Wunderbarer Tag in Wien

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Verschiedene Dinge fallen mir sofort zu Wien ein: Da ist zum Einen die Freundlichkeit der Wiener, die uns überall begegnet. Selbst, wenn sie aus Vietnam stammen, sind sie Wienerisch-entzückend und kaum grantelig. Zum Anderen fällt auf, dass die Menschen hier weit weniger tätowiert sind als andernorts. Der dritte Punkt ist eine eher modische Anmerkung: In Wien trägt man bauchfrei, egal, wie viele Palatschinken- und Schnitzelorgien mit diesem Bauch gezeigt werden. Könnte man die Bauchfrei-Mode nicht eines Gnadentodes sterben lassen? Manchmal ist es wirklich grenzwertig, aber dann kann man ja das Auge beruhigen, das man einfach auf einen türkisfarbenen Schopf wirft. Oder auf einen magentafarbenen. Im Gegensatz zu Tattoos sind die Haare zudem auswaschbar.

So. Nun aber. Tag 2 (kalendarisch schon der dritte, aber den ersten kann man beim besten Willen nicht mitzählen) steht an. Beim Frühstück fehlt die italienische Gruppe von gestern. Aber wahrscheinlich hat sie wieder geschlossen dermassen viele Bemmen als Tagesproviant mitgehen lassen, dass dem Hotelpersonal nichts anderes übrigblieb, als aufzurüsten. Wir können aus dem Vollen schöpfen, haben vor allem keine Schlange vor dem Kaffeeautomaten. Es gibt Espressi und doppelte, aber für uns einen Verlängerten. Der entspricht ungefähr einem Americano, aber das kapieren die Franzosen, Italiener und Amerikaner nicht, die mit uns frühstücken. Denn sie haben das merkwürdige Wort einfach nicht im Dictionary gefunden. Nochmals: Das Frühstück könnte nicht besser sein!

Anschließend erörtern wir die Möglichkeiten, zum samstäglichen Flohmarkt am Naschmarkt zu kommen. Tram, Bus, U-Bahn? Das Schuhwerk gewinnt, und wir marschieren bei aktiven 23 Grad (Tendenz: rasant steigend) los. Ist wirklich kaum mehr als ein Katzensprung. Einer von einer Grosskatze.

Der Flohmarkt ist groß und bunt und extrem guckig. Viele Händler und auch Touristen stammen aus anrainenden Ländern: Tschechisch, Ungarisch, Italienisch, Deutsch – es geht kreuz und quer. Fotografiert man an einem Stand, sagt schon mal einer: „Ein Euro!“, aber das meint niemand ernst. An der Würstelbuden wird geratscht, an den Stände  getratscht, die Sonne brennt und brennt, die Atmosphäre gleicht der eines schrillen Basars. Das Angebot ist riesig. Viel Silber, Gemälde, Kitsch, Kristall, haufenweise Klamotten, nichts Neues. Erschöpft lassen wir uns irgendwann auf der Terrasse eines Chinesen fallen, zahlen sechs Euro für zwei Flaschen Wasser, die wir dringend brauchen. Und machen einen Plan.

Die U-Bahn Kettensägengasse (also: so ähnlich…) liegt direkt vor unserer Nase, sie bringt uns zu  Karlsplatz. Weiter laufen wir in die Albertina, aber da werden wir uns morgen erst einmal akkreditieren. Nur einen Steinwurf entfernt liegt das Dorotheum in einem atemberaubenden Palais. Wir kämpfen uns durch mehrere Etagen des berühmten Juwelier- und Auktionshauses. Wie schön, dass mich Diamanten kalt lassen, sonst wären wir schlagartig pleite.

Weiter geht es Richtung Jüdisches Museum. Wie kann man nur so blöd sein, an einem Sonnabend ein jüdisches Museum besuchen zu wollen? Natürlich ist es am Shabbat geschlossen. Merkste selber…

Aber Wien hat ja mehr als Museen zu bieten. Auch wenn es blöd und abgerockt ist: Einen Blick muss man schon ins Hawelka werfen! Auf der Terrasse davor wird schon mächtig ins Proseccoglas gekichert; wir machen nicht mit. Die Dichte an Dichtern und Denkern ist offenbar auch überschaubar. Auch die nicht minder berühmten Schnittchen im nahen Treszniewski reizen uns nicht. Eine Dependance davon hatte Werbefotograf Wolfgang Bokelberg mal nach Hamburg gebracht. Aber das ganze durchgedrehte Zeug war und ist nichts für Hanseaten.

