Frankreich. Toutes directions.

Aquitaine. Im Kreisverkehr dritte Ausfahrt. So beginnt dieser Abschnitt unserer Reise, der sich im Rückblick anfühlt wie ein Mosaik aus Wetterkapriolen, Weinbergen, Zufallsfunden und Landschaften, die sich mit jeder Stunde subtil verändern. Fünf Tage haben wir auf dem Weingut La Piolette verbracht, einem Ort, dessen Name „Eispickel“ bedeutet, aber dessen Atmosphäre eher nach sanftem Frühsommer schmeckt. Der Blick schwankte zwischen dem unförmigen, quietschblauen Aufblaspool und dem eleganten Château derer von Toulouse-Lautrec, das wie ein Relikt aus einer Zeit wirkt, in der Adel und Architektur noch gemeinsame Pläne schmiedeten. Der Regen kam und ging, die Matches in Roland Garros hielten uns bei Laune, und irgendwann wussten wir: Dieser Abschnitt verabschiedet sich, und wir mit ihm.

Wir entschieden spontan, weder weiter in die Dordogne noch ans Mittelmeer zu fahren. Die Wettervorhersage wurde zum heimlichen Reiseleiter, und so machten wir uns langsam auf den Weg Richtung Nordosten, begleitet von Weinreben, die sich bis zum Horizont zogen, und Wäldern, die so üppig und verwunschen wirkten, als hätten sie jahrhundertelang darauf gewartet, dass jemand sie bemerkt. Die Aquitaine blieb hinter uns zurück, aber ihre Mischung aus Weite, Geschichte und Nonchalance fuhr noch eine Weile mit. Das nächste Ziel war die Loire, doch vorher machten wir nich eint tolle Entdeckung.

Unser nächster Halt war ein Ort, der uns völlig unvorbereitet traf: Richelieu. Eine Stadt, die nicht gewachsen, sondern entworfen wurde. Ein architektonisches Manifest des 17. Jahrhunderts. Ab 1631 ließ Kardinal Richelieu (der böse Feind von d’Artagnan und den drei anderen Musketieren) hier eine Idealstadt errichten, streng symmetrisch, rational, fast modern in ihrer Klarheit. Der Architekt Jacques Le Mercier zeichnete den Grundriss, seine Brüder überwachten die Ausführung, und der Kardinal lockte Siedler mit steuerfreien Grundstücken. Eine frühe Form von Stadtmarketing, könnte man sagen.

Das Schloss, das Richelieu sich in unmittelbarer Nähe bauen ließ, existiert heute nicht mehr. Spekulanten kauften es im 19. Jahrhundert für einen Spottpreis und verkauften es Stein für Stein weiter. Ein Vorgang, der selbst in Frankreich, wo man an historische Exzentrik gewöhnt ist, für Staunen sorgte. Geblieben ist der riesige, von Mauern umgebene Park, heute im Besitz der Universität Paris, der Sorbonne, ein stiller, grüner Schatten der einstigen Macht.

Die Stadt selbst liegt in einem ehemals sumpfigen Tal, zwischen Touraine und Poitou, und trägt die Handschrift ihres Schöpfers bis heute: rechteckig, streng, symmetrisch, mit drei echten und einem „blinden“ Stadttor, das nur aus Gründen der Harmonie existiert. Jean de La Fontaine nannte Richelieu einst „das schönste Dorf des Universums“. Vielleicht übertrieben, vielleicht aber auch nur ein Ausdruck jener Faszination, die Orte auslösen, die nicht einfach entstanden sind, sondern gewollt waren.

Nach einem kurzen Besuch des Wochenmarkts und des Museums fuhren wir weiter, diesmal mit einer klaren Idee: ein Stück entlang der Loire gondeln, von West nach Ost, ohne Eile, ohne Plan. Das Mündungsgebiet um Saint Nazaire kennen wir von anderen Reisen, diesmal steigen wir weiter östlich ein.

Saumur war der Auftakt, sein Schloss thront wie ein Wächter über dem Fluss, ein Beispiel jener ligérienischen Architektur, die mit hellem Tuffstein und eleganten Linien spielt. Ein kurzer Blick auf Tours, dann weiter, vorbei an Festungen, Herrenhäusern und jenen Mansions, die aussehen, als hätten sie sich für ein Gemälde von Turner herausgeputzt.

Und dann Chambord. Ein Schloss, das man nicht besucht, sondern betritt wie eine andere Welt. Franz I. ließ es bauen, ein Renaissance‑Traum, ein Jagdschloss, das so groß geraten ist, dass es eher wie ein architektonischer Gedanke wirkt als wie ein Wohnort. Die doppelläufige Treppe, die Leonardo da Vinci zugeschrieben wird, die Dachlandschaft aus Türmchen, Kaminen und Laternen, die sich wie eine steinerne Skyline in den Himmel schraubt. Alles an Chambord ist übertrieben, verschwenderisch, monumental.

Dass hier nie ein fester Hof residierte, wirkt fast ironisch. Der Sonnenkönig nutzte es für Feste, Molière ließ hier 1670 seinen „Bürger als Edelmann“ uraufführen, und ansonsten stand der gigantische Bau oft leer, als hätte er selbst nicht gewusst, was er mit sich anfangen soll. Wir wandern durch die Prunkhallen und Gärten, staunen wie Kinder und versuchen uns vorzustellen, welcher Trubel hier in der Hochsaison herrschen mag. Vermutlich genug, um selbst die geduldigsten Steinfiguren zum Augenrollen zu bringen.

Ein kurzer Abstecher nach Blois, dann weiter nach Orléans. Doch die Dörfer entlang der Loire ziehen uns stärker an als die Städte. Vielleicht, weil sie leiser erzählen, vielleicht, weil sie weniger wollen. Bei Orléans verlassen wir den Fluss und wenden uns nach Nordwesten. In Chaource spielen wir eine Runde Golf und merken, wie sich Landschaft und Architektur verändern: Das Burgund mit seinen sanften Hügeln, die Champagne mit ihren geordneten Reben, Lothringen mit seinen stillen Dörfern, die aussehen, als hätten sie sich seit Jahrzehnten nicht bewegt.

Eine letzte Übernachtung in Pont‑à‑Mousson, dann sind wir fast wieder in Sichtweite der deutschen Grenze bei Saarbrücken. Das Auto bekommt in einer der zahlreichen Waschanlagen seinen finalen Glanz, als wolle es sich selbst von der Reise verabschieden. Und wir tun es ihm gleich.

So endet unsere diesjährige beeindruckende Frankreich‑Rundreise. Ein Weg voller Zufälle, Geschichte, Architektur, Wetterlaunen und jener kleinen Momente, die sich erst später als die eigentlichen Höhepunkte herausstellen. Ein Land, das man nicht einfach bereist, sondern das sich Schicht für Schicht öffnet, wenn man bereit ist, langsam zu fahren, die dritte Ausfahrt zu nehmen und manchmal einfach stehenzubleiben.

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