Es gibt Frauen, die lackieren sich in aller Ruhe die Nägel und gucken aus ihrem klimatisierten Apartment auf den Pazifik. Andere strapazieren mit ein paar Kleinigkeiten die Platinum Card bei Chanel und Gucci, Dritte nippen an der Bar eines Fünf-Sterne-Hotels an einem Champagnercocktail oder saufen sich im Interconti mit Martinis die Hucke voll, je nach Seelenlage. Und dann gibt es mich: Ich latsche durch einen Dschungel. Wer bin ich? Juliane Koepcke?
Tagelang habe ich so getan, als würde ich Anspielungen auf dieses Ausflugsziel einfach nicht verstehen. Urwald in Stadtnähe, einfache Wege, viele Tierchen. Hab ich einfach ignoriert. Hat ja super geklappt.
Der Tag ist eine fiese, kleine Expedition, die harmlos beginnt und sich dann langsam steigert, bis man irgendwann merkt, dass man mittendrin steckt. Im Wald, im Schweiß, im eigenen Ehrgeiz.
Juan und ich starten am Eingang des Parque Natural Metropolitano. Und dämlich, wie wir sind, ganz ohne Wasserflasche. Die aktuelle Ausgabe von Indiana Jones sagt mit dieser unerschütterlichen Ruhe: „Das ist ein kurzer Aufstieg.“ Ein Satz, der sich später als optimistisch herausstellen wird. Sehr optimistisch.
Der Weg wirkt anfangs tatsächlich wie ein Spaziergang. Breite Schneise, helles Grün, Vögel, die sich gegenseitig übertönen, und eine Stadt, die nur ein paar Kilometer entfernt liegt, aber hier im Park kaum noch existiert. Bemerkenswert die groben Kieselsteine, mit denen die Pfade belegt sind: Man knickt leicht um, man rutscht leicht aus. Dschungelfieber eben.
Doch die Luft wird dichter, schwerer, als würde der Wald sie festhalten. Der Geruch von feuchtem Holz steigt auf, und irgendwo knackt ein Ast. In einem Tümpel schwimmen und dösen einige Schildkröten. Denen ist längst alles egal.
Der Pfad beginnt anzusteigen, erst sanft, dann so, dass die Waden protestieren und die Lunge rebelliert. Juan geht voraus, leichtfüßig, als hätte er den Wald bestellt. Ich folge ihm Schritt für Schritt und merke, wie die Hitze sich wie ein nasser Lappen auf die Schultern legt.
Der Anstieg zieht sich. Die Steine werden größer, die Schritte kürzer, und der Schweiß fließt in einer Konsequenz, die fast beeindruckend ist. Juan dreht sich immer wieder um, lächelt, fragt, ob alles gut ist. Ich nicke, obwohl mein Gesicht längst die Farbe einer überreifen Papaya angenommen hat. Es gibt nirgendwo eine einzige Bank, aber ab und zu setze ich mich einfach irgendwo hin. Fast in eine Ameisenstraße. Ein toller Anblick, wie die kleinen Viecher Blatt für Blatt von einer Höhle in die nächste transportieren.
Irgendwo stehen ein paar andere Wanderer mit Blick ins Dickicht: Ein Faultier macht das, was es am liebsten tut: nichts. Putzig.
Etwas weiter oben sind wir wieder ganz allein und haben ein Riesenglück: Eine Horde Nasenbären überquert den Weg, verschwindet auf einen Baum und ward nicht mehr gesehen.
Viele ächzende Meter höher öffnet sich der Wald. Ein Schild weist darauf hin: Du hast es geschafft. Das ist aber nur die halbe Wahrheit, denn zu einer höheren Aussichtsplattform führt noch eine beachtliche Treppe. Ohne mich, señor. Der Blick fällt auf die Skyline von Panama-Stadt, scharf und glänzend, als hätte jemand ein futuristisches Modell mitten in den Dschungel gestellt. Dahinter der Kanal, ruhig und breit. Das kann ich eine Etage tiefer auch alles sehen. Ein Windstoß streicht endlich über den Hügel, überraschend kühl. Das Thermometer zeigt 32 Grad, gefühlte Temperatur 38. Glaube ich auf der Stelle. Für einen Moment ist die Anstrengung vergessen, und der Körper findet zurück in einen ruhigen Rhythmus. Aber auch das gibt sich schnell wieder.
Der Rückweg ist leichter? Nicht wirklich. Die blöden Steine rutschen unter den Schuhsohlen weg, dazu kommen gut getarnte Treppenstufen. Und es geht immer mal wieder bergauf, bevor wir endlich den Ausgang sehen. Dort fühlen wir uns erschöpft, verschwitzt, erledigt. Und durstig. Sehr durstig.
Wir nehmen den Bus zur Albrook Mall, lassen uns von der Klimaanlage kurz wieder zu Menschen formen und steigen dann in ein Uber zum Fischmarkt. Dort sitzen wir, zusammen mit mindestens hundert anderen Menschen, im offenen Restaurant direkt neben der Markthalle. Es ist laut, lebendig, ein bisschen chaotisch, aber genau richtig nach diesem Ausflug. Juan bestellt einen ganzen gegrillten Fisch, der so groß ist, dass er kaum auf den Teller passt. Ich nehme Camarones al ajillo, die in einer Knoblauchwolke serviert werden, die man vermutlich noch auf der Cinta Costera riecht.
Wir essen schweigend, zufrieden, mit dem Gefühl, etwas geschafft zu haben, zischen eiskaltes Bier, hören karibische Musik und beobachten beachtliche Menschen. Danach bleibt nur noch der Heimweg. Zuhause strecken wir alle Viere von uns, und der Tag fällt von uns ab wie ein Rucksack, den man viel zu lange getragen hat.