Der Markttag in Saint‑Valery‑en‑Caux beginnt, noch bevor der Ort richtig wach ist. Punkt sechs Uhr klappen die ersten Händler ihre Tische aus, Metallstangen klirren, Planen werden über Kisten gespannt. Direkt vor unserer Nase wächst der Markt wie ein kleines, quirliges Biotop aus Stimmen, Farben und Gerüchen. Obst und Gemüse türmen sich zu kleinen Landschaften, daneben Fleisch, Käse, Berge von Klamotten, die im Morgenwind flattern. Man kann sogar Betten kaufen, richtige Betten, als hätte jemand beschlossen, dass ein Markt ohne Matratzen kein vollständiger Markt sei. Und dann dieser Duft: ein gebratenes Huhn, das sich langsam dreht, während unten in der Fettpfanne Kartoffeln schmurgeln, goldbraun und verheißungsvoll.
Doch das wahre Highlight ist der singende Obstverkäufer. In der einen Hand hält er ein Mikrofon, in der anderen eine Papiertüte, in die er mit einer tänzerischen Selbstverständlichkeit Äpfel, Birnen, Pfirsiche wirft. Er singt mit einer Inbrunst, die pure Lebensfreude vermittelt, „L’Amérique“ von Joe Dassin,
einen Klassiker von 1970, den Ohrwurm, den in Frankreich praktisch jeder kennt. Ein Mann, der seinen eigenen kleinen Broadway zwischen Nektarinen und Tomaten geschaffen hat.
Wir wollen weiter, die Küstenstraße ruft. Ein kurzer Abstecher nach Fécamp, aber nein, wir fahren weiter nach Étretat. Oder besser: Wir würden gern. Wegen eines Festes sind sämtliche Zufahrtsstraßen gesperrt, parkende Autos säumen die Landstraße kilometerweit. Die Vorstellung, uns in die endlose Wanderung einzureihen, begeistert uns nicht. Also weiter.
Le Havre. Es wäre ein Fehler gewesen, hier nicht anzuhalten. Wir wohnen im Hotel Richelieu, mittendrin, nachdem wir die ausgebauten Docks besichtigt haben. Wie jede Hafenstadt hat auch Le Havre seinen ganz eigenen Reiz, eine Mischung aus rauer Arbeitswelt und überraschender Poesie.
Ein Kunstwerk aus bunten Containern zieht uns sofort in seinen Bann: „Catène de Containers“ von Vincent Ganivet, ein doppelter Regenbogen aus Schiffscontainern, der sich wie ein farbiges Tor in den Himmel spannt. Ein Monument der Hafenmoderne, das gleichzeitig verspielt wirkt, fast leichtfüßig, obwohl es aus Stahl besteht.
Und dann der berühmte Vulkan von Oscar Niemeyer: ein weißer, geschwungener Baukörper, der aussieht, als hätte jemand ein Stück futuristische Landschaft mitten in die Stadt gesetzt. Niemeyer, der brasilianische Architekt, der die Moderne mit Kurven statt Kanten neu erfand und in seiner Heimat die Hauptstadt Brasilia gebaut hat, hat hier in den 1970er‑Jahren ein Kulturzentrum geschaffen, das bis heute wirkt wie ein Besucher aus einer anderen Zeit. Seine Architektur ist politisch, poetisch, immer ein wenig utopisch und hat in Le Havre einen Ort gefunden, an dem sie atmen kann.
Ganz besonders aber ist das Nachkriegsviertel von Auguste Perret, dem Architekten, der nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg den Wiederaufbau leitete. Perret setzte auf Sichtbeton, klare Linien, modulare Strukturen und schuf damit ein Ensemble, das heute UNESCO‑Weltkulturerbe ist. Was einst als nüchtern galt, wirkt heute wie ein Manifest der Hoffnung: eine Stadt, die sich neu erfindet, ohne ihre Wunden zu verstecken.
Bei Les Halles, den großen Markthallen, die gerade noch aufgeräumt werden, wollten wir etwas essen, aber die meisten Restaurants kochen nur mittags. Also lassen wir uns vis‑à‑vis des Niemeyer‑Baus bei einem Italiener nieder und beschließen den Tag mit einem köstlichen Essen auf einer geschlossenen Terrasse. Der kurze Sprung nach Le Havre ist absolut lohnenswert.