Cusco erwacht langsam, aber wir sind schneller. Noch bevor die Stadt richtig warmgelaufen ist, stehen wir vor dem ATM der Banco de la Nación. Ein nüchterner Ort, der so gar nicht zu den Mythen passt, die uns heute erwarten. Doch auch ein Inka-Forscher braucht Bargeld, und der Automat spuckt es zuverlässig aus. Uns fällt auf, dass der Bereich von einem Soldaten bewacht wird, der einem Mütterchen geduldig bei der Technik hilft. Wir kommen so klar und wollen starten. Ein schnell bestellter Uber bringt uns den Berg hinauf.
Oben angekommen, empfängt uns Saqsayhuamán mit einer Kulisse, die selbst hartgesottene Geschichtsverweigerer bekehren könnte. Die Zickzack-Mauern wirken, als hätte ein Riese mit Lineal und Laser gearbeitet. Kein Mörtel, keine Fugen, nur perfekt geschliffene Steine, die seit fast 700 Jahren jedem Erdbeben die Stirn bieten. Wenn diese Steine erzählen könnten… Juan war vor vielen Jahren schon einmal hier oben, hoch über Cusco, und ist immer noch – oder wieder – begeistert von dieser Ausgrabungsstätte.
Es ist nicht wirklich viel los, aber einige Busladungen bevölkern das weitläufige Gelände bereits. Es geht bergan, die Luft ist dünn, die Sonne beginnt schon kräftig zu brennen. Hut und Sonnenbrille sind Pflicht. Staunen auch. Wie haben es die Inka bloß geschafft, mit reiner Menschenkraft solche riesigen Felsen zu bewegen und zu bearbeiten?
Die Inka nannten Cusco den „Nabel der Welt“. Wenn das stimmt, dann ist Saqsayhuamán der Kopf des Pumas, in dessen Form die Stadt angeblich angelegt wurde. Und dieser Kopf hat es in sich: militärische Macht, religiöse Bedeutung und gleichzeitig politische Inszenierung.
Besonders spannend ist die kreisrunde Struktur, die einzige bekannte ihrer Art im Inka-Reich. Archäologen rätseln bis heute, ob hier Tänze, Rituale oder vielleicht sogar Sonnenbeobachtungen stattfanden. Es gibt keine Überlieferungen, aber viele Spekulationen.
Wir wollen weiter. Der Uber auch, zumindest theoretisch. Praktisch taucht er nicht auf. Als er schließlich doch erscheint, ist die Stimmung frostiger als die Andenluft. Wir streiten und steigen bei diesem Typen nicht ein. Zum Glück gibt es Plan B: den Fahrer, der uns schon vorher seine Dienste angeboten hat. Er wartet geduldig, lächelt milde und fährt uns schließlich nach zähen Verhandlungen zu den nächsten drei Stätten. Manchmal gewinnt eben doch die analoge Welt.
Tambomachay liegt höher, stiller, fast meditativ. Auf dem Weg nach oben sehen wir links am Wegesrand eine Quechua-Frau im traditionellen Gewand. An ihrer Seite ein Guanako und ein winziges Schaf mit buntem Mützchen. Natürlich möchte sie Soles fürs Foto. Etwas weiter oben rauscht Wasser durch steinerne Kanäle, so klar, als käme es direkt aus dem Herzen der Berge. Wir hören, wie ein Guide seiner Gruppe erklärt, dass man früher überall genügend frisches Quellwasser gehabt habe. Heute ist so viel kontaminiert, dass wir uns die Zähne mit Flaschenwasser putzen. Die Inka verehrten Wasser als göttliche Kraft, und dieser Ort war vermutlich ein Heiligtum, vielleicht sogar ein königlicher Rückzugsort.
Man kann sich gut vorstellen, wie der Inka-Herrscher hier stand, die Hände im kalten Wasser, während Priester Gebete murmelten. Wir stehen daneben, etwas außer Atem, aber beeindruckt vom Quell und unserer Fantasie.
Unser Fahrer wartet wie vereinbart. Keine Zeit zum Ausruhen. Ein paar Minuten später erreichen wir Puka Pukara. Der Name bedeutet „rote Festung“, und tatsächlich schimmern die Steine im richtigen Licht rötlich. Die Anlage war vermutlich ein Kontrollpunkt am riesigen Straßennetz der Inka. Hier wurden Reisende registriert, Waren kontrolliert, Nachrichten weitergegeben. Eine Art andines Logistikzentrum mit Lamas. Die Wolken ziehen sich zusammen, aber noch bleibt es trocken. Unser Fahrer wartet geduldig.
Auf einer kurvenreichen Straße geht es weiter, nachdem er auf Quechua ein paar Verkäuferinnen am Straßenrand begrüßt hat. Das ist seine Muttersprache, Spanisch hat er erst in der Schule gelernt. Leider wird dort nicht mehr viel über die Kultur der Inka gelehrt. Weltgeschichte steht auf dem Stundenplan.
Wir erreichen unseren letzten archäologischen Ort für heute. Qenqo ist anders als die vorherigen. Geheimnisvoller. Ein Felslabyrinth, durchzogen von Kanälen, Nischen und unterirdischen Räumen. Der große Altar im Inneren wirkt wie eine Bühne für Rituale, die wir heute nur erahnen können.
Hier sollen Opferzeremonien stattgefunden haben, vielleicht Tiere, vielleicht symbolische Gaben. Auch Menschenopfer waren dem Volk der Quechua nicht fremd. Die Inka glaubten, dass bestimmte Orte, sogenannte Huacas, eine besondere Verbindung zur spirituellen Welt hatten. Qenqo ist so ein Ort. Man spürt es. Und man ist froh, dass es heute nur Touristen sind, die hier herumstolpern.
Nach über 11 Kilometern bergauf und bergab sind wir wieder einmal richtig erschöpft. Unser Fahrer bringt uns zurück in die Stadt. Auf der Plaza de Armas ergattern wir einen Balkonplatz in einem Café. Ein Schild weist darauf hin, dass man nur eine Stunde Zeit hat, die Aussicht zu genießen, weil jeder einmal dort sitzen möchte. Unter uns pulsiert Cusco, über uns türmen sich Wolken, und vor uns steht die Kathedrale, die auf Inka-Fundamenten errichtet wurde. Ein architektonischer Machtwechsel, in Stein gegossen.
Wir sitzen da, trinken ein kühles Bier, teilen ein Sandwich, lassen die Eindrücke sacken.
Eigentlich haben wir ja „nur“ viele, viele Steine besucht, zum Teil noch erkennbare Grundrisse gesehen und uns über einige Höhenmeter gequält. Aber wir sind dennoch schwer beeindruckt. Das Reich der Inka war durchaus vergleichbar mit denen der Griechen und Römer. Und es ist nicht ganz untergegangen. Hier in Cusco leben die Nachfahren dieser großen Kultur weiter. Das muss man sich auch erst einmal vorstellen.
Der Tag war anstrengend, aber er hat uns durch die Geschichte der Jahrhunderte getragen. Unsere Füße machen nun schlapp, zum Glück ist das Hotel nicht mehr weit. Wir müssen uns ein bisschen ausruhen, bevor wir die nächsten zwei Tage vorbereiten.