Portugals Waschküche

Ach, das wird schon… Wer gegen sechs Uhr morgens bei 3 Grad Außentemperatur in Chaves aus dem Hotelfenster guckt, hat noch Hoffnung: Der undurchdringliche Nebel wird sich bald sicher mal verkrümeln.

Er lässt sich Zeit. Im E. Leclerc gibt’s Frühstück, danach das unvermeidliche Bild des 0-Kilometer-Steins der N2. Lächerlicher Betonklotz auf einem Rondell, lebensgefährlich, aus dem Auto zu dem Muss-ich-haben-Foto zu stürzen. Aber das sieht ja niemand im dichten Nebel.

Wir fahren noch mal ins Hotel, trödeln ein bisschen herum und starten dann unser ganz persönliches N2-Abenteuer. In Watte gewickelt. In der Waschküche Portugals. Drei Stunden lang nahezu ausnahmslos dichter Nebel. Mal reisst es bei 1,5 Grad auf, mal weist die weiße Wand auf nix. Die schönen Aussichten, die gewaltigen Berge, die lieblichen Täler – dazu können wir nichts sagen. Wir haben nichts davon gesehen.

Etwas Lockerung an dem Brücken über den Douro, aber Panorama sieht anders aus. Der Fluss ist braun und knurrig, wir sind es auch. Die Wahrheit: Wir haben die Nase voll und ändern die Route. Der Westen, also nahe der Atlantikküste, soll besser sein. Nicht nur, dass wir kurzentschlossen Coimbra ansteuern, verlassen wir auch die kurvenreiche N2 und das dicht besiedelte Gebiet.

Die Autobahn ist eine Offenbarung: Sie gehört uns quasi allein. Ab und zu ein Schild, das eine Maut von 70 Cent oder so reklamiert, sonst nichts. Bereits vor der Abreise haben wir uns als Portugal-Autobahn-Nutzer mit 20 Euro angemeldet. Nun sollten sie abbuchen. Das Thermometer steigt langsam auf 7 oder 8 Grad. Von der Autobahn aus sehen wir unter uns die N2. Wenn es der Nebel zulässt.

Seit Jahrzehnten träume ich davon, die barocke Universitätsbibliothek von Coimbra zu besuchen. Irgendwie hat es nie geklappt. Aber heute! Trotz der irren Umwege durch die Stadt, in der an jeder Ecke gebaut wird, stehen wir endlich und auf den letzten Drücker hoch über Coimbra vor dem riesigen Universitätskomplex. Die Neue Kathedrale schenken wir uns für den Moment, stürzen ins Ticketzentrum und dann zur Pforte der Bibliothek. Letzter Einlass 16:20 Uhr. Wir klettern hechelnd die Treppe zum Eingang hinunter und werden ausgebremst. Erst, wenn sich die elfenbeinfarbige Tür öffnet, können wir mit einigen anderen Interessierten eintreten. Die Tür öffnet sich, wir stiefeln eine Etage hoch, müssen – umgeben von kostbaren Folianten – auf die nächste Tür warten. Als sie sich endlich öffnet, wird uns noch ein „Zehn Minuten!“ zugeworfen. Und dass Fotos und Videos nicht erlaubt sind. Nächste Treppe, schwerer, ochsenblutroter Vorhang – das Allerheiligste! 

Die Bibliothek, deren Anfänge aufs 16. Jahrhundert zurückführen, ist grossartig, aber wesentlich kleiner, als wir gedacht hatten. Trotzdem sind wir fasziniert von den Deckenfresken, kostbaren Schnitzereien, mächtigen Bibliothekstischen und natürlich unzähligen Büchern. Als wir ein winziges Foto mit dem Handy machen, droht uns ein kleiner Mann mit eindeutiger Geste Prügel an. Ja. Verstanden. Nach zehn Minuten öffnet sich die Pforte, wir werden auf den Campus entlassen.

Klar, dass wir noch ein bisschen in die Fakultäten gucken, selbstverständlich, dass die Neue  Kathedrale besucht wird. Aber wir haben trotz einbrechender Dunkelheit keinen Plan, wo wir nächtigen werden. Das prüfen wir mal im Auto und kommen aus das Hotel D. Luis auf der anderen Flussseite. Macht einen guten Eindruck, wir checken für bummelige 60 Euro ein.

Knapp zwei Stunden später öffnet das Hotelrestaurant Panorama, über das wir partout keine Kritiken finden. Das macht auch Sinn, denn sonderlich erwähnenswert ist es nicht. Juan möchte Huhn, der Kellner: „Das verkaufen wir nicht oft.“ Oh, dann lieber nicht. Es gibt einen merkwürdig gemischten Salat, Schweinesteak geschnetzelt mit Honigsauce zu total versalzenem Kartoffelpüree und hinterher eine geteilte Crêpe, die unter einem Berg aus Sahne erfroren ist.

Zeit, sich von diesem Tag zu verabschieden.

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