Um 5:30 Uhr reißt uns das Signal des Zuges aus dem Schlaf. Metallisches Kreischen und Pfiffe, die durch die dünnen Wände dringen, als stünde die Lok direkt neben dem Bett. Unser Hotel „Mati Garden’s“ liegt, wie so viele andere, am schmalen Fußweg entlang des Bahnhofs von Aguas Calientes. Ein Blick aus dem Fenster: Oh, doof. Es regnet. Wir haben zwar auf dem Markt Regencapes gekauft, aber eigentlich keine Lust, sie anzuziehen. Während des Frühstücks hört der Regen auf, wir können uns auf den Weg machen zum Transfer nach Machu Picchu.
Ziemlich lange Schlangen am Treffpunkt, wir gehen einfach vorbei uns sitzen auch schon im Bus. Der setzt sich gegen neun Uhr in Bewegung. Sobald er voll ist, fährt er los, als gäbe es kein Zurück. Über Schotterstraßen und Serpentinen, hinein in ein dschungelähnliches Gebiet. Gewaltige Pflanzen, tropfende Blätter, Nebel hoch in den Bergen, tief hängende Wolken.. Immer wieder öffnet sich der Blick auf das großartige Andenpanorama. Wir können uns gar nicht losreissen. Das Wort majestätisch fällt mir zu dem, was wir hier sehen, ein.
Nach einer halben Stunde erreichen wir über das Eingangstor zu einem der berühmtesten Orte der Welt. Machu Picchu. Doch die Uhr bestimmt den Rhythmus: Auf unseren Tickets steht 10 Uhr, vorher kein Einlass. Diese strenge Ordnung wirkt fast deutsch und erinnert daran, dass lange vor Hiram Bingham andere hier oben waren, darunter zwei, drei Deutsche. Wie sie das geschafft haben, bleibt ihr Geheimnis.
Ein bisschen Geschichtliches haben wir uns angelesen: Machu Picchu wurde um 1450 unter dem Inka-Herrscher Pachacútec gegründet. Ob königlicher Rückzugsort, spirituelles Zentrum oder Observatorium ist nicht übrrliefert, die Funktion bleibt ein Rätsel. Nach der spanischen Eroberung verschwand die Stadt aus dem Blick der Welt. Erst 1911 machte Hiram Bingham sie international bekannt. Aber war er wirklich der Entdecker? Schon 1902 hatte Agustín Lizárraga die Stätte betreten, und die Einheimischen kannten die Ruinen ohnehin. Binghams Ruhm ist auch ein Produkt der amerikanischen Presse, die ihn zum Indiana-Jones-Vorläufer stilisierte. Vielleicht war er mehr Abenteurer als Archäologe, getrieben von der Sehnsucht nach einer verlorenen Stadt, die ihm half, seine eigene Legende zu schreiben. Vielleicht hat Machu Picchu Bingham entdeckt, nicht umgekehrt.
Punkt zehn dürfen wir loslegen: Circuit 2. Es beginnt gleich mit steilen Anstiegen, fiesen Treppen und wenig Luft. Wir spazieren zwar 1000 Meter tiefer als in Cusco, aber durch die Topografie und zunehmenden Sonnenschein brauchen wir manchmal ein Päuschen.
Der Weg ist richtig kräftezehrend, die Höhenangst meldet sich an steilen Abgründen und schmalen Treppen. Besonders, wenn es keine Handläufe gibt. Doch oben angekommen, entschädigt die Aussicht für jede Mühe. Vor der Kulisse der hohen Anden entfaltet sich die gesamte Schönheit dieses archäologisch so bedeutenden Fundes. Mauern, Terrassen, Tempel, alles gebaut ohne Mörtel, ohne Eisen, nur mit der Präzision von Steinmetzen, die den Himmel im Blick hatten. Einfach nur grossartig.
Heute haben wir Glück: Morgens Regen, dann plötzlich mit unserer Ankunft trocken bis zum Ende der Runde. In der Hochsaison, Märzbis Juni, drängen sich hier Menschenmassen, doch heute ist es vergleichsweise ruhig. Wir beobachten Touristen in Ponchos und mit den berühmten Ohrenmützen. Ein Bild zwischen Folklore und Karikatur. Ein blonder Mann im Poncho, aus dem haarige Beine und Adidas-Schuhe hervorlugen, wirkt fast wie eine Parodie. Kulturelle Aneignung wird hier auf die Spitze getrieben.
Wir nehmen schwer begeistert Abschied von Macu Picchu, den Ruinen, den Gedanken daran, wie das alles wohl früher gewesen ist.
Der ganze Fundort ist nicht nur gut, sondern auch im Einbahnstrassensystem organisiert. Wir kommen an einem etwas tiefer gelegenen Punkt an. Und es regnet. Aber Busse warten schon, kein Problem. Auf dem Rückweg schlafen zwei Drittel der Mitreisenden im Bus, auch uns fallen die Augen zu.
Später, zurück in Aguas Calientes, bleibt Zeit für ein Essen im Hotel, bevor wir den Zug besteigen. Zwei Stunden klapperndes Rollen, zwei Stunden Busfahrt, und wir sind fix und fertig.
Was für ein Tag. Anstrengend, ja. Aber vor allem großartig. Machu Picchu bleibt ein Mysterium, ein grandioses Zeugnis der Inka-Kultur, das uns zwingt, über die Kraft, den Glauben und die Vision einer Zivilisation nachzudenken, die in den Wolken lebte und baute.
Zurück im Hotel, fallen wir fast wie ohnmächtig ins Bett. Aber mit einem Lächeln.