, dass man frischen Spargel nicht einfach adoptieren kann.
Dann wieder mal eine Kirche. Aber was für eine! St. Joseph ist kein sakraler Bau, sondern ein Statement. Der Entwurf stammt wie so vieles im nach dem Krieg neu aufgebauten Hafenviertel von Auguste Perret, dem Poeten des Betons. Sein 107 Meter hoher Laternenturm ragt wie ein Leuchtturm über die Stadt, gedacht als Mahnmal, Hoffnung und Symbol der Wiedergeburt. Erstaunlich, dass das 1951 begonnene Gebäude keine zehn Jahre nach der Fertigstellung unter Denkmalschutz gestellt wurde. Beton, der eigentlich noch warm sein müsste, und schon ein Monument ist.
Der Innenraum macht uns still. Der Altar steht mitten in der Gemeinde, fast demokratisch. Und dann dieser Turm: auf allen acht Seiten durchbrochen, durchzogen von 12.768 mundgeblasenen Glasfenstern, die ein Licht zaubern, das irgendwo zwischen Mystik und Science-Fiction schwebt. Man schaut nach oben und hat das Gefühl, der Himmel würde sich kurz zu einem Gespräch herablassen.
Von dort aus wird unsere Stadtentdeckung luftiger. Wir wandern die Strandpromenade entlang, auf deren Landseite sich ein Restaurant ans nächste reiht. Fast jeder Tisch ist besetzt, die Sonne macht die Menschen gesprächig. Natürlich gibt es Fast Food, aber auch Fisch- und Fleischspezialitäten, die auf den Tafeln locken. Und preislich liegt das Ganze erstaunlicherweise deutlich unter Hamburger Verhältnissen.
Wir sind noch nicht hungrig, also marschieren wir weiter. Sonnenhungrige liegen vor den Strandbuden, Beachvolleyballer springen über ihre Felder, Yachten und Jollen tanzen vor der Küste. Schön hier, wirklich schön.
Irgendwann drehen wir um, denn ein Museum ruft. Das Musée d’art moderne André Malraux, kurz MuMa, liegt wie ein gläserner Kubus direkt an der Hafeneinfahrt. Drinnen hängen die Strandszenen von Eugène Boudin, dem Lehrmeister Monets, in denen der Himmel mehr Raum einnimmt als die Erde. Ein Hafenblick von Pissarro aus dem Jahr 1903, der die Schiffe fast zum Schaukeln bringt. Renoir, der uns mit seinen Farben nach Südfrankreich entführt. Eine Kanufahrt von Sisley, die man fast plätschern hört. Die berühmte Welle von Courbet, die aussieht, als würde sie gleich aus dem Rahmen brechen.
Und weil Le Havre die Wiege des Impressionismus ist, begegnet man hier natürlich auch Claude Monet, dessen „Impression, soleil levant“ nur ein paar Schritte weiter im Hafen entstanden ist. Das Bild, das einer ganzen Kunstrichtung ihren Namen gab.
Dazu Werke von Raoul Dufy, dem Sohn der Stadt, der das Licht der Normandie in vibrierende Farben übersetzte. Eine faszierende Sammlung, feinsinnig kuratiert.
Langsam melden sich die Füße und der Hunger. Blöd nur, dass es weit nach 14 Uhr ist und die meisten Köche ihre Kochschürzen bis zum Abend an den Nagel gehängt haben. Aber wir haben Glück: Bei Les Halles ergattern wir auf den letzten Drücker einen Tisch und verspeisen Crevetten mit Avocado sowie Rinderbraten à la Mutti. Auf der Terrasse, leicht durchgefroren, aber glücklich.
Irgendwann landen wir wieder beim Kardinal, der die drei Musketiere drangsaliert hat – in unserem Hotel Richelieu. Ein würdiger Abschluss für einen Tag, der sich wieder einmal anfühlt wie ein Geschenk.