Cusco – Aguas Calientes.

Zehn vor neun rollt das Taxi vor dem Hotel Quechua in Cusco vor. Wir stehen mit dem kleinsten vorstellbaren Rucksack (für vier Euro von Decathlon erstanden) am Straßenrand. Ein fast absurd leichtes Gepäck, das sich aber sofort richtig anfühlt. Nur das Nötigste für eine Nacht. Eine Art zu reisen, die uns sofort elektrisiert. Noch bevor der Tag richtig begonnen hat, beschließen wir, künftig noch radikaler zu reduzieren. Freiheit wiegt am wenigsten. Das wird uns immer klarer.

Am Busterminal Wanchaq sind wir viel zu früh, aber die Halle ist sauber, ruhig, fast freundlich. Langsam füllt sich der Wartesaal, zwei Kleinbusse warten bereits, und pünktlich setzen wir uns in Bewegung. Drei Jungs aus Deutschland sind dabei, ein paar Asiaten, Engländer und Skandinavier reisen mit uns. Fast eine Stunde dauert es, bis Cusco uns freigibt: ein endloses Band aus Straßen, Märkten, Werkstätten.

Dann öffnet sich das Panorama , und die Anden entfalten ihre ganze dramatische Schönheit: Terrassenhänge, schroffe Felsen, ein Himmel, der sich ständig verändert. Zwei Paraglider schweben irgendwo über einem Hang, ein paar Lamas stehen dösig wie bestellt im Bild, Rindviecher stieren uns einfach nur hinterher. Es gibt so unendlich viel zu sehen.

Die Straße führt über die Hochebene von Chinchero hinunter ins Tal. Urubamba taucht auf, eine langgezogene, überraschend moderne Stadt, die sich entlang des Flusses ausbreitet. Wenige Kilometer weiter wird das Tal enger, die Berge rücken zusammen, und wir erreichen Ollantaytambo, den historischen Ort, der wie ein lebendiges Museum wirkt. Viele Reisende versuchen, sich hier erst einmal an die Höhe zu gewöhnen. Wir sind schon solange in Hochlagen unterwegs, dass das hier schon ein wohltuenderer Abstieg auf knapp 3000 Meter ist. Hier endet die Straße, hier beginnt die Schiene.

Der Bus hält am Bahnhof. Ein kurzer Aufenthalt, dann klettern wir in den PeruRail-Zug  „Expedition“, Coach F, Plätze 11 und 12. Zug Nummer 73 setzt sich ruckelnd in Bewegung, folgt dem Río Urubamba durch das Valle Sagrado, das Heilige Tal der Inka.

Die Sonne fällt durch das Glasdach, und plötzlich fühlt sich alles nach Aufbruch an. 42 Kilometer liegen vor uns, anderthalb Stunden Fahrt. Musik dudelt leise, der Zug rumpelt, zuckelt, schaukelt. Die Vegetation verändert sich: erst karg, dann dichter, schließlich fast schon Urwald. Kakteen, Eukalyptus, kleine Wasserfälle, Felswände, die wie aufgeschlagen wirken. Links der Fluss, wild und weiß schäumend. Über uns 5000er, die sich in den Wolken verlieren.

Wir warten an einer Engstelle auf einen entgegenkommenden Zug, die Strecke ist teilweise nur einspurig. Vor ein paar Monaten gab es hier einen schweren Unfall, das hatten wir noch in Hamburg gelesen. Mehrere Tote, viele Verletzte nach einem Frontalzusammenstoss zweier Züge. Die Erinnerung daran hängt noch in der Luft.

Es wird heiß im Zug, die kleinen Fenster stehen offen, ein bisschen Regen weht herein. Einige Passagiere schlafen, eigentlich unvorstellbar angesichts dieses Panoramas. Kurz vor Aguas Calientes beginnt es passenderweise stärker zu regnen. Hatten wir zuhause noch überlegt, schweres Regenzeug mitzuschleppen, sind wir jetzt mit Hoodie und Weste unterwegs. Wird sicher reichen.

Gegen halb drei rollen wir in den Bahnhof von Machu Picchu Pueblo ein und sind mitten im peruanischen Dschungel gelandet. Regen hin oder her – wir steigen aus, atmen die feuchte, warme Luft und sind sofort im Rhythmus dieses Ortes. Wenige Minuten später checken wir im MAPi Garden’s ein, direkt am Bahnhof gelegen. Extrem sauber, einfach, aber komfortabel und perfekt für eine Nacht am Fuß der Berge. Ein junges Paar mit zwei Kindern bewirtschaftet das B&B und macht das offensichtlich sehr professionell.

Ein schneller Happen im hauseigenen Restaurant, dann geht es weiter: zur Busagentur, um die Tickets für den letzten Abschnitt nach Machu Picchu zu holen. Keine Schlangen, keine Hektik. Teuer, wie alles auf diesem Ausflug zu einem der Neuen Weltwunder. Aber es ist ein einmaliger Weg, und wir wissen, warum wir hier sind. Juan erinnert sich an seinen Erstbesuch vor einem halben Jahrhundert: keine Infrastruktur wie heute, alles sehr karg und ärmlich. Mit zwei Freunden hat er sich in ein Thermalbad gestürzt, um anschließend im Schlafsack irgendwo dort zu übernachten. Wir haben es deutlich komfortabler.

Und freuen uns auf Hiram Binghams Vermächtnis. Auf die Stadt in den Wolken. Auf das, was morgen vor uns liegt.

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