Rom. Alles ausser gewöhnlich.

Heute haben wir uns fest vorgenommen, keine allzu weiten Strecken zu laufen. Ein sympathischer Plan. Er scheitert fast komplett.

Busse sind überfüllt, Straßen verstopft, rund um den Petersplatz herrscht Ausnahmezustand. Papst Leo wird zum heutigen Allerheiligentag sprechen und anschließend die Gläubigen segnen. Dafür sind Zehntausende Pilger und Touristen angereist. Weitere Zehntausende Römer wollen sich die Gelegenheit ebenfalls nicht entgehen lassen.

Nur wir heidnisches Pack sind unterwegs zum Flohmarkt. Und auch dort wartet eine Superlative. Porta Portese gilt als berühmtester Flohmarkt Roms und scheint überhaupt kein Ende zu nehmen. Hier gibt es alles. Wirklich alles. Traurige Polyacrylpullover ächzen unter der Last von Kaschmiretiketten, Turnschuhe suchen ihre Sohlen, und vermutlich findet man hier tatsächlich Socken ohne Ferse, sollte man jemals danach suchen. Oder Palmen ohne Wurzeln. Oder. Oder. Oder.

Was immer man kaufen möchte: Kaum etwas kostet einen zweistelligen Betrag. Pullover für zwei Euro, Mäntel für fünf, Stiefel für sieben. Bekannte Markennamen tauchen ebenfalls überall auf, wirken allerdings unisono so, als hätten sie ihre eigentlichen Hersteller nie persönlich kennengelernt.

Der Markt zieht sich kilometerlang am Tiber entlang. Links das Wasser, rechts Häuserfronten. Fluchtmöglichkeiten gibt es kaum. Am liebsten hätten wir uns in ein Café gesetzt und dem Wahnsinn bei einem Espresso zugesehen. Leider gibt es keines.

Nach einer guten Stunde haben wir genug gesehen und machen uns auf den Weg zur nächsten Überraschung des Tages. Per Straßenbahn und Bus geht es zur Centrale Montemartini.

Rom besitzt bekanntlich ein Talent dafür, Altes und Neues auf die denkbar ungewöhnlichste Art zusammenzubringen. Die Centrale Montemartini ist der vielleicht schönste Beweis dafür. Wo bis in die 1960er Jahre Strom erzeugt wurde, stehen heute Marmorstatuen, Sarkophage, Büsten und Kunstwerke aus der Antike. Gewaltige Dampfturbinen und Generatoren bilden die Kulisse für jahrtausendealte Kunstschätze. Es sieht großartig aus. Im Maschinensaal stehen römische Kaiser und Göttinnen vor riesigen Industrieanlagen, als hätten sie dort schon immer hingehört. Der Kontrast funktioniert erstaunlich gut. Hinzu kommt ein weiterer Vorteil: Kaum jemand ist da. Obwohl heute ein Feiertag in Italien ist, obwohl das Museum am 1. Sonntag des Monats auch noch gratis ist. Während sich vor Kolosseum, Vatikan und Trevi-Brunnen die Menschen rangeln, herrscht hier angenehme Ruhe. Eigentlich schade. Denn sehenswert ist das Museum allemal.

Besonders gefällt uns die Sonderausstellung über italienische Mode zwischen 1950 und 1975. Originale Alta Moda, Stoffproben, Entwürfe, Fotografien und jede Menge Filmstars, die aus talentierten Schneidern weltberühmte Couturiers machten. Wieder fällt uns auf, wie sich die Mode wiederholt. Fast jedes Couturestück ist heute noch tragenswert.

Danach kehren wir allerdings zurück in den Mainstream. Und zwar schlagartig. Spätestens am Kolosseum. Meine Güte. Geschiebe. Gedränge. Selfiesticks. Menschentrauben in sämtlichen denkbaren Sprachen. Ein klassischer Fluchtmoment.

In der Via Cavour retten wir uns zu einem italienischen Traiteur und stärken uns mit einem Sandwich. Langsam wird es dunkel. Und kühl. Die Römer ziehen ihre Jacken an, die ersten Lichter leuchten, über den Dächern färbt sich der Himmel langsam von rosa nach schwarz.

Ein schöner Moment. Mit dem Bus fahren wir den langen Weg zurück nach Trionfale-Prati.

Heute haben wir wieder einmal etwas dazugelernt: Wer Rom verstehen will, sollte nicht nur zu den Ruinen der Antike gehen. Manchmal ist ein altes Kraftwerk der spannendere Zeitzeuge.

Und noch eine nicht zu unterschätzende Erkenntnis. Was in Deutschland überall Mozzarella di buffalo heisst, steht hier völlig richtig auf den Speisekarten: buffala, also Büffelin heisst das milchgebende Vieh. Hätte man auch mal drauf kommen können, das der Büffel keine Milchkuh ist. Bekloppt. Einfach nicht nachgedacht.

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