Karneval der Sinne

 

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Gestern habe ich einen ziemlich guten Text geschrieben. Es ging nicht nur um die Schönheit dieses malerischen Ortes Sanary-sur-mer und dessen Vergangenheit, in der sich Exilanten wie Thomas Mann vor den Nazis versteckt hielten. Es ging auch um die Farbenpracht, das türkisblaue Meer, den knatschblauen Himmel und die knallweissen Häuser. Und um meinen Kleiderschrank, in dem sich so ziemlich alle Farben von Schwarz bis Weiss einschließlich aller dazwischen liegenden Schattierungen befinden. Der Schrank wird sich erschrecken, weil hier unten am Mittelmeer sogar ich plötzlich Farbenfrohes erstanden habe: ein pinkfarbenes (!) Hemd, ein rotgrundiges Gypsykleid… Nix für Hamburg, gut für die Côte d‘Azur.

Es ging aber auch um sinnliche Genüsse und Erinnerungen. Ausgelöst von einem Körbchen Erdbeeren für 4,80 Euro und mit unbezahlbarem Geschmack. Der erinnerte mich an Tante Elli, die Köchin unserer Kindertage, die buchstäblich meilenweit mit krummem Rücken und ihren schweren, schwarzen Ledertaschen durch Lübeck gelaufen ist, um ähnlich geschmackvolle Erdbeeren für uns zu erstehen. Auch ihre elegante Schwester Nanni, nach dem Tod meiner Grossmutter vom Kindermädchen zu unserer Stiefgrossmutter avancierte (Skandal in der Hansestadt!), bekam köstlich gezuckerte Früchte.

Die Eindrücke, Erinnerungen, Träumereien – der Karneval der Sinne von gestern ist perdu. Nicht etwa, weil die Zeit all das zugedeckt hätte, sondern weil ich zu blöde war, meinen Text zu sichern. Die automatische Speicherfunktion hat sich verkrümelt mit dem lausigen Internet hier – nichts zu machen. Der ziemlich gute Text von gestern ist verloren.

Macht nichts, heute ist ein neuer Tag. Nachdem wir gestern etwas für unseren Hamburger Hausstand auf dem Flohmarkt erworben haben (eine schöne Glaskaraffe und ein formidables Pillivuyt-Kochgeschirr), waren wir schon sehr gespannt auf den heutigen marché aux puces, den der ortsansässige Lions Club veranstalten wollte. Hat er aber nicht. Stattdessen haben wir Gemüse für unsere asiatische Essensidee auf dem Markt eingekauft und sind noch schnell ins Casino gesprintet. Nur dieser Supermarkt ist am heutigen Sonntag bis 12:30 hr geöffnet und gerade noch in walking distance. Aber was tut man nicht alles für einen guten Wein, Wasser und ein Stück Butter.

Frühstück zwar auf dem Balkon, aber nicht sehr lange: es windet. Nein: Es stürmt. Zu gefährlich für die Markise (Schattenlappen), zu nervig für einen gemütlichen Frühstückstisch. Von unseren neuen Nachbarn aus Berlin sehen und hören wir nichts. Gestern hat der Herr von nebenan kurz durch den Paravent geluschert: „Ich bin der Rainer. Wir kommen aus Berlin, wa?“ Von der Gattin – Heidi? – sehe ich nur einen Ringelpulli und höre ein „Huhu“. Damit rutscht Rainer dann auch schnell von seinem Spannerposten ab. Fehlte gerade noch…

Es gibt hier sonst nur Schönes zu berichten: vom Meer, vom Markt, von Menschen und Visionen. Jeden Tag dasselbe, jeden Tag ganz anders. Inzwischen grüsst der Verkäufer von gegenüber, der Traiteur vom O Faim Palais hat auch so eine Ahnung, uns zu kennen, die Kellner flitzen zwischen winzigen Tischchen und Sonnenhungrigen durch, die hübsche  Bäckersfrau aus der Boulangerie du port greift fast schon automatisch „deux anciennes“, wenn wir unseren Baguettevorrat auffrischen.

Bis Mittwoch bleiben wir noch in unserem Krähennest, haben schon mal vorsichtig Vakanzen für den September erfragt (sieht gar nicht schlecht aus) und sind bald bereit für die nächste Kurve an der Côte: die Camargue.

Aber erst einmal geniessen wie Sanary-sur-mer einfach bis zur letzten Sekunde.

 

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