Cusco. Was für ein Abschied.

Wir haben gut geschlafen, aber der gestrige Tag in Machu Picchu hängt uns noch in den Knochen. Zum Glück hat sich mein linker Fuss berappelt, mit dem ich gestern umgeknickt bin. Heute haben wir vor, einen ganz, ganz ruhigen Tag in Cusco zu verbringen; es ist unser letzter hier.

Da das Frühstücksbuffet konsequent um neun abgeräumt wird, müssen wir uns mehr beeilen, als uns lieb ist. Macht nichts, wir wollen sowieso in die Markthalle, die nur ein paar Schritte entfernt ist. Es ist richtig viel los. Nicht nur in der großen Halle, sondern vor allem draußen, wo sich die Straßen und Gassen in einen einzigen, weit verzweigten farbenfrohen Bauernmarkt verwandeln. Sonnabend kommen die Menschen aus den umliegenden Dörfern. Mit Säcken voller Kartoffeln, Kräutern, Mais, Bohnen, Obst. Es gibt auch jede Menge Meerschweinchen, ein sehr beliebtes Essen in Peru. Ich kann mir nicht helfen: Sie sehen aus wir abgezogene Ratten. Aber wir haben sowieso keine Lust, diese Spezialität irgendwo zu probieren.

Es ist laut, eng, lebendig. Frauen in Tracht sitzen zwischen ihren Ernten, Männer wuchten Kisten, Kinder spielen oder starren ins unvermeidliche Smartphone. Es ist immer wieder erstaunlich zu beobachten, wie nahezu jeder und jede, mögen sie noch so traditionell gekleidet und jung oder alt sein, mit seinem Phone zugange ist.

Ein Polizist will wissen, wo wir hinwollen und rät uns davon ab, uns ins Marktgeschehen zu werden: Zu voll. Wir sind da nicht wirklich folgsam.

Nach einem Rundgang, der länger dauert als geplant, führt uns ein Abstecher zum ATM der Banco de la Nación und schließlich auf die Plaza de Armas.

Dort entscheiden wir trotz der happigen 10 Euro Eintritt pro Nase spontan, die Kathedrale doch noch zu besuchen. Ein Monument der Kolonialzeit, errichtet auf den Fundamenten des ehemaligen Palastes eines Inka. In Cusco legt sich Geschichte übereinander. Wir staunen wieder einmal, mit welcher Pracht die Spanier sich über die Indigenen gestülpt haben. Gold, wohin man sieht, ein Bereich, der nur Gegenstände aus purem Silber ausstellt – unvorstellbar. Die Quechua und ihr Inka hatten ein eher entspanntes Verhältnis zu Edelmetallen. Die gab es, basta. Erst die Spanier haben dann ihren Raubzug als Konquistadoren begonnen. Und die Klerikalen wollten natürlich auch nur Glanzvolles. Und diese Pracht zeigten sie damals wie heute den Indigenen und ins, den Besuchern. Fotos sind in der Kathedrale und den Nebengebäuden verboten, aber ein bisschen Ungehorsam sollte erlaubt sein.

Ein Glücksfall: Als wir das monströse Gotteshaus verlassen, beginnt sich eine Hochzeitsgesellschaft zu formieren. Die Braut  am Arm des Vaters trägt ein aufwendig gearbeitetes Kleid, die Brautjungfern erscheinen in zartem Blau, der Bräutigam in Vanille, die Blumenstreukinder sind herausgeputzt wie für ein Fotoshooting. Alles deutet darauf hin, dass hier eine der wohlhabenderen Familien der Stadt feiert. Wir bleiben einen Moment, beobachten. Erst als die Gesellschaft in der Kirche verschwindet, brechen wir wieder auf.

Kurz darauf sitzen wir in einem der Balkon-Cafés über der Plaza. Kaffee, dazu endlich ein frisch gepresster Orangensaft, der nicht, wie so oft, mit Wasser gestreckt wird. Nicht aus Sparsamkeit, wie man uns erklärt, sondern aus Rücksicht auf die Bekömmlichkeit.

Von oben wirkt der Platz wie eine Bühne, auf der ständig etwas passiert, ohne dass man genau sagen kann, wer Regie führt.

Eigentlich wollen wir danach nur noch gemütlich ins Hotel zurück, uns ausruhen, die Koffer für die morgige Weiterreise packen. Ein ruhiger Nachmittag, so der Plan.

Doch dann verändert sich die Geräuschkulisse. Weit unten, auf einer der größeren Straßen links , bildet sich eine Menschenmenge. Die Polizei beginnt, Absperrungen zu setzen. Unser erster Gedanke: eine Demonstration. Keine Lust auf Gedränge, keine Lust auf politische Aufläufe. Wir bleiben trotzdem stehen. Und genau das erweist sich als nächster Glücksfall.

Was sich da formiert, ist keine Demo, sondern der vielleicht fröhlichste und farbenfroheste vorstellbare Karneval. Wir stehen gerade einmal ein paar Meter von der Plaza de Armas. Von unserem Standort aus sehen wir, wie sich die Gruppen formieren: Schulverbände, Nachbarschaften, Tanzvereine, alle mit eigenen Bannern und Kostümen, eigenen Rhythmen, eigenen Regeln. Trommeln, Flöten, Folklore aus Lautsprechern, die auf geschmückten Autos montiert sind, Schaumfontänen, die  über die Menge gesprüht werden. Es herrscht richtig gute Laune. Wir bleiben am Rand, beobachten, lassen die Szene an uns vorbeiziehen ohne uns einzureihen. Es ist einer dieser Momente, die einen einfach sprachlos machen. Juan und ich stehen da mit aufgerissenen Augen und genießen ein weiteres Highlight unserer sowieso schon so tollen Reise.

Historisch ist dieser Karneval ein Zusammenspiel aus andinen Februarbräuchen und kolonialen Einflüssen: Wasser als Reinigung, Farben als Symbol für Erneuerung, Masken und Musik als Vermächtnis der spanischen Festkultur. Heute wirkt das Ergebnis weniger wie ein historisches Erbe als wie ein lebendiger Reflex der Stadt. Cusco feiert für sich selbst, und wer zufällig danebensteht, bekommt einen seltenen Blick auf dieses Innenleben.

Die Faszination hält an, unsere iPhones laufen heiss. Einfach grossartig. Einzigartig, wie sich Cusco von uns verabschiedet. Besser kann‘s nicht kommen.

Den Nachmittag verbringen wir so, wie wir eigentlich den ganzen Tag geplant hatten. Mit Nichtstun. Fast nichts. Juan sortiert Fotos für andando, ich schreibe diese Zeilen. Die Klamotten sind später schnell gepackt. Zum Abendessen haben wir uns einen Italiener ausgeguckt, der schon seit 1978 sein Restaurant in Cusco betreibt. Wir haben Lust auf Pasta und erstmal genug von Pizza und Pollo, den Standardessen überall hier.

Nach oben scrollen
andando
Privacy Overview

This website uses cookies so that we can provide you with the best user experience possible. Cookie information is stored in your browser and performs functions such as recognising you when you return to our website and helping our team to understand which sections of the website you find most interesting and useful.

You can adjust all of your cookie settings by navigating the tabs on the left hand side.