Rom – Venedig. Verwirrt, verirrt.

Der Plan war denkbar einfach und ausgesprochen kräfteschonend.

Gemütlich in Rom mit der Metro zum Termini. Dort in den Hochgeschwindigkeitszug steigen. Gut vier Stunden später in Venedig ankommen. Eine Nacht bleiben. Fertig.

Da wir ohnehin nur auf der Durchreise sind, haben wir uns direkt am Bahnhof Mestre eingemietet. Das Zimmer gehört zu den saubersten der gesamten Reise, mit Blick auf Gleise und Busbahnhof. Nicht romantisch. Aber ehrlich.

Wie geplant halten wir uns dort nur wenige Minuten auf. Für 1,50 Euro bringt uns der Bus Nr. 2 über den Ponte della Libertà direkt ins Herz der Lagunenstadt. Der Damm verbindet seit dem 19. Jahrhundert das Festland mit Venedig und schon wenige Minuten später tauchen rechts und links Kanäle, Palazzi und die vertrauten Silhouetten der Stadt auf.

Unser Plan lautet: Einen Drink nehmen. Kurz Venedig grüßen. Wieder verschwinden.

Hat nicht geklappt.

Schon nach wenigen Minuten wundern wir uns über die vergleichsweise überschaubaren Touristenmengen. Vielleicht liegt es an der Jahreszeit. Vielleicht am Wetter. Vielleicht haben die Kreuzfahrtschiffe heute einfach andere Opfer gefunden. Also laufen wir. Durch Gassen. Über Brücken. Wieder durch Gassen. Wieder über Brücken. Und immer weiter Richtung Markusplatz.

Das Problem mit Venedig ist nicht die Orientierungslosigkeit. Das Problem ist, dass man ständig denkt: „Ach, da vorne gucken wir nur noch mal kurz.“ Und schon ist wieder eine halbe Stunde vorbei. Hinter jeder Ecke wartet das nächste Fotomotiv. Ein kleiner Kanal. Eine schiefe Hauswand. Eine Brücke. Eine Kirche. Eine Wäscheleine. Ein Innenhof. Diese Stadt hat das unangenehme Talent, permanent interessant auszusehen.

Vorbei geht es an Boutiquen, Souvenirläden, Maskengeschäften und Schaufenstern voller Murano-Glas. Amerikaner und Asiaten begegnen uns in erstaunlicher Dichte. Viele scheinen nur ein Ziel zu haben: Gondelfahren. Um jeden Preis (ab 90 Euro).

Vor den Gondelständen wird gerechnet, diskutiert und fotografiert, während die Gondolieri jene stoische Gelassenheit ausstrahlen, die vermutlich entsteht, wenn man seit dreißig Jahren dieselbe Frage beantwortet: „How much?“

Natürlich genießen wir es, wieder hier zu sein. Natürlich freuen wir uns über die vergleichsweise überschaubaren Menschenmengen. Und natürlich unterschätzen wir die Entfernungen komplett.

Denn in Venedig muss jeder Weg auch wieder zurückgegangen werden.

Kein Taxi. Kein Bus. Keine U-Bahn. Und die Vaporetto-Haltestelle befindet sich grundsätzlich immer dort, wo man gerade nicht ist.

Irgendwann erreichen wir den Markusplatz. Und bleiben hängen. Das passiert hier jedem. Napoleon soll den Platz einst den „schönsten Salon Europas“ genannt haben. Selbst heute, zwischen Selfiesticks, Reisegruppen und Handykameras, versteht man sofort, was er meinte.

Vor dem berühmten Caffè Florian spielt das Orchester für die Gäste. Das Florian existiert seit 1720 und gehört zu den ältesten Kaffeehäusern Europas. Goethe saß hier. Casanova ebenfalls. Und Letzterer soll besonders geschätzt haben, dass auch Frauen willkommen waren. Das war im 18. Jahrhundert keineswegs selbstverständlich.

Während unter den Arkaden Champagner getrunken wird, bleiben wir einfach stehen. Große Unterhaltung. Zum Nulltarif.

Ein paar Schritte weiter schaukelt eines der eleganten Boote des Hotel Cipriani am Anleger. Seit Jahrzehnten werden hier die Gäste des legendären Hauses über die Lagune chauffiert. Charlie Chaplin wohnte dort. Sophia Loren ebenfalls. Die Stones und die Beatles. Und natürlich halb Hollywood.

Wir beobachten lieber von außen. Das ist deutlich budgetfreundlicher. Alles wirkt gleichzeitig weltberühmt und vollkommen normal.

Möwen kreischen. Wasser schlägt gegen die Kaimauer. Kirchenglocken läuten. Und irgendwo diskutieren Gondolieri mit jener Intensität, die darauf schließen lässt, dass es um etwas außerordentlich Wichtiges geht. Oder um Fußball.

Für einen Moment versteht man wieder, warum diese Stadt seit Jahrhunderten Maler, Schriftsteller, Händler, Hochstapler und Verliebte anzieht.

Dann beschließen wir, zurückzugehen. Ein Fehler. Kann man sich in Venedig verlaufen? Aber selbstverständlich. Und wie.

Plötzlich finden wir uns in dunklen Gassen wieder, fern jeder Postkartenidylle. Keine Boutiquen. Keine Reisegruppen. Keine Gondeln. Nur hohe Mauern, enge Durchgänge und immer neue Brücken.

Mit jedem Schritt werden die Beine schwerer. Jede Treppe entwickelt sich zum kleinen Drama.

Ganz kurz bin ich nicht sicher, ob nicht irgendwo eine kleine Gestalt im roten Mäntelchen um die Ecke huscht. Wer Nicolas Roegs Film Wenn die Gondeln Trauer tragen kennt, versteht die Sorge. Zum Glück tragen die Gondeln heute keine Trauer.

Irgendwann schleppen wir uns zurück Richtung Busbahnhof.

Unterwegs hatten wir übrigens einen Aperol Spritz zur Happy Hour. Dazu werden zwei Bruschette serviert. Theoretisch. Praktisch handelt es sich um zwei winzige Baguettescheibchen, die vorsichtshalber auch noch halbiert wurden. Darauf eine Spur Tomate.

Wir lachen Tränen.

Die Venezianer verstehen offenbar etwas von Architektur, Kunstgeschichte, Seefahrt und der gepflegten Veräppelung ihrer Gäste.

Spät am Abend erreichen wir wieder Mestre. Müde. Hungrig.

Und ziemlich sicher, dass unser Plan, „nur kurz Venedig zu grüßen“, grandios gescheitert ist. Zum Glück.

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andando
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