Normandie, Bretagne und fast schon Aquitanien

Kein Mensch weiss, warum es uns jedes Mal, wenn wir in der Normandie sind, zum Mont‑Saint‑Michel treibt. Vielleicht ist es Magnetismus, vielleicht ein Tick, vielleicht auch nur das Gefühl, dass dieser Felsen im Meer mehr ist als ein Postkartenmotiv. Ein Ort, der sich nicht erklären lässt, sondern einen einfach ruft. Seit über tausend Jahren tut er das. Erst Pilger, dann Könige, später Romantiker und immer wieder uns, die wir uns irgendwie einbilden, wir hätten ihn entdeckt, obwohl er doch der ganzen Welt gehört.

Der Mont selbst ist ein architektonischer Trotzakt gegen die Natur. Eine Granitinsel, die im 8. Jahrhundert angeblich dem heiligen Michael persönlich erschien. So zumindest die Legende, die der Bischof von Avranches später mit einer Abtei krönte. Im Mittelalter wurde daraus eine Festung, die selbst die Engländer nicht knacken konnten. Später ein Gefängnis, dann wieder ein Kloster. Und heute? Ein Wunderwerk, das sich je nach Gezeiten in eine Halbinsel oder eine Insel verwandelt. Ein Ort, der sich ständig entzieht und doch immer da ist.

Aus Granville kommend schleichen wir entlang der Küstenstraße, bis der Mont zum ersten Mal auftaucht: ein winziger Zacken am Horizont. Von da an lassen wir ihn kaum aus den Augen. Er wächst mit jedem Kilometer, bis er schließlich wie ein Märchenschloss im Watt steht. Und erstaunlicherweise ist kaum jemand unterwegs. Das Prachtstück gehört uns allein, als hätte jemand die Normandie für einen Moment auf Pause gedrückt.

Wie immer haben wir keine Lust, einen der offiziellen Parkplätze anzufahren. Stattdessen laufen wir einige Kilometer entlang eines Kanals, der sich schnurgerade auf den Mont zubewegt. Das Wetter meint es gut mit uns, aber noch besser ist das Reitergrüppchen, das im gestreckten Galopp an uns vorbeirauscht. Ein Bild wie aus einem Historienfilm mit einem Hauch vom Immenhof. Dieses Lächeln bleibt im Gesicht, selbst als wir längst wieder im Auto sitzen.

Über Les Viviers‑sur‑Mer fahren wir weiter in die Bretagne, nach Cancale, dem Hotspot für alle Austernfreunde. Ganz ehrlich: Wir gehören nicht dazu. Aber der Ort ist attraktiv, die Bucht mit ihren riesigen Austernbänken weit, die Farben weich. Auch hier wenig Publikum, alle bereits gegessen oder geflüchtet. Direkt vor uns hält plötzlich ein Krankenwagen. Ein Mann kann sich kaum auf den Beinen halten und erklärt dem Notarzt, dass er gerade Austern vom nächsten Stand gegessen hat. Ein weiterer Grund für uns, bei Galettes zu bleiben. Die Bretagne ist kulinarisch großzügig; man muss ja nicht alles mitmachen.

Jetzt allerdings stellt sich die Frage: großer Rundtörn an der bretonischen Küste oder gleich Richtung Süden? Der Wetterbericht hilft bei der Entscheidung. Der Bretagne droht Regen bei kühlen Graden. Also landeinwärts, Richtung Rennes. Wir genießen die Fahrt, sind aber auch froh, als wir kurz vor der bretonischen Hauptstadt vor unserem Hotel Oceania bremsen.

Am nächsten Morgen weckt uns Regen, aber Richtung Nantes bessert sich das Wetter und es wird auch etwas wärmer. In La Rochelle scheint endlich die Sonne. Wir laufen ein Stündchen durch die Stadt, bleiben nahe dem Hafen und der Altstadt, beobachten Schiffe, die Ausflüge zu Fort Boyard machen. Unterm Strich ganz interessant, aber uns ist La Rochelle zu touristisch.

Dabei hätte die Stadt eigentlich genug Geschichte, um selbst den größten Skeptiker zu beeindrucken. La Rochelle war im Mittelalter eine der reichsten Hafenstädte Frankreichs, ein Bollwerk der Hugenotten, die sich hier verschanzt hatten, bis Kardinal Richelieu ihnen im 17. Jahrhundert mit einer monatelangen Belagerung den Garaus machte. Die Stadt hungerte, hielt durch, fiel schließlich und wurde danach wieder aufgebaut, als wäre nichts gewesen. Vielleicht ist das der Grund, warum La Rochelle heute so selbstbewusst wirkt: Sie hat schon Schlimmeres überstanden als ein paar Touristenströme.

Also wohin zur Nacht? Zeitgleich haben wir denselben Gedanken: auf die Île de Ré. Da waren wir noch nie.

Knapp 40 Kilometer und acht Mauteuro später verfahren wir uns erst einmal in den fiesen engen Gassen von La Flotte, einem Inselstädtchen, das auf den ersten Blick von vielen Campingenthusiasten belagert wird. Das Navi schmollt, wir auch. Schließlich lassen wir es wissen, dass wir in den Hafen von Saint‑Martin wollen. Eine grandiose Entscheidung.

Die Île de Ré wirkt auf den ersten Blick wie ein französisches Bilderbuch, auf den zweiten wie ein Ort, der schon immer wusste, dass er schön ist. Im 17. Jahrhundert ließ Vauban, der Lieblingsfestungsbauer von Ludwig XIV., Saint‑Martin zu einer sternförmigen Festung ausbauen, um die Insel gegen die Engländer zu schützen. Heute steht das Ganze unter UNESCO‑Schutz, und man merkt, warum: Die Mauern, die Schleusen, die perfekte Geometrie… Ein militärisches Kunstwerk, das sich in ein Urlaubsparadies verwandelt hat.

Als wir endlich den Eingang in den Ort St. Martin gefunden haben, steigen wir praktisch sofort vorm Hotel La Jetée auf einem legalen Parkplatz aus. Das Zimmer ist schnell gebucht, eine Verlängerung leider nicht, denn ab morgen ist alles ausgebucht.

Also genießen wir den Abend am Hafen umso mehr. Was für ein possierlicher Ort. Viele Restaurants, gut besucht in der untergehenden Sonne. Nach dem Essen machen wir noch einen Spaziergang ans Meer, in der Hand eine der besten Eistüten mit dunklem Eis. So gut wie in Triest. Und das ist ein weiteres Kompliment für diesen Ort.

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