Roadtrip im Dreiländereck. Frankreich, Luxemburg, Deutschland.

Der Tag beginnt in Pont‑à‑Mousson mit einem letzten Frühstück in einer dieser typischen Boulangerien, die unsere Reise prägen. Croissants, die beim Brechen hörbar splittern, ein noch warmes Pain au chocolat, kräftiger Kaffee. Gestärkt rollen wir durch Lothringen, knapp an Metz vorbei, durch eine Landschaft, die an diesem Morgen ruhig und unspektakulär wirkt: Felder, Wälder, kleine Orte, die sich unaufgeregt aneinanderreihen. Einige so verlassen, dass es nicht einmal mehr eine Bäckerei, dafür Baguette-Automaten gibt. Die Grenze zu Deutschland passieren wir fast beiläufig, nehmen nur aus den Augenwinkeln zwei Polizeibeamte wahr, die Ausschau nach Illegalem halten.

Saarbrücken zeigt sich im Vorbeifahren grau und feucht, ein Stadtbild ohne große Regung. Weiter nach Völklingen, wo die Völklinger Hütte das Bild abrupt verändert. Das ehemalige Eisenwerk, heute UNESCO‑Welterbe, ist das weltweit einzige vollständig erhaltene Werk aus der Hochindustrialisierung. Die Dimensionen sind beeindruckend: sechs Hochöfen, gewaltige Winderhitzer, Gasgebläsemaschinen, kilometerlange Rohrleitungen. Ein industrieller Organismus, der einst rund um die Uhr arbeitete und Tausende beschäftigte. Die Anlage dokumentiert nicht nur Technikgeschichte, sondern auch soziale Realität: Schichtarbeit, Migration, harte körperliche Arbeit. Der Wind pfeift durch die offenen Strukturen, Regen trifft auf Metall, und man versteht sofort, warum dieser Ort erhalten wurde. Der Film im Besucherzentrum liefert Hintergrund, aber die stärkste Wirkung entfaltet das Gelände selbst — ein industrielles Archiv im Maßstab 1:1.

Saarlouis bleibt ein kurzer Stopp. Ein Kreisverkehr, ein Blick auf die Reste der Vauban‑Festung, dann weiter. Das Saarland hält uns an diesem Tag nicht. Wir biegen zurück nach Frankreich ab, über eine Grenze, die eher wie ein Wirtschaftsweg wirkt. Die Landschaft öffnet sich, Felder und Wälder wechseln sich ab, und wenige Kilometer später sind wir bereits in Luxemburg. Ein kurzer Tankstopp (Super 95 für 1,70 Euro)  und weiter geht es über Schengen entlang der Mosel zurück nach Deutschland.

Das Wetter bleibt wechselhaft, zu regnerisch für Golf, zu instabil für längere Aufenthalte. Die Mosel zeigt sich mit ihren typischen Campingplätzen, die dicht an dicht am Ufer stehen. Wohnmobile dominieren das Bild, und nach einigen Kilometern reicht uns der Anblick. Wir biegen ab ins Landesinnere.

Trier ist der nächste markante Punkt. Die Stadt, vor über 2000 Jahren als Augusta Treverorum gegründet, zählt zu den ältesten Deutschlands. In der Spätantike war sie Residenzstadt eines römischen Kaisers und Verwaltungszentrum des gesamten Nordwestens des Reiches. Porta Nigra, Kaiserthermen, Basilika… Die Monumente stehen dicht beieinander und machen die historische Bedeutung unmittelbar sichtbar. Trier ist einer der wenigen Orte nördlich der Alpen, an denen römische Stadtstruktur, Monumentalbauten und archäologische Schichten so dicht übereinanderliegen.

Wir übernachten in Schweich, direkt an der Mosel. Natürlich gibt es auch hier beim Schiffsanleger gleich einen Campingplatz. Am nächsten Morgen frühstücken wir beim Bäcker bei Edeka und vermissen den buttrigen Duft der Boulangerien.

Weiter geht es entlang des Flusses. Die Dörfer reihen sich wie Musterbeispiele moselländischer Weinbaukultur aneinander. Steile Hänge, eng gesetzte Reben, bekannte Lagen: Piesporter Goldtröpfchen, Monzeler Kätzchen, Kröver Nacktarsch. Dazwischen römische Kelteranlagen, die belegen, dass Weinbau hier seit zwei Jahrtausenden betrieben wird. Burg Landshut über Bernkastel-Kues, das Buddha-Museum in Traben-Trarbach: alles Stationen, die zeigen, wie eng hier Geschichte, Handel und Weinbau miteinander verwoben sind. Wohnmobile bleiben ständige Begleiter.

Bei Zell geraten wir in einen Stau und entscheiden uns für eine alternative Route. Querfeldein Richtung Raversbeuren, durch Kappel, vorbei an Wäldern, die nach Regen riechen. Ein mickriger Fuchs huscht über die Straße. Der Flughafen Hahn taucht auf, ein Relikt aus der Zeit der Billigflieger-Expansion. Weiter Richtung Kastellaun, dann an den Rhein.

Boppard zeigt sich touristisch, die Autofähre ist natürlich gesperrt, weit und breit keine Brücke in Sicht. Also fahren wir bei Koblenz über den Fluss und weiter grobe Richtung Marburg, durch Rheinland-Pfalz nach Hessen. Die Landschaft wird ruhiger, die Orte kleiner. Das Wetter bleibt unbeständig. Marburg ist einfach nur durchsiebt von Baustellen, also weiter nach Norden. Wieder bis Bad Arolsen? Noch eine Stunde länger im Auto? Stattdessen zieht es uns nach Bad Wildungen. Als wir endlich auf dem Parkplatz des Hotels Alleeschlösschen ausdteigen, fühlt sich der Boden unter unseren Füssen an wie nach langer Zeit auf See. Leicht schwankend beziehen wir unser Zimmer und beenden den Tag mit einem frühen Abendessen („Küche bis halb acht,“) inmitten rekonvaleszierender Grauköpfe in feucht-fröhlicher Kurstimmung.

Es bleibt auch auf den letzten 350 Kilometern bis Hamburg der Eindruck einer Route, die weniger von großen Höhepunkten lebt als von der Dichte europäischer Übergänge: Frankreich, Luxemburg, Deutschland… Grenzen, die kaum sichtbar sind, aber unterschiedliche Atmosphären atmen. Industriegeschichte im Saarland, römische Spuren an der Mosel, Weinbaukultur, kleine Orte, spontane Abzweigungen. Eine Reise, die zeigt, wie nah Europa beieinanderliegt und wie unterschiedlich es sich anfühlt, wenn man es einfach durchfährt.

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