Landpartie

Der Plan ist gut und einfach: Solange auf einem Deckchair am Pool herumlümmeln, bis der Teint diesen ganz besonderen Goldton, den die Sonne nur im Mittelmeerraum hinkriegt, annimmt. Dazu ab und zu ein paar hundert Meter schwimmen, sich vielleicht mit einem Glas eisgekalten Weisswein abkühlen. Lesen, dösen, träumen.

Aufwachen! Es sind gerade mal 15 Grad, der Himmel ist so wolkenverhangen, dass man meint, der Tau würde die Füsse umspielen, der Pool ist eiskalt und der Blick geht flackernd in Richtung Grünteebeutel.

Plan B wurde an einen Baum genagelt: Flohmarkt in Ménerbes, nur etwa 15 Kilometer entfernt. Hier waren Starkes in einer traumschönen Bastide, hier wird heute verscheuert, was zu schade für die Verbrennung ist. Da wir nicht wissen, ob auch dieser Markt – wie fast alle in Frankreich – am frühen Mittag vorüber ist, machen wir uns auf den Weg. Manchmal, wenn die Wolken ein bisschen aufreissen, erkennen wir die atemberaubende Schönheit des Landes, durch das wir gerade fahren. Dann ist wieder alles dicht, manchmal so neblig, dass wir die Hand nicht vor Augen sehen können.

Geruhsam laufen wir im 1000-Seelen-Ort Ménerbes ein und fassen es kaum, wie gross der Flohmarkt ist. Mit einem bisschen Dusel finden wir einen Parkplatz ganz in der Nähe und machen uns auf den Weg. Tatsächlich wurde hier eher der Dachboden geräumt: Kaum Händler, das ist immer gut. Das Angebot unterscheidet sich wesentlich von Flohmärkten in Deutschland: Kaum frühes Tchibo und Tupperware, dafür viel Glas und Porzellan, toller Modeschmuck aus den 30er und 40er Jahren, Klamotten, Werkzeuge, Gerümpel und Gepümpel. Richtig interessant ist das Publikum, das sich zum Teil fein herausgeputzt hat. Wir gucken alles und jeden genau an. Das silberne art déco-Tablett, in das ich mich spontan verliebe, ist unverkäuflich. Ich säusele und plappere – nichts. Madame braucht das Teil zur Präsentation ihrer sehr schönen Gläser. Ich bin sogar bereit, die sechs 20er-Jahre-Likörschalen mitzukaufen, aber nein, Madame hat noch viel mehr Glas. Schade! Wieder nichts gekauft 🙂

Irgendwann haben wir jeden Fetzen betrachtet. Zeit, mal ein Auge auf Ménerbes zu werfen, das sich in mittelalterlichem Schick mit ein paar Renaissance-Elementen an einen steilen Hügel kuschelt. Da das gemeine Volk sich hauptsächlich auf dem Flohmarkt am unteren Ortsrand tummelt, gehört uns das Dorf fast allein. Uns und dem Regen, der nun einsetzt. Fast hätten wir den Gangster-Citroën, der uns zur Kirche ganz nach oben folgt, übersehen.

Klar, dass der Ausblick von der Bergkuppe phänomenal ist. Würde man denn etwas sehen. Aber Nebel und Wolken und Regen sind gegen uns. Trotzdem suchen wir für den Rückweg abenteuerlich schmale Strasse direkt durch die Weinfelder, sehen in Lacoste das Hinweisschild auf ein Schloss, dieses selbst aber wegen des mistigen Wetters nicht. Ganz klar: Das hier müssen wir uns alles noch einmal bei guter Sicht angucken.

Auf dem Rückweg fällt uns ein, dass wir überhaupt kein Brot mehr haben. Das ist sonntags blöd, wie wir in Apt schnell feststellen. Alles zu – bis auf eine Grossbäckerei mit angeschlossenem Snackcafé. Die Baguettes sind noch im Ofen, wir haben eine Viertelstunde Zeit, durch das menschenleere Apt zu gondeln, schnappen dann das Brot – und ab. Nach Hause.

Etwas später zeigt sich tatsächlich die Sonne! Das wollen wir für einen Spaziergang ausnutzen, entscheiden uns aber schnell um: Zurück Richtung Ménerbes, Landschaft gucken! Und es lohnt sich! In der schon tief stehenden Sonne leuchten die Weinblätter golden und rötlich, die Eichenwälder zeigen herbstliche Farben, und wir finden sogar das Schloss von Lacoste. Hier scheint sich eine Künstlerkolonie gegründet zu haben. In engen, mittelalterlichen Gassen blitzen hier und da Skulpturen, dazu mal ein Schild mit Hinweis auf einen Maler. Oben angekommen, bemerken wir den grossen Parkplatz. Ähem. Aber wären wir dorthin gefahren, hätten wir den beschwerlichen Weg durch die Schlossgassen nie gemacht und dadurch Wesentliches verpasst. Also: Alles richtig, Blick auf Kunst, Schloss und vor allem Landschaft.

Die Sonne ist schon hinterm Berg von Gordes, als wir wieder in Rabassan ankommen. Schöner Ausflug!

Abends reicht die Kraft gerade noch für Schnitzel und Salat, dazu gibt’s auf dem ipad einen Tatort, ohne den die cinéastische Welt auch nicht untergegangen wäre…

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