Heute wollen wir es wirklich einmal ruhig angehen lassen.
Deshalb investieren wir großzügig 4,50 Euro in eine 24-Stunden-Karte für die Grazer Öffentlichen. Rentnertarif. Man muss die Vorteile des Alters schließlich mitnehmen, wenn sie sich schon anbieten.
Nach dem Frühstück geht es direkt Richtung Rathaus.
Das Frühstück selbst ist nicht der Rede wert, und leider gilt das zunehmend für das gesamte Vier-Sterne-Haus. Was uns am meisten verblüfft: Handtücher, Wasser, Badreinigung und ähnliche Selbstverständlichkeiten gibt es offenbar nur auf ausdrücklichen Wunsch des Gastes. Wir wünschen. Und zwar ausdrücklich. Dazu später mehr.
Graz ist nach Wien die zweitgrößte Stadt Österreichs, mit knapp 300.000 Einwohnern aber angenehm überschaubar. Ideal also für einen entspannten Streifzug durch die Altstadt.
Am Hauptplatz steigen wir vor dem Rathaus aus der Straßenbahn. Der riesige Weihnachtsbaum wird gerade geschmückt, Menschen bummeln durch die Fußgängerzone, die Geschäfte sind gut besucht. Überall begegnet man den hübschen Fassaden, die Graz seinen besonderen Charme verleihen. Gotik, Barock, Biedermeier, Renaissance. Die Altstadt wirkt wie ein Architektur-Lehrbuch und gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Wir schlendern durch Gassen, vorbei an Baustellen, Kränen und allerlei Stadtentwicklung. Kirchen gibt es natürlich ebenfalls. Wir besuchen einige davon. Seltsamerweise berühren sie uns diesmal kaum. Vielleicht haben wir in den letzten Wochen unseren Jahresbedarf an Gotteshäusern bereits übererfüllt.
Irgendwann überqueren wir die Mur, werfen einen Blick auf das futuristische Kunsthaus und die Murinsel, die aussieht, als hätte jemand eine Stahlmuschel mitten in den Fluss gesetzt.
Dann stehen wir vor dem Schlossberg. Es gibt mehrere Möglichkeiten, auf das Wahrzeichen der Stadt hinaufzukommen. Zu Fuß. Mit der Schlossbergbahn. Oder per Lift. Wir gehen nicht zu Fuß. Man muss schließlich nicht jeden Fehler selbst machen.
Oben empfängt uns grauer Himmel, frische Luft und ein schöner Blick über die roten Dächer der Stadt. Gerade als wir die Aussicht genießen, beginnt ein Akkordeonspieler damit, Volksweisen in die Landschaft zu schicken.
Wir treten den geordneten Rückzug an. Man könnte übrigens auch mit einer spektakulären Rutsche wieder nach unten gelangen. Aber wir sind noch nicht ganz wahnsinnig. Also wieder Lift. Wieder gemütlich.
Weil es kühl ist, steigen wir anschließend einfach in die nächste Straßenbahn und fahren ohne konkretes Ziel los. Das funktioniert erstaunlich gut.
Irgendwann wird ein Markt gesichtet. Aussteigen. So landen wir mehr oder weniger zufällig im Schatten der Oper am Kaiser-Josef-Markt, dem ältesten Bauernmarkt der Steiermark.
Hier gibt es Äpfel, Kürbiskerne, Kernöl, Käferbohnen, Obst, Gemüse und allerlei Dinge, von denen die Steirer überzeugt sind, dass der Rest Europas ohne sie eigentlich gar nicht richtig leben kann.
Eine Salatverkäuferin versucht gerade, einem älteren Herrn eine exotische neue Sorte schmackhaft zu machen Seine Antwort: „Dös mog i net.“ Er bleibt bei grünem Kopfsalat. Auch gut.
Wir beobachten Menschen. Wunderbare Menschen. Marktmenschen. Einkaufsmenschen. Steirische Originale. Allein dafür lohnt sich der Aufenthalt.
Danach schwingen wir uns wieder in die Straßenbahn und fahren einfach bis zur Endstation. Öffentliche Verkehrsmittel eignen sich hervorragend zum Herumgondeln.
Auf dem Rückweg stoppen wir in der Herrengasse, der großen Einkaufsstraße von Graz. Neben den üblichen Verdächtigen findet man hier auch regionale Produkte. Unter anderem die berühmte Zotter-Schokolade.
Wir laufen ein bisschen herum, merken aber schnell, dass uns heute eher nach Gemütlichkeit als nach Konsum und Kultur zumute ist.
Es gibt noch eine heiße Rindfleischsuppe an einem Marktstand. Dann die nächste Straßenbahn Richtung Hotel.
Kommen wir zum Hotelservice. Heute Morgen habe ich den Herrn erwischt, der bei uns für die Zimmer zuständig ist. Zimmermann kann man vermutlich nicht sagen. Soweit ich ihn verstanden habe, fragte er mich, was wir brauchen. Handtücher. Wasser. Das übliche Programm.
Offenbar haben wir uns nicht ganz korrekt verständigt. Neue Handtücher gab es. Wasser auch. Sogar die Tassen waren gespült. Die Betten allerdings nicht gemacht. Gut. Das hatte ich streng genommen auch nicht ausdrücklich bestellt.
Von den vier Sternen dieses Hauses sind offenbar einige ein wenig angeschlagen.
Die Lösung des großen Problems, des Abendessens, verschieben wir. Mohrenwirt? Gössebräu? Mal sehen. Auf Schickimicki haben wir jedenfalls keine Lust.
Juan taucht in die spanische Version Victor Hugos „Les Misérables“ ein, ich tippe erst andando und stürze mich dann in das neue Buch von Jean Baptiste Andrea: „Was ich von ihr weiss“. Eine wunderbare Art, den Nachmittag zu verbringen.