Meer & mehr

Es ist noch nicht halb fünf, aber wir sind putzmunter. Juan hat das Anlegemanöver des Schiffes in Bella Bella mitbekommen, ich mehr im Traum als wach ein paar Lichter gesehen. Die Landschaft, die wir an diesem frühen Morgen vor Augen haben, ist faszinierend. Unter schweren Wolken schälen sich enorme Berge hervor, hochhaushohe Wasserfälle münden ins Meer. Es ist fast unwirklich. Wie gebannt sitzen wir an unserem Bullauge, werfen die Heizung an und bewundern stumm die Schönheit der Kulisse.

Juan sucht vergeblich eine Kaffeemaschine an Bord, aber um sechs öffnet die Cafeteria. Kaffee, Eier, Schinken – und auf der linken Seite in Fahrtrichtung zeigt uns ein Wal, wie hübsch er komplett aus dem Wasser springen kann. Einige klatschen vor Vergnügen, ich staune mit kugelrunden Augen, Juan bekommt sogar noch die Finne vor die Linse. Mannomann!

Leider regnet es jetzt, vier Stunden vor Prince Rupert, in Strömen. Trotzdem ist die Passage durch Nebelschwaden, vorbei an bergigen Inseln und riesigen Wäldern, ein einziger Genuss.

Wir sind ja nun nicht die typischen Camper, sondern eher interessierte Greenhorns auf dem Gebiet. Die wahren Camper nölen online, weil sie an Bord des Schiffes nicht in ihren teuer angemieteten Wohnmobilen mit slide-outs und allem Schnickschnack übernachten dürfen. Andere werfen sich mit ihrem Schlafsack irgendwo auf den Fussboden. Dritte lümmeln über Nacht auf relativ bequemen Sesseln mit eco-plus-comfort im Panoramaraum. Die etwas Verwöhnteren haben Kabinen gebucht. Innendeck für 120 Dollar, Aussendeck für 190. Und dann sind da noch wir 🙂 250 C$ hat unsere Luxuskabine für die 16-Stunden-Überfahrt gekostet – und sie war jeden Cent wert.

Die Fähre von Port Hardy nach Prince Rupert ist teuer, kostet für Rosie und uns fast 800 C$ als Grundpreis. Und natürlich haben wir hin- und hergerechnet, ob wir das machen sollen. Zum Glück haben wir uns einen Ruck gegeben! Das macht man einmal im Leben. Die meisten jedenfalls. Vor ziemlich genau drei Jahren haben wir in China auf dem Li River ein Paar aus Ohio getroffen, das die Ostasientour gern mit seinen Freunden gemacht hätte. Die haben abgewunken und sind lieber die Inner Passage gefahren. Zum zwölften Mal, wenn ich mich recht erinnere.

Wir sitzen direkt unter der Brücke mit riesigem Panorama, haben ein Bad mit Dusche, zwei Kojen, in denen man gut schlafen kann, Heizung, bzw. Klimaanlage, wie wir wollen, und richtig viel Platz. Als Gemeinschaftserlebnis sind wir beide uns genug, und trotz der 24/7-Nähe schmiedet noch keiner finstere Pläne (oder?). Trotz des miesen Wetters geniessen wir hier vor dem Fenster jede Sekunde. Augen immer offen, es könnte ja noch mal ein Wal auftauchen oder am Ufer in den Engen ein Bär. Schön, schön, schön!

Je mehr wir uns Prince Rupert nähern, je dichter wird der Regen. Der Ort wird ganz poetisch „Stadt der Regenbogen“ genannt – eine entzückende Umschreibung für den regenreichsten Ort von British Columbia.

Das Anlegemanöver verläuft viel reibungsloser als das Aufladen, aber wir sind doch ziemlich erstaunt, was für ein Theater hier um Autofähren gemacht wird.

Wir haben nach zweieinhalb Wochen Vancouver Island hinter uns gelassen und befinden uns in Prince Rupert wieder auf dem Festland. Der erste Weg führt uns wie oft in die tourist information: Wir hätten gern Karten und eine Empfehlung für einen Reifenhändler. Alle Mädchen lieben neue Schuhe, da macht Rosie keine Ausnahme. Der Münztest (und das Wissen um bevorstehende Pisten, einschliesslich der Rocky Mountains) macht die Entscheidung klar: die Hinterreifen müssen gewechselt werden. Ausserdem sind hinten auch Bremsbeläge dran. Bei Automotive Tires bekommen wir einen Kostenvoranschlag. Ob allerdings die Bremsen heute geschafft werden könnten, sei höchst fraglich. Völlig ernüchternd ist der Besuch bei Kal Tire, einer in ganz Kanada vertretenen Kette: Die Reifen könnten frühestens Freitag in einer Woche in Prince Rupert angeliefert werden, davor habe man auch keinen Termin für den Bremscheck. F***. Also wieder zu Automotive. Es ist kaum ein Uhr, wir haben nun Zeit bis kurz vor fünf. Und Regen. Viel Regen. Wir schlagen uns zu Fuss zum Hafen durch, teilen dort in einer Kneipe eine Pizza.

Was macht man sonst im Regen? Museum of Northern British Columbia. Architektonisch sehr schön mit viel Holz und Glas gebaut, die Ausstellung interessant über die Geschichte der Ureinwohner hier. Leider fallen uns mittlerweile die Augen zu. Einen sicherlich höchst lehrreichen Film sehen wir nicht zuende – wir wären eingepennt. Also noch ein paar Kostüme, Masken und Webereien, dann gucken wir nach Rosie. Die beiden neuen Reifen sind drauf, für die Bremsbeläge gab es kein Zeitfenster. Doof,
ziemlich doof. Der Chef gibt uns noch einen Tipp für Terrace. Mal sehen.

Wir beschliessen, Prince Rupert Richtung Osten zu verlassen: Über den Yellowhead Highway 16 fahren wir 160 Kilometer östlich nach Terrace. Der Weg ist ein einziger Traum: Vorbei an einem atemberaubenden Fluss, an riesigen Wasserfällen, die nicht einmal einen eigenen Namen haben, wir bewundern schneebedeckte Berge und schlängeln uns immer weiter ins Land.
Auch wenn Debbie, unsere Perle vom Schiff, vor Elchen und Bären gewarnt nat: Wir sehen kein einziges Tierchen mit Ausnahme von Adlern und Möven. Dafür wird das Wetter wieder besser.

 

In Terrace checken wir ins Rainbow Inn ein, das günstigste, von einem Inder (nicht Indianer!) geführte Motel im Ort. Der Mann aus dem Punjab gibt uns eine grosse Bude und den Tipp, bei Mr. Mikes downtown zu essen. Folgsam landen wir im Steakhaus, das offenbar auch unter indischer Leitung steht: Ein Sikh am Nachbartisch gibt Audienzen – ein bisschen wie beim Paten.

Wir essen richtig gute Spareribs, trinken pale ale und sind früh wieder im Motel. Das Zimmer teilen wir mit einigen Mücken, was zu einer aussichtslosen Jagd führt…

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