Noch ziemlich müde vom venezianischen Brückenmarathon verlassen wir heute Italien Richtung Österreich. Die Zugfahrt über Udine und Klagenfurt nach Graz dauert rund fünf Stunden und wäre eigentlich kaum der Rede wert.
Eigentlich.
Denn manchmal sitzt das Interessanteste einer Reise nicht vor dem Fenster, sondern direkt daneben. Neben mir nimmt eine zierliche Dame Platz, Jahrgang 1939, wohnhaft in Klagenfurt und mit ihren 87 Jahren deutlich energiegeladener als mancher Dreißigjährige. Wir kommen ins Gespräch und bleiben darin praktisch bis Klagenfurt.
Zweimal im Jahr lebt sie für einige Wochen in Venedig. Früher führte sie mit ihrem damaligen Mann ein Hotel in Italien. Die Ehe endete in einer „fürchterlichen Scheidung“, wie sie es nennt. Danach folgte noch eine leidenschaftliche Affäre mit einem deutlich jüngeren Griechen. Auch dieses Kapitel ist inzwischen abgeschlossen.
Heute macht sie nur noch das, worauf sie Lust hat. Mit 80 veröffentlicht sie ein Kinderbuch. Mit 82 ihre Autobiografie. Derzeit wird ihr Leben verfilmt. Auf ihre Kosten.
Und weil das offenbar noch nicht reicht, erfüllte sie sich mit 85 einen jahrzehntealten Traum und begann mit Gesangsunterricht und Klavierstunden. Opernsängerin wollte sie ursprünglich werden. Das Leben hatte damals andere Pläne.
Erstaunlich, denke ich. Nicht nur ihre Tatkraft. Auch die Geschwindigkeit, mit der ein Menschenleben an einem vorbeiziehen kann. In Klagenfurt verabschieden wir uns herzlich.
Eine Stunde später rollen wir bereits in Graz ein. Das IntercityHotel hat seine besten Tage zwar nicht mehr direkt vor sich, dafür liegt es strategisch nahezu perfekt. Vom Bahnhof sind es nur wenige Schritte bis zur Rezeption, und für ein paar Nächte brauchen wir ohnehin keinen Kronleuchter.
Heute Abend steht ohnehin etwas anderes auf dem Programm. Wiener Schnitzel.Das Internet empfiehlt den „Steirer“.Also reservieren wir einen Tisch und marschieren los.
Das Schnitzel ist gut. Sogar sehr gut.
Der Laden allerdings ein klein wenig zu geschniegelt. Als wir den Speisesaal betreten, steht dort zur Dekoration ein Fiat 500. Nun muss man fairerweise sagen: Es handelt sich um einen Puch 500, die österreichische Variante des Fiat, entwickelt hier in der Steiermark. Das erklärt einiges.
Trotzdem notiere ich mir eine kleine Reiseerkenntnis: Ein Restaurant wird nicht automatisch sensationell, weil ein Auto im Speisesaal steht. Auch dann nicht, wenn es regionale Kulturgeschichte auf vier Rädern ist.
Satt und zufrieden spazieren wir zurück ins Hotel. Vor uns liegen ein paar Tage hier in Graz. Könnte interessant werden.