Budapest! Zunächst zwar ohne funktionierendes WLAN, aber das macht erst einmal nichts.
Unser Apartment liegt im jüdischen Viertel, mitten im Herzen des Partywahnsinns. Ein Blick in den Innenhof sorgt für leichte Schockstarre. Kneipe neben Kneipe neben Kneipe. Es wird gelacht, getrunken, gegessen, musiziert und diskutiert. Kurz gesagt: Wenn hier nachts Ruhe einkehrt, dann vermutlich nur wegen eines regionalen Stromausfalls.
Zum Glück hat Juan bereits ein Restaurant ausfindig gemacht. Drei Ecken weiter. Und erstaunlich entspannt. Das Vál-Völgyi Betyár ist riesig, weshalb wir selbst gegen halb neun noch ohne Reservierung einen Platz bekommen. Am Klavier interpretiert eine streng wirkende Dame Leonard Cohens „Hallelujah“ mit einer Ernsthaftigkeit, als hinge das Schicksal Europas davon ab.
Um uns herum probieren vor allem Ungarn jeden Alters alles, was Wein- und Cocktailkarte hergeben. Die Atmosphäre stimmt, die Kellner sind professionell und erfreulich ungenervt.
Besonders ins Auge fällt die Sonderkarte zum Martinstag. In Ungarn ist die Martinsgans beinahe eine Staatsangelegenheit. Der Legende nach versteckte sich der spätere Heilige Martin einst in einem Gänsestall, um seiner Ernennung zum Bischof zu entgehen. Die Gänse verrieten ihn lautstark.
Seitdem endet die Geschichte für die Gänse regelmäßig auf Tellern. Juan bestellt eine Gänsekeule. Ich entscheide mich für Entenmousse mit Tokajerjus und Brioche. Der Grund für meine Zurückhaltung findet sich auf der Dessertkarte. Kaiserschmarrn. Nach Österreich, München und diversen anderen Mehlspeisenstationen befinden wir uns inzwischen in der Endphase dieses wissenschaftlichen Langzeitversuchs. Wir müssen dranbleiben. Das Essen ist hervorragend. Der Kaiserschmarrn ebenfalls.
Und der Rückweg durch unser Partyviertel verläuft problemlos.
Heute morgen klopft es pünktlich um zehn. Wie angekündigt erscheint ein Techniker und löst unser WLAN-Problem innerhalb weniger Minuten mit neuen Zugangsdaten. Bemerkenswert. In Deutschland hätte man zunächst ein Ticket eröffnet, eine Vorgangsnummer vergeben und einen Termin für das erste Orientierungsgespräch vereinbart.
Bevor wir uns Buda und Pest widmen, läuft noch schnell die letzte Waschmaschine vor Hamburg.
Dann geht es los. Blauer Himmel. Sonne. Acht Grad. Bestes Fußgängerwetter.
Zur Orientierung: Budapest entstand 1873 aus den eigenständigen Städten Buda, Pest und Altbuda.
Buda auf der Westseite ist hügelig, grün und elegant.
Pest auf der Ostseite flach, geschäftig und deutlich nervöser.
Wir wohnen in Pest. Genauer gesagt im jüdischen Viertel.
Von dort laufen wir einfach los. Der erste Weg führt zur St.-Stephans-Basilika. Schon von weitem schiebt sich ihre gewaltige Kuppel über die Dächer der Stadt. Mit ihren 96 Metern Höhe ist sie genauso hoch wie das ungarische Parlament. Höher durfte lange Zeit niemand bauen. Selbst in der Architektur musste hier alles seine Ordnung haben.
Vor der Basilika hängen Reisegruppen an den Lippen ihrer Reiseleiter. Spanisch, Französisch, Englisch und alle denkbaren Dialekte Europas wabern über den Platz.
Im Gotteshaus finden bis zu 8500 Menschen Platz. Heute stehen gefühlt noch doppelt so viele davor.
Vor der Kirche wird bereits eifrig am Weihnachtsmarkt gearbeitet. Es wird gehämmert, geschraubt und dekoriert. Der Glühwein hat zwar noch Saisonpause, macht aber den Eindruck, als könne er jederzeit einspringen.
Vorbei an prachtvollen Jugendstilfassaden laufen wir zur Donau.
Und plötzlich liegt Buda vor uns. Burgberg. Fischerbastei. Palast. Postkarte.
Budapest macht keinerlei Aufhebens um seine Schönheit. Die Stadt stellt sie einfach hin und überlässt den Rest den Besuchern.
Auf der Donau schieben sich die Ausflugsschiffe vorbei. Einige wirken groß genug, um die komplette österreichische Delegation des Eurovision Song Contest zu transportieren.
Auch Budapest besitzt Straßenbahnen. Natürlich steigen wir ein. Wo eine Straßenbahn ist, sind wir nicht weit.
Ziel ist die Große Markthalle. Was für ein Gebäude! 1897 eröffnet, als Budapest gerade explosionsartig wuchs. Die Stadt brauchte eine moderne Lebensmittelversorgung, und heraus kam eine Markthalle, die aussieht, als hätte jemand einen Bahnhof und eine Kathedrale miteinander gekreuzt.
Drinnen herrscht auch am Sonntag kontrolliertes Chaos. Paprika in allen Variationen. Würste. Leberpasteten. Schlimmeres. Kaviar. Obst. Gemüse. Souvenirs. Touristen. Noch mehr Touristen. Das Stimmengewirr erinnert stellenweise an eine UN-Vollversammlung.
Nach einer heißen Schokolade laufen wir weiter durch Viertel voller Jugendstilfassaden. Manche Architekten des Fin de Siècle müssen damals beschlossen haben, dass kahle Hauswände eine persönliche Beleidigung darstellen. Überall Ornamente. Überall Verzierungen. Überall Balkone.
Budapest sieht an manchen Stellen aus wie Wien. Und dann wieder überhaupt nicht. Weniger geschniegelt. Rauer. Lebendiger.
Später landen wir mitten im nächsten Souvenir-Hotspot und sind irgendwann gleichermaßen von Schönheit, Menschen und Angebot erschlagen.
Versuchsweise fragen wir bei Gettó Gulyás nach einem Tisch für heute Abend. Nur online. Bei Fat Mama ebenfalls. Also zurück ins Apartment.
Dort ziehen wir endlich die Schuhe aus und legen die Beine hoch. Online bekommen wir immerhin noch einen Tisch bei Fat Mama.
Für Dienstag ergattern wir eine Reservierung bei Gettó Gulyás, allerdings nur noch zu einer Hinni-Zeit. Halb fünf.
Man muss heutzutage offenbar Restaurants buchen wie früher Opernkarten.
Jetzt allerdings sind wir erst einmal fürchterlich erschöpft. Budapest hat uns freundlich begrüßt. Und anschließend mit Anlauf überfahren. Juan schläft ein halbes Stündchen, ich tippe. Die Texte sind übrigens deshalb immer so lang, weil es so viel schneller geht. Kurze Texte brauchen mehr Zeit – die habe ich nicht auf Reisen.