Puno – Cusco.

Der Morgen in Puno ist schneidend kalt, ein einziger Grad über dem Gefrierpunkt, und die Stadt wirkt, als hätte sie die Nacht durchgetanzt. Unsere eigene Nacht im OscarInn dagegen hängt uns schwer in den Knochen – ein Hotel, das seinen Namen wie eine schlechte Pointe trägt. Wir wollen nur weg. Doch Puno lässt uns nicht so einfach ziehen.

Schon um halb sieben ist der Ort im Ausnahmezustand. Noch drei Tage wird die Virgen de la Candelaria gefeiert. Mit einem Fest, das die Stadt jedes Jahr zwei Wochen lang in ein vibrierendes, lärmendes, glitzerndes Wesen verwandelt. Männer schleppen an diesem Morgen ihre Pauken und Trompeten durch die Straßen, als wären es heilige Insignien. Frauen lassen sich mitten auf dem Gehweg schminken, mit einer Selbstverständlichkeit, als sei die Stadt ihr persönlicher Backstage-Bereich. Tanzgruppen stehen bereits in Kostümen bereit, Federn, Pailletten, schwere Masken. Zu so früher Stunde! Unfassbar. Die Innenstadt ist komplett abgesperrt. Unser Taxifahrer windet sich durch ein Labyrinth aus Nebenstraßen, improvisiert, flucht leise, lächelt dann wieder, und irgendwie stehen wir plötzlich vor dem modernen Terminal Terrestre de Puno.

Ab hier wird alles leicht. Die Köfferchen werden eingecheckt, wir wärmen uns mit einem heißen Kaffee die Hände, und dann klettern wir in unseren makellos gepflegten Cruz‑del‑Sur‑Bus. Wieder sitzen wir oben ganz vorn mit freier Sicht auf alles. Vor uns ein Monitor, hinter uns ein halb gefüllter Bus. Es fühlt sich ein wenig an wie Fliegen, nur ruhiger. Sicherheit wird großgeschrieben, unser Wohlbefinden ebenso. Nach der Horrornacht in Puno sehnen wir uns nach genau dieser Art von Ordnung. Punkt acht rollt der Bus los.

Wir fahren mitten durch die Festvorbereitungen, als würden wir durch die Kulissen eines Spektakels gleiten, das gleich explodieren wird. Dann ein letzter Blick auf den Titicaca‑See, silbrig und kühl im Morgenlicht und plötzlich öffnet sich dabn das Altiplano.

Die Ebene liegt da wie ein riesiger, glattgezogener Teppich, der sich bis zum Horizont spannt. Der Himmel hängt tief, aber nicht drückend, eher wie ein schützendes Dach. Das Licht ist weich und gleichzeitig gnadenlos: Es zeigt jede Furche im Boden, jede Bewegung eines Tieres, jede Linie eines Feldes. Die Farben sind gedämpft und doch intensiv: Ocker, Staubgrau, ein tiefes Grün. Die Felder wirken wie geflickte Stoffstücke, kleine Parzellen, die von Menschenhand bestellt werden. Kühe stehen darin wie ruhige Monumente, Schafe ziehen in kompakten Gruppen vorbei. Ab und zu taucht ein Bauer auf, gebückt, konzentriert, ein winziger Punkt in dieser übergroßen Weite. Überall laufen Hunde herum, die allen und niemandem gehören. Weder in Bolivien noch in Peru haben wir jemals erlebt, dass ein Tier schlecht behandelt wird. Der Bus, ein Volvo, ist gut gefedert, aber gegen Bodenwellen und Schlaglöcher machtlos. Die Straße schneidet durch die Ebene hindurch, und irgendwann fallen uns kurz die Augen zu.

Nur für einen Moment. Denn dann beginnt der Übergang – erst zart, dann abrupt. Die Weite verliert ihre Selbstverständlichkeit. Die Berge rücken näher. Das Licht wird härter, kantiger, als würde es an den Felsen abprallen. Die Farben kippen ins Dunklere: tiefes Braun, fast Schwarz, dazwischen das Rot der Erde, das plötzlich aufleuchtet.

Wir fahren hinein ins Anden‑Hochland, und es fühlt sich an, als würde die Landschaft uns prüfen. Hier war das Reich der Inka.Die Berge stehen nicht einfach da, sie behaupten sich. Die Hänge steigen steil an, terrassenartig, mit kleinen Häusern, die sich an die Felsen klammern. Flüsse schneiden tiefe Furchen in die Erde, als hätten sie sich mit Gewalt ihren Weg gebahnt. Die Luft wirkt klarer, aber auch dünner, und selbst im Bus spürt man, wie die Höhe an einem zieht.

Nach der gestrigen Horrortour, als selbst die schönste Landschaft keine Chance bei uns hatte, genießen wir jetzt jede Kurve. Wir freuen uns wie Kinder, als endlich wieder schneebedeckte Gipfel auftauchen. Die Landschaft ist majestätisch, aber wir können kaum noch sitzen.

Nach gut acht Stunden taucht Cusco auf. Und mit der Stadt ein Verkehr, für den Chaos ein zu sanftes Wort ist. Autos, Taxis, Motorräder, hupend, drängelnd, ineinander verkeilt wie ein Puzzle, das niemand lösen kann. Die letzten Meter ziehen sich wie Kaugummi, die Geräusche prallen auf uns ein, nach der stillen Fahrt fast brutal.

Doch schließlich erreichen wir das Busterminal. Ein Taxi bringt uns durch das Gewirr der Straßen zum Hotel Quechua Cusco. Dort wartet ein unerwartetes Geschenk: ein Upgrade, ohne Nachfrage, ohne Diskussion. Ein riesiges Zimmer, das nach Ankommen riecht, nach Ruhe, nach einem Moment des Aufatmens.

Wir machen noch einen kurzen Gang Richtung Plaza, essen ein Sandwich, aber für mehr reicht die Kraft nicht. Das wunderbare Hotelzimmer wartet. Und Ruhe. Endlich. Es reicht gerade noch für dieses Geklöppel.

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