Wow, Alaska!

 

Für jemanden mit Depressionen ist das Aufwachen bei Regenwetter in Whittier, Alaska, eher nichts. Auch wir müssen dreimal schlucken, um mit dem Anblick der abzuwrackenden Häuser, verrosteten Eisenbahnen und tief hängenden, schwarzgrauen Wolken klarzukommen.

Ein kurzer Sprung in die Jeans, hechten zum Restaurant – mit einem grossen Becher Kaffee sieht die Welt schon besser aus. Aber nicht viel…
Allerdings ist die Kantine, die sich Restaurant nennt, morgens kurz nach sechs schon etwas ganz besonderes: ein chinesisches Mütterchen hockt im Pyjama vor einem riesigen Bildschirm und guckt alte Schwarzweiss-Filme mit Cary Grant. Sie ist eine der beiden noch lebenden Erben der Shen-Familie, die diesen ganzen Ort von der US Army aufgekauft hat. Das Mütterchen ist morgens für den Kaffee und in der Küche fürs Frühstück zuständig. Keine Gäste – neuer Film mit Cary Grant. Das hat was!

Aber es nützt ja alles nichts. Wir können uns die Welt nicht schöngucken, müssen den Regen in Schwarzweiss nehmen, wie er fällt. Natürlich lassen wir uns in unserer teuren Kaschemme bis zum letzten Moment Zeit: check-out ist um elf, wir sind fünf nach elf mit Sack und Pack bei Rosie.

Inzwischen sind wir Profis, was unseren Cooler betrifft: beide Container werden mit Eis gefüllt, dann haben wir da mal wieder Ruhe.

Langsam, langsam trödeln wir zum Fähranleger, von dem das Schiff über den Marine Highway ablegen wird: Rosie bekommt einen Zettel, der sie als gefährlich einstuft, weil wir Gascontainer für den Campingkocher an Bord haben. Die müssen wir gesondert packen und später an Bord abgeben, damit sie im feuersicheren Raum verstaut werden.

Noch Zeit, also schlendern wir ein bisschen am Hafen entlang. Mir fällt eine Gruppe von Kayakfahrern auf, die offenbar kurz davor ist, zu einer grösseren Fahrt aufzubrechen. Ungeheuer, was die alles mitnehmen. Natürlich quatsche ich mal wieder jemanden an: einen jungen Israeli, dem sie offenbar das halbe Gesicht weggeschossen haben, der mit 14 Landsleuten sechs Tage auf dem Prince William Sound kayaken will. Eine irre Truppe!

Die Schlange wächst, die Fähre kommt. Wieder so ein Floh, unsere Aurora. Kaum grösser als eine normale Elbfähre, aber mit Decks. Nach langem Hin- und Herrangieren sind wir endlich an Bord. Unsere Gascontainer können bei uns bleiben… Was für ein Theater für nix.

Erschöpft lassen wir uns in die Sessel im Panorama-Salon fallen. Ich sehe noch, dass die Israeli mit ihren Kayaks ins Wasser gehen, dann legt auch unsere Kiste ab. Das Schiff, die MV Aurora, ist nicht rappelvoll, aber ganz gut gefüllt. Eine Motorradgang aus Colorado, Ehepaare aus South Dakota und Vieginia, Österreicher, ein paar Deutsche. Beim Auslaufen gegen halb zwei winken wir noch mal kurz Richtung Whittier, dann geht die Fahrt richtig los.

Wow, Alaska! Was wir hier an Panoramen sehen, sprengt jede Vorstellungskraft – oder stärkt jedes Klischee, das man von diesem Staat hat. Die Wasserfälle krachen aus grosser Höhe in den Pazifik, schneebedeckte Hänge glitzern in der Sonne – ja! Das Wetter hat sich für uns schön gemacht. Es ist nicht zu fassen und auch kaum mit Worten zu beschreiben. Knapp sechs Stunden gucken wir gebannt auf diese grossartige Landschaft, lassen Gletscher und Eisberge an uns vorbeiziehen, sehen in der Ferne Seelöwen, strahlen einfach nur, weil es wirklich, wirklich toll ist. Diese kleine Seereise hat sich absolut gelohnt. Die 280 Dollar – geschenkt für das, was wir alles sehen.

Als am Horizont Valdez (Woaldiiiis ausgesprochen) auftaucht, glauben wir zu träumen: nach all dieser Schönheit wieder so ein trostloser Haufen… Der Ort ist zu zweifelhaftem Ruhm gekommen, weil hier im Prince William Sound vor knapp 40 Jahren die Exxon Valdez für die grösste Ölkatastrophe Nordamerikas gesorgt hat. Und nun laufen wir hier ein, in diesen kleinen, tragischen Ort.

Doch diesmal irren wir uns. Valdez hat etwas! Wir checken auf dem Eagle Creek Campingplatz ein, finden hervorragende Duschen und Waschräume, laufen dann zum Dinner bis an die Hafenkante.

Im einzigen noch offenen Restaurant schlucken wir erst einmal wieder wegen der Preise: 42 Dollar für ein Ribeye Steak sind doch ziemlich gewagt… Auf dem Schiff haben wir von vielen Amerikanern gehört, dass sie die Preise genau wie wir finden: Schwindelerregend hoch!

Aber es gibt nun kein Steak, es gibt einen Burger und Bier. Serviert von einem Türken aus der Nähe von Ankara, der im Sommer im Valdez kellnert und im Winter in Manhattan lebt.

Genauso irre wie seine Geschichte ist alles, was um uns herum passiert. Wie schön ist dieses Alaska! Auf dem Weg zurück am Hafen sehen wir noch, wie ein Fischer Möven füttet, einen Adler, der sich nicht so recht traut, einzugreifen, interessiert mümmelnde Hasen, die offenbar mitten im Ort wohnen.

Wir sind von ganzem Herzen angetan. Ein grandioser Tag!

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