Saint-Valéry-en-Caux, Normandie

Es regnet genau fünf Minuten. Punkt neun. Gerade lang genug, um uns einmal komplett zu durchnässen. So richtig mit Tropfen im Nacken und kalten Fingern. Und natürlich lachen wir, weil die Normandie das eben so macht: Sie testet uns. Die Versöhnung kommt schnell, in Form eines sehr guten Kaffees und eines pain au chocolat, das so warm und buttrig ist, dass man fast vergisst, wie nass man gerade noch war. Was für eine schöne Boulangerie. Die Besitzerin perfekt frisiert und geschminkt, trägt Tshirt unterm Blazer zu Jeans und Sneakers. Unschätzbar im Alter, sicher über 40. Und erst auf den zweiten Blick sichtbar: farbenfroh tätowierte Arme und Hände. Eleganz 2.0

Als wir Dieppe verlassen, bricht schon wieder die Sonne durch. Dieses typische, gleissende Licht, das sagt: War doch nur Spaß. Das Meer zeigt sich an der Alabasterküste in tausend Grüntönen, als hätte jemand eine Farbpalette ausgeschüttet. Von Jade bis Flaschengrün, alles dabei. Wir kennen diese Küste seit Jahren, wir waren so oft hier, und trotzdem erwischt sie uns immer wieder mit neuen Nuancen.

Wir fahren die Küste entlang Richtung Fécamp, und schon nach wenigen Kilometern kommt die Erinnerung zurück wie ein vertrauter Duft: Saint‑Valery‑en‑Caux. Der kleine Hafenort, der so viel Geschichte in sich trägt: vom Wandermönch Walaric über die Salz- und Fischhändler des Mittelalters bis zu den dramatischen Tagen von 1940, als die britische 51. Highland Division hier eingekesselt wurde. Heute wirkt alles friedlich, selbst bei stürmischem Wetter und diesen blitzartigen Platzregen, die aus dem Nichts kommen und genauso schnell wieder verschwinden. Vor ein paar Jahren waren wir hier mit sehr lieben Freunden. Im Hotel Rempart, das schon vor dem Krieg in die Jahre gekommen war.

Heute buchen wir für zwei Nächte ein Zimmer im Hotel des Bains, eines dieser Häuser, die sofort ein Gefühl von Ankommen vermitteln. Großes Fenster, viel Licht, ein Hauch Meeresluft vom Hafen in Sichtweite. Nebenan im Eden essen wir etwas Kleines, nichts Besonderes, aber genau richtig. Danach vertrödeln wir den ganzen Nachmittag lesend, während draußen der Wind an den Fenster rüttelt, Regen unseren Balkon durchnässt und die Sonne immer wieder kurze Auftritte hat.

Es ist großartig. Dieses Wechselspiel aus Wetter, Ruhe, Meer und Erinnerung. Der Leuchtturm ist noch da, das gewaltige Rausches des Meeres bei Flut, die Klippen, soweit das Auge reicht, die kleinen Restaurants mit handgeschriebenen Menütafeln. Es ist einfach ein schöner Ort zum Nichtstun.

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