Sandsturm

Diesen Tag muss man erst einmal sortieren, war wieder viel los. Morgens beim Frühstück in Cafayate scheint die Sonne, der Himmel ist blau. 14 Grad – tolles Reisewetter. Nach einer kleinen Runde durch den Ort und dem Besuch in der Kathedrale (wieviele Kirchen haben wir schon wieder besucht?) machen wir uns auf den Weg. Kurzes Stück Ruta 40, langes Stück Ruta 68.
Schon auf den ersten Metern kommt uns die Welt komisch vor. Man sieht die Berge nicht mehr. Die Anden – einfach verschwunden. Es ist extrem diesig geworden und es pfeift ein steifer Wind. Demzufolge wird der Sand in dieser trockenen Gegend so aufgewirbelt, dass sich das Bild total verändert. Nicht nur das: Der Wind bläst so stark, dass Juan das Steuer immer mit beiden Händen halten muss. Hinzu kommen Böen, die auch für unser tonnenschweres Gefährt nicht ohne sind. Wir hoffen natürlich, dass es im nächsten Tal besser wird.
Nicht nur wird es besser, wir haben plötzlich auch wieder Sicht auf die Schönheit der Natur hier. Knallrote Felsen, wie von Künstlerhand geschaffen. Dann wieder schroffes Gestein im gelblichen Ton. Die grünen Hänge, sehen wir später, sind dicht bewachsen mit wildem, grünen Kraut. Es ist großartig! Natürlich war die Fahrt über die RN 40 ein Erlebnis – die Fahrt nun über die RN 68 aber ebenso. In den Tiefen des Tals tobt immer noch der Sturm. Sandsturm, um genau zu sein. Denn der Boden hier ist wüstig. Und dadurch, dass es kaum regnet, natürlich leicht zu verwirbeln.
Uns stört das alles nicht. Es ist 38, 39, manchmal sogar 44 Grad heiß, aber bis auf einige Fotostops verkriechen wir uns in der sicheren Kühle der air condition.
Offiziell heißt es, die 68 sei der schnellere Weg von Cafayate nach Salta. Können wir so nicht bestätigen, denn nicht die vielen, vielen Kurven auf der asphaltierten Straßen bremsen uns aus, sondern die Berge. Manchmal bleibt uns einfach die Spucke weg, so großartig ist das, was wir sehen. Unwirkliche Bilder spielen sich vor unseren Augen ab. Dazu steigt die Temperatur: 34. 36, 40 Grad – gespenstisch. Auf der asphaltierten Straße ist nicht viel los.
Wir durchqueren ein langes Tal, bevor wir wieder einmal an atemberaubende Felsformationen kommen. Es gibt den Zeitpunkt, zu dem wir auch nicht mehr fotografieren wollen – die Eindrücke links und rechts der gut ausgebauten Straße sind einfach großartig!
Hier und dort gibt es mal eine Siedlung, aber viel ist hier außer Natur nicht los.
Bei der Garganta Del Diablo, einer hohen Schlucht, fällt uns ein, dass wir genau hier schon mal vor 20 Jahren herumgekraxelt sind. Auch da war es heiß, aber nicht ganz so extrem. Damals hatten wir nach der spektakulären Fahrt mit dem Tren a La Nubes einen Ausflug gebucht, der uns irgendwie hierher verschlagen hat. Diffuse Erinnerungen…
Unser nächstes Ziel heißt Alemania. Ich denke laut: „Strammer Max!“ Juan bietet verträumt: „Haxe!“ Nein, nein, wir haben noch keinen Sonnenstich, dafür aber träumen wir manchmal von Schwarzbrot und Katenschinken, respektive Haxe und Erbsenpüree. Schon von weitem ist klar, dass alle Träume in Alemania platzen. Ein fast verlassenes Kaff, das einst zu Ruhm gekommen war, weil deutsche Ingenieurskunst an Eisenbahnen gebastelt hatte. Davon zeugen heute noch ein paar alte Schienen und eine rostige Brücke. Und ein Bahnhof, der einfach nur noch in der Gegend herumsteht.
Essen wir eben was anderes woanders. Inzwischen nähern wir uns auch wieder vertrauten Gefilden, sehen im Süden den jetzt türkis glänzenden Cabra Corral, vor uns im wieder auffrischenden Wind La Viña. Vor einigen Tagen haben wir hier in Coronel Moldes bei 9 Grad gefroren, jetzt schwitzen wir bei 39 Grad bei einem Sandwich in dem einer Tankstelle angeschlossenen Shop in La Viña.
