
Langsam kommen wir zu uns. Der Jetlag von vier Stunden, die sommerlichen Temperaturen, der Stopover im Hotel, weil die Wohnung noch nicht frei ist – wir akklimatisieren uns.
Da wir immer noch keinen Peso in der Tasche haben. düst Juan mit Reisepass am 2. morgens gleich los zu Western Union. Wir haben uns selbst Geld überwiesen, so gibt es den besten Kurs.
Und dann beginnt das alte Spiel: Trotz zahlreicher Filialen meldet sich Juan nach einer Stunde: auf dem Rückweg, kein Geld.
Die einen haben gar nicht erst aufgemacht, die anderen ein Schild in die Tür geklebt „gleich wieder da“, die dritten keine Pesos.
Kostet zwar ein paar Euros mehr, aber – das ist relativ neu – man kann ja viel mit Karte bezahlen.
Wir haben Zeit genug, lassen das überschaubare Gepäck an der Rezeption des Bisonte Libertad, schnappen uns ein Uber und lassen uns für lächerlich wenig Geld mitten ins Herz der Stadt bringen.
Auf der Calle Peru kennen wir eine grosse Western Union-Filiale. Und haben Glück: Keine Schlange. Nee, doch kein Glück. Kein Geld. „Wir warten auf den Lastwagen. Der müsste bald kommen.“
Bald ist relativ, darum laufen wir ein bisschen los. Auffällig, wie viele neue Läden mit importierter Ware es gibt. Zwar sehe ich von den grossen Ketten zunächst nur Zara, dafür riesige Klamottenläden, die Indian Store oder ähnlich heissen. Containerweise wird seit Milei aus China, Indien und sonstwo importiert. Die Inflation ist eingedämmt, aber die Leute haben kein Geld. Die Billigimporte machen den lokalen Handel kaputt, aber die Schraube lässt sich kaum zurückdrehen.
Wir wandern zum Regierungspalast an der Plaza de Mayo. Sehr verändert, denn die Zelte der sonst hier Protestierenden sind verschwunden, wir können fast bis zum Eingang ungehindert laufen. Das tun wir auch, inmitten chinesischer und brasilianischer Touristengruppen.
Zwar ist die Zahl der Touristen durch die heftig gestiegenen Preise im Land dramatisch zurückgegangen, zieht jetzt aber langsam wieder an.
Die Zeiten, zu denen Argentinien ein Billigreiseland war, sind eindeutig vorbei. Verglichen mit Deutschland ist das Land im Schnitt wohl immer noch 20 Prozent günstiger, aber je besser die Wohnviertel, desto ähnlicher die vergleichbaren Preise.
Wir werfen eine Blick in die Kathedrale, reihen uns ein vor dem Monument des San Martin, bevor wir noch mal bei unserem Western Union vorbeischauen.
Oh Wunder, der Laster hat es geschafft, wir holen einen dicken Stapel Papiergeld ab. 1000 Pesos, der kleinste Schein, sind ungefähr 58 Cent. Inzwischen werden auch 20000-Peso-Scheine gedruckt. Klingt alles viel mehr, als es ist.
Mit Hunderttausenden in der Tasche laufen wir den weiten Weg zurück ins Hotel. Übrigens immer mit den Augen überall: Es wird vermehrt von Überfällen berichtet, oft auch bewaffnet, Hat man Pech, gibt man am besten sofort alles, was man hat.
Aber wir sind vorsichtig, halten die iphones in der Tasche, gucken uns um, bevor wir sie für Fotos zücken, tragen Plastikuhren und überhaupt keinen Schmuck, Taschen vor der Brust. Im Grunde ist es in New York oder Berlin auch nicht viel anders. An den Strassen achten wir auf Mopeds, weil oft im Vorbeifahren geklaut wird. Aber auch das ist in Rom und Paris ebenso ratsam.
Wir wollen und werden uns auch nicht verrückt machen. Im Hotel holen wir nur schnell unsere Klamotten und einen Uber. Schon geht’s los nach Palermo, unserer gemieteten Heimat für die nächsten drei Wochen.
Der redselige Fahrer aus Venezuela schnattert bis zum Ziel über Gott und die Welt, gleitet dabei fix durch den Verkehr, der mir nicht ganz so irre wie gewohnt vorkommt. Die Fahrer scheinen sogar Ampeln und Fussgängerwege zu respektieren. Naja, darauf werden wir uns mal nicht verlassen.
Durch Palermo kreuzt unentwegt die Polizei, immer stumm, aber mit Blaulicht unterwegs. Das Viertel, das ein bisschen Eppendorf, ein bisschen Ottensen sein könnte, gilt als sicher.
Unser Apartmenthaus in der Amenabar 30 hat natürlich einen doorman. Doppelt hält besser. Die Bude ist so, wie wir sie erwartet haben: Nicht sehr gross, aber „mit alles“. Zum Haus gehören Pools und Fitnessstudio, genau gegenüber ist ein Dia, eine Supermarktkette, die vielleicht mit Penny vergleichbar wäre.
Wir lassen die Köfferchen fallen und gehen sofort einkaufen, denn schon gegen fünf besucht uns Ana, Juans Schwester. Einmal Rundumschlag mit Kaffee, Wasser, Wein, Brot und so, dazu ein paar Kekse, cracker und Dips. Preise insgesamt vergleichbar mit deutschen Discountern. Für viele Argentinier damit astronomisch hoch, wenn man ein Durchschnittsgehalt von 600 Dollar zugrunde legt.
So. Eingerichtet. Ana kommt, die Freude ist riesig. Auch wenn die Geschwister nahezu täglich Kontakt halten, ist der Moment des Wiedersehens immer ein besonderer. Ana kommt mit grosser Tüte: Weil Juan Reiskroketten à la Mamma so liebt, har Ana sie für uns nach Familienrezept zubereitet. Wunderbar! Wir kakeln einmal quer durch die Familienaktualitäten, bringen Ana später zum Zug.
Auf dem Rückweg beschliessen wir, kurz im Montecarlo einzukehren, das wir von früheren Besuchen kennen. Zu einem Glas Malbec gibt es je zwei Empanadas, gefüllt mit so zartem Fleisch, dass es laut Karte mit dem Löffel geschnitten wird. Pikant uns grossartig. Ich habe nie bessere gegessen. Wir sind angekommen.