Nach Südosten

 

Wir sind in Fort St. John gelandet, einem Kaff mitten in den kanadischen Ölfeldern, um die sich hier alles dreht. Nichts ist schön, alles ist zweckmässig. Nein, zum Campen hatten wir überhaupt keine Lust, deshalb wohnen wir nun für knapp 50 Euro im Travel Inn.

Seit gestern morgen in Whitehorse sind wir genau 1385 Kilometer gefahren. Hört sich gar nicht so wild an. Aber hier gibt es keine Interstate = Autobahn, hier läuft alles über den Alaska Highway = Landstrasse. Und die ist bekanntermassen streckenweise desaströs.

Schon vor sechs sind wir von unserem Campground, rund 200 km vor Fort Nelson, aufgebrochen. Kein Grosstat, wenn man vor zehn ins Bett geht. Die frühe Stunde ist uns eigentlich sehr lieb, aber warum muss es schon wieder so regnen?

Wir treffen einen Elch – ein Mädel – in ziemlich desolatem Zustand, aber uns geht das Herz mit den Bären auf. Das Highlight ist ganz klar ein Duo, das über die Strasse rennt und dann gemütlich grast. Schwarzbären, natürlich. Einer kommt ganz nah ans Auto, vorsichtshalber machen wir mal das Fenster zu.

Fort Nelson ist so ähnlich, wie wir es erwartet haben: ein trostloses Kaff mitten in der Pampa, das ein paar Tankstellen und relativen grossen Andrang im Liquor Store hat. Im visitor center langweilen wir einen jungen Mitarbieter, also hauen wir auch bald wieder ab.

Was für ein Geschenk, mitten in der Wildnis Tieren zu begegnen. Wir können uns gar nicht sattsehen. aber bremsen nun auch nicht mehr bei jedem Bären. Wer hätte das noch vor ein paar Wochen gedacht ?

Stattdessen kämpfen wir uns über die nördlichen Rocky Mountains. Auf 1300 Meter Höhe haben wir noch ein Grad, der Regen wird zu Schneeregen, die Verkehrsschilder sind vereist. Das hat uns gerade noch gefehlt. Wir kommen unbeschadet davon: Zum Glück ist der weisse Spuk bald wieder vorbei.

Auf der Strecke von Fort Nelson bis Fort St. John gibt es im Prinzip nichts ausser Wildnis. Die zeigt sich aber von einer geradezu berauschenden Seite: Täler, Bäche, reissende Ströme, Wälder, Wälder, Wälder.

Ab und zu mal ein verlassenes Anwesen, auf dessen Fassade unbeholfen „Café“ gemalt wurde. Alles zerplatzte Träume, denken wir uns. Wie viele Menschen wohl mit grossen Rosinen im Kopf versucht haben, hier Fuss zu fassen! Die meisten sind sicherlich an sich selbst gescheitert. Denn es ist einsam hier, wirklich einsam. Und wir reden vom Sommer!
Uns kommen oft die blauäugigen Leute in den Kopf, die als Auswanderer bei Vox immer wieder beweisen, wie leicht es ist, abendfüllend zu scheitern.

Wegen des Regens haben wir sogar eine Bob Marley-CD in einem Truckstop gekauft. Karibische Klänge gegen beginnende Depression. Schon nach den ersten Klängen ist klar: Wir waren noch nie Bob Marley Fans. Wahrscheinlich hat der Himmel deshalb Mitleid mit uns und klart auf.

Die letzten paar hundert Kilometer ziehen sich wie Kaugummi. Kein Tier weit und breit, dafür unzählige Riesenmonster mit Anhang, also linienbusgrosse Wohnmobile, an denen alles mögliche vom Boot übers Quad bis zum Riesentruck hängt. Davon haben wir Tausende gesehen, und gefühlt werden es immer mehr.

Endlich in Fort St. John, sitzen wir auch schon bald bei einem Chinesen, mampfen uns durchs Buffet und trinken dazu ein Bier. Vor Müdigkeit fangen die Augen an zu schielen.

Das sind hier alles Entfernungen, mannomann!

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