Kaum haben wir den ersten Bissen gegessen, fällt das Licht aus. Aha. Kein Strom, kein Kaffee. Dann eben wieder Wasser. Einen Bissen später zeigt die Natur draußen vor der Tür, was sie drauf hat: Ein Sandstrum wirbelt direkt vor unseren Augen Stühle und Tische durch die Luft, jagt Müll über die Ebene und Hunde irgendwo in Sicherheit. Soetwas haben wir auch noch nie gesehen! Nach ein paar Minuten ist der Spuk vorbei. Immer noch Wind bei 40 Grad, aber nicht mehr so heftig. Wir müssen auch wieder los. In Salta tauschen wir ein paar Dollars an der bekannten Ecke, ich warte bei laufendem Motor im Auto. Filmreif! 40 Grad in Salta. Und auf der Plaza ein heisser Sturm, der Juan fast umwirft. Die Wetterlage bringt uns tatsächlich in das argentinische Equivalent zur Tagesschau: Der heiße Sturm hat in Salta zahlreiche Dächer abgedeckt, die Luftfeuchtigkeit sich dem 0-Punkt genähert. Mannomann.
Aber es ist schon vier und wir müssen gegen sechs in San Salvador de Jujuy sein, bei Nissan. Zwei Lämpchen leuchten, eines für den Motos (hat immer schon geleuchtet, war kurzfristig aus, ist wieder da. Und eines fürs ABS). Wir sind ziemlich sicher, dass es ein Sensorproblemchen ist, wollen aber ganz sicher sein.
Also schlängeln wir uns weiter nach Norden, überqueren die Provinzgrenze zwischen Salta und Jujuy. Diese Provinz sieht auf der Karte von den Umrissen her aus wie ein alter Schnürschuh. Zu sehen gibt es auf der schmalen Straße kaum etwas. Landwirtschaft, Berge in der Ferne, fast immer Lastwagen vor der Nase.
Etwas blöd ist, dass Nissan keine richtige Adresse angegeben hat, die man unserer Uschi geben könnte. Nur die Lage an der RN 9. Und die ist lang. Wir biegen ab, stehen zwar in der Hauptstadt San Salvador de Jujuy, aber von Nissan nichts zu sehen. Juan fragt jemanden, der versucht, ihm über sein Navi den Weg zu weisen. Kein Empfang, kurzerhand fährt er vorweg. Ganz entzückend. Ich weiß nicht, ob wir es sonst noch vor Werkstattschluss geschafft hätten.
Grauchen wird an einen Computer gehängt, aber für 15 Jahre alte Autos findet der kein Programm. Der erfahrene Mechaniker ist sich aber ebenfalls sicher: Der hat nichts, außer, dass da zwei Dioden spinnen. Wir werden das in Chile – dort gibt es viele Pathfinder – nochmal checken lassen, sind aber beruhigt. Und unterwegs nach Downtown.
Ja. San Salvador de Jujuy. Liegt auf knapp 1300 Meter Höhe und ist auf den ersten, zweiten und dritten Blick eher belanglos. Nicht zu vergleichen mit der attraktiven Stadt Salta.
Wir suchen uns ein Bett, zaudern kurz im Howard Johnson, sind aber zu geizig. Also wird es das Munay. Einfach, sauber, langweilig. Nicht wirklich, denn der Portier findet den Schlüssel für unser Zimmer nicht. Er sucht und sucht, probiert immer andere Schlüssel – nichts. Er schlägt vor, das Zimmer einfach offen zu lassen. Keine gute Idee. Nach fast zwei  Stunden (wir sind hungrig und sauer) ziehen wir dann in ein anderes Zimmer um. Fenster gehen in den Frühstücksraum, Air condition geht gar nicht. Juan rastet aus, aber nach mehreren Anläufen findet sich die richtige Fernbedienung. Wir ziehen mies gelaunt um die Häuser, finden kein vernünftiges Restaurant, landen schließlich in einer Pizzeria bei Pizza und Bier. Aber die Laune hebt sich, weil wir uns schon in Hamburg vorgenommen haben: Wenn etwas schief geht, lassen wir uns die Laune nicht verderben. Dann ist es eben so. Und heute ist es eben so. Das war ja mal ein Tag…

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