Der Tisch, den wir den Wirten des Mohrenwirts am Vorabend mühsam abgequatscht hatten, entpuppte sich als eine Art Miniatur-Bistrotisch mit zwei Barhockern. Zu klein für zwei normale Teller, leicht wackelig und dekoriert mit einer offenen Kerze, die dem Ganzen einen gewissen Abenteuercharakter verlieh.
Der Laden wird von Michelin und Gault Millau empfohlen. Letzterer gerät beim Kaiserschmarrn geradezu ins Schwärmen.
Damit war mein Abendessen eigentlich schon entschieden. Ein Vogerlsalat, wie der Feldsalat hier heißt, und anschließend Kaiserschmarrn. Juan bestellt Hirschgulasch mit Briocheknödeln.
Das Lokal ist brechend voll, die Bedienung bereits um sechs Uhr sichtbar an der Belastungsgrenze. Unser Tischlein wurde uns großzügig bis acht Uhr überlassen, danach wartete die nächste Schicht Gäste.
Als Erstes verlässt mein Vogerlsalat die Küche. Er wirkt schon leicht ermattet und wird von einem geviertelten Ei sowie einigen Speckwürfelchen begleitet. Dann passiert erst einmal lange nichts.
Der Salat steht vor mir. Und steht. Und steht.
Mindestens zehn Minuten später erscheint endlich Juans Hirschgulasch. Das Fleisch ist ausgesprochen knapp bemessen, drei oder vier Würfel von überschaubarer Größe. Die Sauce allerdings ist hervorragend, kräftig, tief und elegant mit Preiselbeeren und etwas dunkler Schokolade verfeinert.
Dann kommt irgendwann der Star des Abends. Der Kaiserschmarrn. Serviert im Kupfertopf, dazu ein Löffel Zwetschgenröster und eine Kugel Zimt-Eis.
19 Euro sind ein stolzer Preis für ein Dessert. Doch der Preis ist nicht das Problem. Der Schmarrn war einfach nicht besonders gut. Große Teigstücke, kaum karamellisiert, wenig Aroma.
Ach München.
Wie oft kann man sich innerhalb von zwei Wochen nach einem Kaiserschmarrn sehnen?
Etwas ernüchtert verlassen wir den hochgelobten Laden. Nach dem „Steirer“ am Vorabend und nun dem „Mohrenwirt“ können wir die allgemeine Euphorie nur bedingt nachvollziehen.
Schwamm drüber. Mit der Straßenbahn fahren wir zurück zum Hotel, ich lutsche noch ein paar Halstabletten und hoffe, dass meine Erkältung endgültig den Rückzug antritt.
Immerhin: Heute Morgen ist die Temperatur nur noch leicht erhöht. Ein Hoffnungsschimmer.
Wie schon gestern kaufen wir wieder eine 24-Stunden-Karte für die Grazer Öffentlichen für 4,50 Euro und fragen uns erneut, warum solche Tarife in Italien, Frankreich oder Österreich funktionieren, in Deutschland aber grundsätzlich kompliziert und viel teurer sein müssen.
Unser Ziel ist heute nicht das Kunsthaus. Das aktuelle Programm lockt uns nicht ausreichend hinter dem Ofen hervor. Stattdessen entscheiden wir uns für das Museum für Geschichte. Eine ausgezeichnete Wahl. Das Haus führt durch die Geschichte der Steiermark vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Dabei wird einem schnell bewusst, wie besonders diese Region ist. Über Jahrhunderte war die Steiermark Grenzland zwischen Alpenraum, Balkan und dem ungarischen Einflussgebiet. Graz entwickelte sich unter den Habsburgern zu einer bedeutenden Residenzstadt und war zeitweise sogar Hauptstadt von Innerösterreich, also jenes Herrschaftsraumes, der weit über die heutige Steiermark hinausreichte. Die Lage zwischen Mitteleuropa, dem Mittelmeerraum und dem Südosten Europas prägt die Stadt bis heute.
Besonders eindrucksvoll finden wir den Bereich über die Zeit des Nationalsozialismus und die ersten Nachkriegsjahre.
Die eigentliche Überraschung sind für uns jedoch die Schaudepots. Museen zeigen normalerweise nur einen kleinen Teil ihrer Bestände. Der überwiegende Rest verschwindet in Magazinen und Depots. Schaudepots kehren dieses Prinzip um und machen sichtbar, was sonst verborgen bleibt. Sie sind gewissermaßen Schaufenster in das Gedächtnis eines Museums. Die Fülle der kulturhistorischen und multimedialen Sammlungen ist beeindruckend. Waffen, Möbel, Alltagsgegenstände, Fotografien, Kuriositäten und Kostbarkeiten stehen dicht nebeneinander und ergeben eine faszinierende Objektlandschaft. Besonders gelungen finden wir die Präsentation. Statt jedes Exponat mit winzigen Schildchen zu versehen, erhält man für jeden Bereich eine kleine Broschüre mit den notwendigen Informationen. Praktisch. Lesbar. Durchdacht. Kurz gesagt: noch besser als erwartet.
Nach dem Museumsbesuch fahren wir wieder ein wenig Straßenbahn. Vom Hauptplatz bis zu irgendeiner Endstation und wieder zurück Eine gemütliche Art, eine Stadt zu erkunden. Man sieht Menschen statt Sehenswürdigkeiten. Und oft ist das ohnehin interessanter.
Später schlendern wir noch einmal durch die Altstadt. Dabei fällt uns erneut auf, warum Graz als UNESCO-Weltkulturerbe gilt. Anders als viele andere europäische Städte ist der historische Stadtkern erstaunlich geschlossen erhalten geblieben. Gotik, Renaissance, Barock und moderne Architektur existieren hier friedlich nebeneinander. Dazu die roten Dächer, die Innenhöfe und die italienisch anmutende Leichtigkeit. Man läuft durch Österreich und fühlt sich gelegentlich ein wenig wie in Norditalien.
Danach ist allerdings Siesta angesagt. Denn für den Abend haben wir noch eine weitere Tischzusage ergattert. Drittes kulinarisches Abenteuer in Graz. Der „Brandhof“ ist diesmal unserer Ziel. Wir sind gespannt.