
Gestern sind wir vor acht fix und fertig eingeschlafen, heute sind wir schon vor Sonnenaufgang putzmunter. Das Frühstück im Haus ist so gut wie das ganze Hotel, und wir freuen uns auf den Tag.
Cusco ist einfach großartig. Zwischen kolonialen Fassaden, Inka-Mauern und der kühlen Andenluft entfaltet sich eine Stadt, die seit Jahrhunderten Dreh- und Angelpunkt der Andenwelt ist. Die einstige Hauptstadt des Inkareichs, Qosqo, der „Nabel der Welt“, trägt ihre Geschichte im Straßenbild, im Rhythmus der Märkte.
Wir tauchen ein in den Mercado Central de San Pedro: Ein Ort, der Markt und Mikrokosmos zugleich ist. Hier riecht es nach allem, was Lateinamerika ausmacht: warmes Brot, frisches Fleisch, süße Mangos, Käse in allen Reifestufen, Kräuter, deren Namen man nicht kennt, aber sofort behalten möchte. Zwischen den Ständen sitzen Frauen in Polleras, die mit einer Selbstverständlichkeit handeln, die zeigt, dass dieser Markt seit 1925 das Herz der Stadt ist. Überall wird uns etwas angeboten, überall schnüffeln wir herum, manchmal machen wir ein schnelles Foto. Erstaunlicherweise sehen wir keine anderen Touristen in den Gängen. Vielleicht fürchten sie sich vor Schweinefüßen und Ochsenköpfen. Der Geruch in den Fleischgängen ist schon mächtig, aber bei den Kräutern kann man ja wieder ausatmen. Wie gut alles arrangiert ist. Das ist hier kein Tourimarkt; hier kaufen Einheimische, und wir versuchen, nicht zu stören.
Der Mercado, habe ich gelesen, wurde einst von Gustave Eiffel mitentworfen – ja, der Eiffel – und sein offenes Stahlgerüst trägt bis heute das Marktgeschehen darunter.
Wir schlendern weiter, vorbei am Colegio, hinein in die Plaza de Armas, die seit der Inka-Zeit das politische und spirituelle Zentrum Cuscos ist. Wo einst die Inka ihre Feste feierten, stehen heute die Kathedrale und die Jesuitenkirche: Monumente der Kolonialzeit, gebaut auf den Fundamenten der zerstörten Inka-Paläste. Die Geschichte ragt sichtbar aus jedem Stein. Den Besuch der Kathedrale sparen wir uns noch auf; wir werden einige Tage in dieser faszinierenden Stadt verbringen.
Rund um den Platz: Händler, die Touren verkaufen, Schmuck, Spaßartikel – alles mit einem Lächeln und einer Hartnäckigkeit, die man nur bewundern kann. Nach längerer Verhandlung kaufe ich eine „echt falsche“ Ray-Ban mit polarisierenden Gläsern für 50 Soles. Wir sitzen einfach auf einer Bank und schauen. Plötzlich stoppt eine junge Frau, reicht erst Juan, dann mir die Hand. Standardmäßig murmele ich „no, gracias, señora“, weil ich vermute, dass sie uns irgendetwas verkaufen will. Will sie aber nicht. Sie ist nur so begeistert von Juans weißen Haaren, dass sie uns unbedingt begrüßen wollte. Das ist ihm auf dieser Reise schon häufiger passiert, und wir kannten diese Bewunderung auch schon aus China. Da hielten sie ihn gar für eine Art reinkarnierten Konfizius.
Weiter geht es durch die bezaubernde Altstadt.
Wir folgen den schmalen Straßen, deren Mauern links und rechts von den Inka errichtet wurden. Diese Steine sind ein Wunder für sich: perfekt behauen, ohne Mörtel gefügt, erdbebensicher, unerschütterlich. Die Spanier bauten ihre Häuser einfach oben drauf. Diese Bauweise prägt die Stadt bis heute.
Dann tauchen sie auf: Frauen in farbenfroher Tracht, Lamas an der Leine, bereit für Fotos gegen ein paar Soles. Ein zweischneidiges Erlebnis. Einerseits ein lebendiges Stück Andenkultur, andererseits ein touristisches Ritual, das seine eigene Ambivalenz trägt. Aber trotz aller Vorbehalte: Das Fell der schneeweißen Lamas ist wunderbar weich, und wir würden am liebsten eines klauen.
Juan hat online ein Restaurant entdeckt: die Limbus Restobar, angeblich mit dem besten Blick über die Stadt. Nur 300 Meter entfernt, sagt er. Klingt harmlos, wäre Cusco nicht eine Stadt, die ihre Höhenmeter ernst nimmt. Der Weg führt steil bergauf, die Luft wird dünner, die Schritte kürzer. Ich habe Lust aufzugeben und bin kurz muksch. Aber nicht lange. Oben öffnet sich ein sensationelles Panorama: die Dächer der Altstadt, die Berge ringsum, das Licht, das über die Stadt gleitet.
Bevor ich den Ausblick wirklich genießen kann, brauche ich erst einmal Luft. Wir sind ja weiterhin für eine Norddeutsche und auch für einen Porteño in extremer Höhenlage von über 3500 Metern. Aber sobald wir wieder pusten können, verstehen wir, warum Menschen hier stundenlang sitzen, trinken, schauen, schweigen.
Wir bestellen als geteiltes Mittagessen ein paar Hühnerstückchen mit kleinen Saucen, dazu zwei IPA-Biere, die in Peru gerade Mode sind. Wir haben diese Braukunst vor Jahren in Vancouver kennengelernt.
Der Abstieg wird auch ein bisschen anstrengend, aber spannend. Wir schauen in ein paar Gassen von La Blas auf halber Höhe, begegnen wieder indigenen Frauen mit ihren Lamas und sogar einigen Touristen, bevor wir irgendwann wieder im Quechua Hotel einlaufen.
Noch immer gibt es ein Problem mit dem Zimmersafe. Trotz der Versuche mit mehreren Schlüsselbunden lässt er sich nicht öffnen. Mit diesem Problem geht man hier ganz pragmatisch um: Es wird einfach ein neuer Safe neben den alten gedübelt. Sieht ein bisschen aus wie früher die Sparclubs in deutschen Kneipen, erfüllt aber natürlich den Zweck.
Das Zimmer ist kalt, draußen 11, 12 Grad. Also dackeln wir wieder an die Rezeption und bitten um ein Öfchen. Das kommt nicht, dafür jemand, der uns mitteilt, er würde die zimmereigene Heizung anschalten. Das klappt tatsächlich.
Wir lassen die Heizung laufen, damit die Bude warm wird, essen an der Ecke noch eine Pizza aus dem Holzofen mitten im Raum. Dann schnappen wir noch die frisch gewaschene Wäsche (kostet mit 12,50 genauso viel wie das Abendessen). Und buenas noches.