In der 3000 Jahre alten Stadt Metz an der Mosel ging es geschichtlich schon immer rund. Erst keltische Siedlung der Mediomatriker, dann römische Garnisons‑ und Handelsstadt, später Hauptstadt des fränkischen Austrasiens. Ab dem 13. Jahrhundert freie Reichsstadt, reich, selbstbewusst, manchmal störrisch gegenüber Kaisern und Bischöfen. 1552 holt Frankreich sich Metz militärisch, 1648 wird das Ganze im Westfälischen Frieden besiegelt. Und dann dieses Hin‑ und Her zwischen Deutschland und Frankreich von 1871 bis 1945, das man bis heute in Architektur, Sprache und Identität spürt. Eine Stadt wie ein Geschichtsbuch, nur ohne Staub.
Seit Jahren bejammere ich, die Kathedrale von Metz nie gesehen zu haben. Heute soll endlich Schluss sein mit dem Gejammer. Das Wetter spielt mit: morgens vor neun schon 15 Grad und Sonne, wir sind erstaunlich wach und voller Energie.
An der Rezeption erfahren wir, dass der überdachte Markt nahe der Kathedrale sonntags geschlossen bleibt, entgegen allem, was Reiseführer behaupten. Offenbar lohnt sich der Betrieb in dieser 120‑000‑Einwohner‑Stadt trotz Touristenandrang nicht. Nun gut. Es gibt ja Alternativen.
Der Marché de Sainte‑Thérèse ist so ein Markt, den man leicht übersieht und genau deshalb mag. Gemüsebauern aus Lothringen, Metzgerstände, Käse aus den Vogesen, Brot aus kleinen Bäckereien, saisonale Blumen. Kein Gedränge, kein Plastikglitzer, kein „Authentizität‑für‑Touristen“-Theater. Und das Ganze im Schatten eines besonderen Bauwerks: der Église Sainte‑Thérèse, einer Backsteinkirche aus den 1930ern, Art Déco, fast skandinavisch schlicht, mit blockartigem Turm und geometrischen Fenstern. Ein klarer, moderner Gegenpol zu all den mittelalterlichen Schätzen der Stadt. Der Markt drumherum aber wirkt, als hätte er die letzten Jahrhunderte einfach ignoriert. Obst, Gemüse, Stimmengewirr, fertig.
Von dort spazieren wir Richtung Mosel, erfreuen uns an Hausbooten, Joggern und dieser gemächlichen Stimmung, die Metz so angenehm macht. Die Stadt ist überschaubar und wirkt doch größer, weil sie so viel Geschichte trägt.
Entlang des Flusses und in den Avenues entdecken wir Jugendstilfassaden, die verblüffend an Buenos Aires erinnern. Diese Mischung aus französischer Eleganz und leichtem Übermut. In der Sonne frühstücken wir in irgendeinem Straßencafé: Tartine, Croissant, Cafés allongés. Was will man mehr.
Und dann stehen wir endlich vor der Kathedrale. Was für ein Anblick. Fotos können das nicht einfangen. Der Dom St. Stephan, der Metzer Dom, römisch‑katholisch, gebaut zwischen 1220 und 1520, gilt als eines der schönsten und größten gotischen Kirchengebäude Frankreichs – und ich finde, völlig zu Recht. Wir haben Glück: Eine Messe endet gerade, wir huschen hinein und schleichen mit großen Augen durch das Gotteshaus. Kaum sitzen wir einen Moment, fliegen wir auch schon wieder hinaus. Ein streng blickender Wächter pfeift uns an. Außerhalb der Messen braucht man Eintrittskarten. Kaufen wir nicht. Erstens zahlen wir grundsätzlich keinen Eintritt für Gotteshäuser, zweitens haben wir uns bereits gründlich umgesehen.
Fast verstummt vor Begeisterung schlendern wir weiter, überqueren kurz die Mosel, werfen einen Blick auf das imposante Opernhaus, eingerüstet, wie so vieles in dieser Stadt. Renovierungslaune überall.
Wenig später stehen wir zufällig vor einem Museum, das sich als Schatzkammer entpuppt: das Musée de La Cour d’Or. Man steigt hinab in echte römische Thermen, die unter Metz verborgen lagen, und steht plötzlich mitten in der Antike. Dann führen verwinkelte Gänge weiter zu mittelalterlichen Fresken, Merowinger‑Gräbern, gotischen Fragmenten. Geschichte, die man fast körperlich spürt. Oben endet alles in der Malerei der École de Metz des 19. Jahrhunderts. Ein Zeitsprung, der so wild ist, dass er schon wieder Sinn ergibt. Uns schwirrt der Kopf von so vielen Eindrücken.
Und die Füße beginnen zu protestieren. In einem Café sehen wir Leute wieder, die uns schon beim Frühstück begegnet sind. Kleine Welt. Wir schlürfen ein alkoholfreies Bier in der Sonne, teilen uns eine planche de charcuterie und freuen uns auf die Aussicht, im Hotel endlich die Beine hochlegen zu können.
Wie einst Lille überrascht uns auch Metz an jeder Ecke. Beide auf den ersten Gedanken unspektakuläre Städten lohnen jeden Umweg.