Sonnabend auf dem Graben ist dann ordentlich viel los. Reisegruppen aus Europa und den Amerikas, Indonesien und Thailand. China fehlt weiterhin. Auf der Kärtnerstrasse, gleich hinter dem Flagship Store von Swarovski, gibt‘s glücklicherweise ein Hasi & Mausi. Ich brauche umgehend neue Socken, denn die vorhandenen nesteln irgendwo in Richtung Schuhspitze. Übel, übel, wenn man so viel zu Fuss unterwegs ist wie wir. Das Hotel Sacher erkennt man von Weitem an den Schlangen, die sich vor dem Café bilden. Ganz Unerschrockene stopfen sich die Sachertorte direkt davor zweihändig in den Mund. Im Kindergarten müssten man wohl straf-schlafen.

Es ist Mittag und wir sind erschöpft. Keine Lust, die paar Kilometer ins Hotel zu laufen, also fahren wir vom Karlsplatz kurzerhand eine Station mit der Metro bis in die Taubstummengasse. Da liegt unser Hotel, da liegen wir, Füsse an der Wand, für eine kurze Siesta.

So furchtbar lange braucht man ja nicht, um sich zu regenerieren und wieder auf dumme Gedanken zu kommen. Meiner: ein Heuriger! Das wär‘s doch heute als krönender Abschluss. Recherchen im Internet ernüchtern ein bisschen. Um nach Grinzing, Ottokring, Neumarkt oder den anderen Heuring-to-be-Plätzen zu kommen, brauchen wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln etwa eine Stunde. Pro Strecke. Da muss es doch noch etwas anderes geben?

Gibt es. Zum Beispiel das Wirtshaus Schank zum Reichsapfel. Einmal quer durch die Stadt und über einen Donauarm – das sollte klappen. Der Laden ist so gut besprochen, dass wir vorsichtshalber einen Tisch im Freien um fünf klarmachen. Wir schütteln uns kurz und machen uns mit der Strassenbahn Linie 1 auf den Weg. Den Karmeliterplatz finden wir auf Anhieb und stellen fest, dass wir mitten im jüdisch-orthodoxen Viertel gelandet sind. Männer mit Pelzhüten und langen, schwarzen Mänteln, Frauen mit Perücken und grosser Kinderschar haben offenbar den Sabbat in der nahen Synagoge gefeiert und spazieren nun durchs Viertel.

Wir finden unseren Heurigen. Es ist ein bisschen peinlich, dass wir einen Tisch bestellt haben, denn wir sind die einzigen Gäste. Trotz des hervorragenden Essens – Fleischnudeln (eine Art grosse Ravioli) und zweierlei Schweinsbraten (wovon der Kümmelbraten noch besser ist) – bleiben wir erst einmal mit dem netten Wirt allein. An wen erinnert er uns bloss? Richtig! Hansi Flick in rund und österreichisch! Noch vor Einbruch der Dunkelheit machen wir uns auf den Rückweg.

Und weil wir den Hals nicht vollkriegen können, schauen wir noch mal eben in Keindls Palatschinken- und Kaiserschmarrenhaus vorbei. Bei Saunatemperaturen in der engen Kneipe zischen wir eine grosse Flasche Wasser und mampfen jeweils eine „Probierportion“ Kaiserschmarren. Kann man, muss man nicht.

Auf dem Rückweg zur Tram stolpern wir eher zufällig über die Griechengasse. Hier haben wir für den 15. einen Tisch bestellt, und die Vorfreude verstärkt sich. Uriger Laden. Hoffentlich wird es nicht zu heiss.

Wir lassen uns von der fröhlich-bunten Gegend nicht korrumpieren, sondern steigen am Schwedenplatz völlig ermattet wieder in unsere Strassenbahn 1: Sie bringt uns fast direkt bis vor die Hoteltür und damit ins „Kurhotel“. Morgen wollen wir ein bisschen kürzer treten. Aber das glauben wir selbst nicht.

 

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