Frankreich. Unterwegs. La France. En route.


Am 7. morgens kurz nach acht rollen wir los. Der Himmel hängt tief, sieben Grad, ein Wetter, das selbst den Rapsfeldern die Laune verdirbt.

Auf der A7 staut es sich sofort, als hätte der Norden kollektiv beschlossen, gleichzeitig aufzubrechen. Bei Soltau reicht es uns. Wir biegen ab auf die Landstraße, wo die Welt ruhiger wird: grüne Wiesen, dunkle Wälder, Dörfer mit Fachwerk, das schon bessere Sommer gesehen hat.

Eigentlich wollten wir Golf spielen, der Platz Tietlingen liegt idyllisch bei Walsrode. Aber bei diesem Wetter? Wir lassen die Schläger im Bag und fahren weiter quer durchs niedersächsische Hinterland, bis Bad Arolsen uns ausbremst.

Der Ort rüstet fürs Wochenende: Das Barockfest steht an, ein Spektakel aus Kostümen, Musik und höfischem Theater. Vor dem Residenzschloss, einem eleganten Bau aus dem 18. Jahrhundert, wird gerade eine Tribüne aufgebaut. Im feinen Regen wirkt alles wie eine Probe, bei der noch niemand weiß, wann er auftreten muss.

Wir finden ein Zimmer in der Pension Fürsteneck, geführt von einer kurdischen Familie. Der Sohn, ein junger Rechtsanwalt, erzählt mir, wie er nach dem Studium in Marburg hier hängen geblieben ist. Die ganze Familie hilft mit, sogar die Eltern. Die Pension ist schlicht, aber warmherzig, mit einer kleinen Küche, in der man sich Tee kochen kann.

Hunger treibt uns raus. Gar nicht so einfach: Viele Restaurants öffnen nur am Wochenende, andere haben längst aufgegeben. Wir laufen am Arolsen Archives vorbei, dem internationalen Zentrum für NS‑Verfolgungsdokumentation. Ein unscheinbarer Ort, der weltweit Antworten auf Familiengeschichten liefert, die jahrzehntelang im Dunkeln lagen.

Schließlich landen wir an einer Talsperre in einem Gasthaus names „Post“ (wie sonst?), das eindeutig das Wohnzimmer der Einheimischen ist. Am Nebentisch wird ein Tisch für 14 Personen eingedeckt: Schnitzel, Bratkartoffeln, Kroketten, dazu große weiße Porzellankannen voller Saucen. Champignon, Jäger, alles, was man in Nordhessen unter „leicht“ versteht. Solche Mengen haben wir noch nie gesehen, aber die Nachbarn feiern das große Fressen. Wir schaffen unsere Portion nicht und sind um acht zurück in der Pension. Schlafen wie nach einer Wanderung, obwohl wir kaum 2000 Schritte gemacht haben.

Frühstück gibt es nicht, aber einen Gutschein für ein Café, das angeblich um sieben öffnet. Heute nicht. Also sitzen wir beim „Backfuchs“ zwischen Handwerkern. Einige bestellen die lokale Spezialität: ein Brötchen mit einer zentimeterdicken Scheibe Fleischwurst. Mehr geht wirklich nicht.

 

Tag 2 

Wir fahren Richtung Südwesten durchs Rothaargebirge. Die Landschaft wird hügeliger, die Wälder dichter. Endlich etwas Blau am Himmel, was jeden trüben Gedanken vertreibt und die Rapsfelder strahlen lässt.

Der Nationalpark Kellerwald-Edersee liegt still und dunkelgrün am Weg, ein UNESCO‑Welterbe mit uralten Buchen, die aussehen, als hätten sie schon römische Legionen vorbeiziehen sehen. Die Dörfer tragen Schieferdächer wie kleine Helme.

Bei Dillenburg lassen wir den Westerwald rechts liegen. Koblenz streichen wir spontan, denn das Deutsche Eck kennen wir und biegen ab in Richtung Eifel.

In Mayen wollen wir hinter dicken Stadtmauern die Deutsche Lukas-Kirche sehen, einen modernen Kirchenbau mit beeindruckender Akustik. Aber auch hier: Tribünen für irgendeine Wochenendveranstaltung. Deutschland scheint an diesem Wochenende kollektiv etwas vorzuhaben.

Nach einer Kugel Schokoeis fahren wir weiter durch die Vulkaneifel, vorbei an Maaren, die wie dunkle Augen in der Landschaft liegen. Bitburg finden wir spontan doof. Und die Hotels in der Gegend sind überraschend teuer, Luxemburg noch teurer.

Dann fällt uns Zemmer ins Auge. Ein Punkt auf der Karte, aber mit einem Hotel-Restaurant namens Denis. Also Zemmer.

Der Wirt kocht selbst, seine russische Frau macht den Service. Juan bestellt eine regionale Spezialität, eine Art selbstgemachte Bauernsülze à l‘Eifel, ich russische Pelmeni.

Die Chefin erzählt, wie sie vor 30 Jahren aus St. Petersburg nach Deutschland kam. Zwei erwachsene Söhne, einer Oldtimerfan mit mehreren Landrovern, der andere eher künstlerisch. Das Hotel will keiner übernehmen. „Wir machen weiter, solange wir können“, sagt sie, und man glaubt ihr sofort. Corona hat das Paar nachdenklich gemacht. Früher sollte es alles immer grösser, immer aufwendiger werden: der große Festsaal möglichst ausgebucht, Personal an sieben Arbeitstagen und, und, und. Jetzt ist der Saal geschlossen, das Personal entlassen. Der Chef, gelernter Metzger und Koch, ist die gesamte Küchenbrigade, seine Frau macht den Service. Zwar haben due beidrn zwei Ruhetage eingeplant, aber wenn montags und dienstags hungrige Monteure oder Wanderer ins Hotel kommen, gibt’s immer noch ein Schnitzel. Aber dennoch macht das Paar einen entspannten Eindruck.

Nach dem Essen drehen wir noch eine kleine Runde durch den winzigen Ort. Viel ist nicht los. Aber manchmal ist genau das der Punkt: Man landet irgendwo, wo man nie hinwollte und genau dort erzählt einem jemand eine Geschichte, die man nicht vergessen wird.

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