Champagne. Picardie. Normandie. So schön.

Der Morgen in Épernay ist ein kleiner Schock. Drei Grad, ein Wind, der uns sofort klar macht, dass der Frühling hier im Norden Frankreichs noch verhandelt wird. Die Unterkunft ist eher ein Fall für „abhaken und nie wieder drüber sprechen“, aber der Kaffee ist heiß, die Croissants sind warm genug, und sobald wir im Auto sitzen, ist alles gut. Die Straße liegt vor uns, und mit ihr dieses Gefühl, dass jeder Kilometer eine neue Geschichte aufmacht.

Wir rollen hinaus in die Champagne, und was wir sehen, klingt kitschig, ist aber tatsächlich einfach nur schön. Die Landschaft breitet sich aus wie ein riesiger Teppich aus Reben. Die Sonne steht tief, taucht die Hügel in ein besonderes Licht, und die Weinberge ziehen sich in perfekten Linien über die Hänge. Diese Ordnung kommt nicht von ungefähr: Seit dem Mittelalter teilen Klöster, Winzerfamilien und später napoleonische Katasterbeamte die Parzellen wie ein Mosaik. Zwischen den Reihen glitzert der Tau, täuscht aber nicht darüber hinweg, dass hier Knochenarbeit geleistet werden muss, damit es später alles schön prickelt. Überall sehen wir weisse Lieferwagen, die Weinhelfer ausspucken und dafür sorgen, dass der Nachschub nicht ausbleibt.

Ein ganz anderes Bild: Ein Soldatenfriedhof liegt still am Hang, makellos gepflegt, ein ernster Gruß aus den Weltkriegen, die hier ganze Landstriche verwüstet haben. Die Champagne kann Schönheit und Geschichte gleichzeitig, ohne Pathos, ohne Anstrengung.

Der Golfplatz von Château-Thierry liegt friedlich in der Landschaft, bodenständig, fast trutschig wie ein Kleingarten. Château-Thierry selbst ist übrigens die Geburtsstadt von Jean de La Fontaine, dem Fabeldichter, der den Franzosen bis heute in der Schule begegnet. Ich schweife mal wieder ab. Zurück zum Golf: Zu kalt zum Spielen, aber schön anzusehen. Und dann steht da einer auf der Driving Range, in Jeans, weissem Hemd und mitternachtsblauem Jacket, und schlägt Bälle, als wäre das die normalste Golfkleidung der Welt. In Deutschland würde man vermutlich sofort einen Dresscode-Ausschuss einberufen. Hier? Niemanden interessiert’s. Frankreich bleibt Frankreich.

Wir wollen eigentlich gar nicht in eine Stadt, aber dann tauchen Kirchtürme am Horizont auf, und wir sind verloren. Senlis zieht uns an wie ein Magnet. Wir fahren hinein und stehen plötzlich mitten im Mittelalter. Enge Gassen, grauer Stein, kleine Plätze, die aussehen, als hätten sie seit Jahrhunderten denselben Atem. Senlis war schon zur Römerzeit wichtig, später königliche Residenz, lange bevor Paris zur Hauptstadt wurde. Die Kathedrale erhebt sich schlank und imposant, ein frühes gotisches Meisterwerk aus dem 12. Jahrhundert, gebaut, als die Gotik gerade erfunden wurde. Ihr Turm ist einer der ältesten gotischen Türme Frankreichs. Innen ist das Licht weich und hell, draußen sitzen wir im Rosengarten und überlegen ernsthaft, ob wir nicht einfach ein paar Tage nach Paris fahren sollten. Es ist so nah, so verführerisch. Aber die Straße ruft weiter, und wir folgen ihr. Paris behalten wir im Hinterkopf.

Hinter Senlis wird die Landschaft weicher, die Dörfer wirken wie hingestreut, jedes mit seinem eigenen Charme. Richtung Chantilly ziehen sich kilometerlange Mauern durch die Wälder, Relikte einer Zeit, in der Herzöge und Pferde hier das Sagen haben. Das Schloss erscheint wie ein Märchen aus Wassergräben und Türmchen, elegant und entrückt. Chantilly ist nicht nur schön, es ist ein Symbol französischer Aristokratie: hier lebten die Montmorency, später die Bourbonen-Condé, und die berühmte Chantilly-Sahne wurde angeblich hier erfunden. Wir gleiten weiter durch diese Landschaft, als würden wir durch ein lebendiges Gemälde fahren.

Beauvais empfängt uns mit einem architektonischen Wahnsinn. Die Kathedrale Saint-Pierre steht da wie ein Koloss, der zu groß für die Welt ist. Im 13. Jahrhundert wollten die Baumeister die höchste Kirche der Christenheit errichten, höher als Amiens, höher als Chartres. Der Chor ragt fast unwirklich hoch, 48 Meter, Weltrekord bis heute. Und er stürzt mehrfach ein. Die Stadt gibt nicht auf, baut wieder, stützt, hofft. Heute halten Balken und Konstruktionen das Gebäude zusammen wie ein Patient, der nicht mehr allein stehen kann. Wir staunen, wir frösteln, wir gehen schnell wieder. Manche Orte wollen bewundert werden, aber nicht besucht.

Also weiter. Rouen? Vielleicht. Aber dann kommt die Sehnsucht nach Meer, nach Salz, nach Wind. Also Dieppe. Und Dieppe enttäuscht nie. Der Hafen ist malerisch, die Häuser bunt, die Klippen schroff und hoch wie weiße Wände, die sich aus dem Meer heben. Dieppe war im 19. Jahrhundert einer der ersten Badeorte Frankreichs, lange bevor die Côte d’Azur erfunden wurde. Wir essen etwas Kleines im Cactus, schauen aufs Wasser und auf das britische Paar am Nachbartisch, das sich mit Cocktails die Kante gibt. 

Morgen? Keine Ahnung. Vielleicht bleiben wir ein paar Tage. Vielleicht zieht es uns weiter. Die Straße entscheidet, wie immer.

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