Das Frühstück im Hotel Denis ist ebenso gut wie das Abendessen. Bemerkenswert sind die selbst gemachten Marmeladen, allen voran die Pflaume, die aber laut Chef kaum jemand probiert: Aus der Mode gekommen. Schön blöd.
Aber dann geht es bei bestem Wetter und strahlend blauem Himmel auch schob wieder los.
Die L2 hinauf aus Zemmer Richtung Echternach in Luxemburg ist eine dieser Straßen, die man nicht einfach fährt, sondern erlebt. Sie zieht sich über die Hügel wie ein gut gelaunter Gedanke, der sich nicht entscheiden kann, ob er lieber durch den Wald tanzen oder in der Sonne glänzen möchte. Serpentinen, die sich an die Landschaft schmiegen, Lichtflecken auf dem Asphalt, und dazwischen diese Rapsfelder, die im Mai aussehen, als hätte jemand die Welt auf „Sättigung 120 %“ gestellt. Motorräder lieben diese Strecke, Autos auch, und wir sowieso.
Weischbillig taucht auf wie ein kleiner historischer Einschub: alte Mauern, die noch wissen, wie es hier im Mittelalter zuging, eine neuere Kirche aus dem 19. Jahrhundert, die sich harmonisch dazugesellt, und der Ruf als Ort für Ritterturniere, der dem Ganzen eine fast mittelalterliche Note verleiht. Man hört die Rüstungen fast rasseln und ahnt die kämpferisch galoppierende Horde.
Die Straßen werden schmaler, hübscher, persönlicher, kleine Wege Richtung Luxemburg, die sich anfühlen, als hätte man sie nur für sich allein.
Hinter der Teufelsschlucht beginnt das Pferdeland: weite Weiden, ruhige Höfe, und gleich daneben der Dinopark, der zuverlässig Scharen von Kindern anzieht. Ein hübscher Kontrast: Naturdrama links, Urzeit rechts, und dazwischen die Straße, die sich unbeeindruckt ihren Weg sucht.
Dann Luxemburg. Die N10 entlang der Sauer oder Sûre ist eine dieser Strecken, die man eigentlich nur mit offenem Fenster fahren sollte, besser im Cabrio. Der Fluss begleitet einen wie ein stiller Reisegefährte, die Straße ist so schmal, dass ein Mittelstreifen nur gestört hätte, und Orte wie Burwee, Berbourg, Bech und Consdorf wirken, als hätte jemand sie frisch abgestaubt.
Weiter westlich Richtung Mersch wird es ein wenig städtischer, aber nie hektisch. Im Vorbeifahren kriegen wir mit: Der Spritpreis ist überall gleich. 1,789. Keine Diskussion, keine Überraschung, einfach ein Land, das sich nicht mit Kleinkram wie einem 12‑Uhr‑Update aufhält.
Jeder Ort, den wir durchfahren, ist bilderbuchreif: gepflegte Gärten, sauber gestrichene Häuser, polierte Mittelklasseautos vor der Tür.
Irgendwann glauben wir, alles gesehen zu haben, was Luxemburg an Natur und dörflicher Idylle zu bieten hat.
Uns steht der Sinn nach Frankreich. Eigentlich wollten wir Luxemburg‑Stadt umfahren. Aber das Land ist so winzig, dass wir doch noch einmal quer durch diese Metropole gefahren sind. Unspektakulär, schnell erledigt. Wir erkennen die Stadt wieder und parken nirgendwo.
Hinter Frisange geht es über die Grenze nach Frankreich, und sofort wird die Landschaft weicher, breiter, französischer. Kurz darauf liegt der Golfclub Preisch in der Landschaft, ein gepflegtes Ensemble aus Schloss, Fairways und Grenzromantik. Luxemburg links, Frankreich rechts, und dazwischen ein Golfplatz, der aussieht, als würde er jeden Morgen gebügelt. Wahrscheinlich arbeiten die Greenkeeper zu frühester Morgenstunde.
Weiter Richtung Thionville, mit schelem Seitenblick auf Cattenom und sein Atomkraftwerk. Und schließlich Metz, wo das Campanile Prime wartet. Ein Hotel, das sich angenehm von dem abhebt, was man von der Marke erwartet: neu, großzügige Zimmer, deutlich über dem üblichen Ibis‑Niveau. Das Auto bleibt im Parkhaus des Centre Pompidou – praktisch, sicher, direkt gegenüber.
Langsam versuche ich, meine Zunge in Richtung Französisch zu entknoten. Nach all dem Spanisch in den letzten Monaten fehlt mir jede Praxis. Aber das wird. Da bin ich zuversichtlich.
Der Abend gehört der Stadt. Zu Fuß hinein, das Wetter mild, die Fassaden warm im Licht. Ein Apero in einer Bar, wie es die Franzosen beherrschen: unaufgeregt, charmant, selbstverständlich. Und recht teuer: Ein mickriges 0,3‑Rosé‑Bier und eine Flasche Heineken alkoholfrei kosten 12 Euro.
Der Tisch fürs Dinner im Bouillon Batignolles ist reserviert, Terrasse natürlich, und das Essen ist so klassisch wie zufriedenstellend: Foie gras de canard zum Einstieg, dann Boudin noir und Boeuf bourguignon, beides so französisch, dass man fast automatisch langsamer spricht. Und im Hintergrund hat Charles Aznavour auch noch „La bohème“ gesungen. Ja, was denn noch?Satt und fröhlich geht es mit der leise verklingenden Edith Piaf und „Je ne regrette rien“ zurück ins Hotel. Die Stadt leuchtet, und wir wissen: Das war ein Tag, der sich gelohnt hat. Von der ersten Serpentine bis zum letzten Sonnenstrahl.