Sucre. So arm. So reich.

Ein wunderbares Hotel im Herzen des kolonialen Zentrums von Sucre: die Villa Antigua. Natürlich gibt es in dem historischen Gebäude keinen Fahrstuhl, und wir kämpfen uns in den zweiten Stock hoch. Ein großes, schönes Zimmer mit Balkon wartet auf uns. Wir waren schon wieder stundenlang von Potosí im Bus unterwegs und haben Hunger. Sogar die Cafeteria des Hotels, das aus unerfindlichem Grund Bike Café heißt, ist erwähnenswert. Wir suchen uns ein schattiges Plätzchen auf der Terrasse. Es gibt gute Sandwiches auf frischem Baguette und dazu, wie inzwischen gewohnt, viel Wasser. Nur mit ihrem Espresso wollten sie uns offenbar vergiften.

Wir laufen ein bisschen ins Zentrum, auf die Plaza 25 de Mayo. Wunderschön und voller Leben. Wir bestaunen die koloniale Architektur aus dem 16. und 17. Jahrhundert, die hier wirklich authentisch ist. Man kommt sich vor wie in einem Dorf aus längst vergangenen Zeiten und vergisst völlig, dass man sich in einer 290.000-Einwohner-Großstadt befindet. Dazu passt auch ein Bild, das ich zu spät für ein Foto entdecke: Eine Frau in typischer Tracht geht mit ihrem Alpaka spazieren. Kaum zu glauben.

Da die Temperaturen mit 20 Grad perfekt und die Atmung deutlich leichter sind, wollen wir gleich noch die Kathedrale besuchen. Das geht nur in Kombination mit dem Museum der Kathedrale. Natürlich machen wir das, bewundern die Schätze aus der Kolonialzeit, die eitlen Gemälde und opulenten Roben des Klerus. Auffällig: nicht ein einziger Hinweis auf die reiche Kultur der Indigenen, von denen viele Inkablut haben. In der großen, opulenten Kathedrale sind wir mutterseelenallein und sehen uns umfänglich um. Welche Pracht! Was sich wohl die Einheimischen gedacht haben, als die Spanier im 16. Jahrhundert hier pompös auftrumpften?

Wieder auf der Straße setzen wir uns einfach auf eine Bank auf der liebevoll gestalteten Plaza. Und gucken. Den Taubenfütterern zu, den Indiofrauen, die unbedingt etwas verkaufen wollen, den Schulkindern, die in großen Gruppen durch den Park pflügen. Sehr lebhaft das Ganze, mit jedem Lidschlag wieder anders. Wir reißen uns nur los, weil es langsam frisch wird. Einen Moment legen wir im Hotel die Füße hoch. Dann gehen wir langsam auf Nahrungssuche. Wir haben schon einen ganz einfachen Hühnerladen im Blick. In einem kleinen Grill gibt es eine Tira de Asado und Hähnchen, dazu ein kühles Bier.

 

Tag 2

Das Frühstück in der Villa Antigua ist erwähnenswert. Es hilft mir auch ein bisschen auf die Beine, denn irgendwo habe ich mir eine Erkältung eingefangen.

Wie schön ist Sucre! Wegen der vielen Stolpersteine sollte man tunlichst davon absehen, ausschließlich die weißen Häuserfronten zu besichtigen, aber es ist schon sehr verlockend.

Kein Tag ohne Kirchen, den Anfang macht die Basilika des Heiligen Franz von Assisi mit prachtvollen Gold- und Silberverzierungen und der Freiheitsglocke. Das Bauwerk aus dem 16. Jahrhundert ist Teil des UNESCO-Welterbes im historischen Zentrum.

Von der christlichen direkt in die reale Welt: der Zentralmarkt von Sucre. Wir können uns einfach nicht sattsehen an der Vielfältigkeit der angebotenen Waren, an diesen fantastischen Gesichtern, denen wir überall begegnen. Schon hören wir ein vielstimmiges Konzert aus Rufen, Klirren, Hacken und Summen: Händler preisen ihre Waren an, Fleischhauer schlagen rhythmisch ihre Messer auf die Holzblöcke, Mixer verwandeln Früchte in süße Säfte.

Vieles verstehen wir überhaupt nicht, denn hier wird oft Quechua oder Aymara gesprochen, Sprachen, die mit dem Spanischen so gar nichts gemein haben. Es sind die Aromen, die einen von Stand zu Stand gefangennehmen. Großartig, einfach großartig.

Über eine Treppe, deren Stufen schon durchgelaufen sind, kommen wir in den zweiten Stock. Hier reihen sich die Saftstände dicht aneinander, jede Verkäuferin hat ihre eigene Art, die Früchte zu präsentieren. Frauen schälen mit geübten Händen Mango und Papaya, während ihre Kinder die Becher reichen.

Gleich daneben sitzen die Köchinnen der Mittagsgerichte hinter dampfenden Töpfen. Eine serviert Suppe, den Hauptgang und ein Glas Limonade. Ihre kleine Küche ist für Arbeiter, Studenten und Reisende ein Ort der Gemeinschaft, ein Stück Zuhause mitten im Trubel. In einer anderen werden Hähnchen gebrutzelt und Salate geschnippelt. Stand für Stand ein kulinarisches Erlebnis, dem wir aber widerstehen.

Auf dem Treppenabsatz haben sich Frauen niedergelassen, die Rucola und Cocablätter anbieten, andere haben Obst arrangiert oder einfach nur ein paar Zwiebeln. Berauschend! Im Erdgeschoss türmen sich die Obstberge, sorgfältig gestapelt wie kleine Kunstwerke. Ein älterer Mann mit wettergegerbtem Gesicht verkauft Früchte. Für ihn hat sich im Laufe der Jahre vielleicht die Architektur des Marktes verändert, doch die Arbeit bleibt dieselbe: früh aufstehen, die beste Ware auswählen, den Kunden mit Respekt begegnen.

In der Fleischsektion herrscht eine andere Geräuschkulisse, das Schlagen der Messer und das Rufen nach Kundschaft. Ganze Familien arbeiten hier, das Wissen über Schnitt und Qualität wird von Generation zu Generation weitergegeben.

Der Zentralmarkt ist ein Spiegel der Stadtgesellschaft, in den wir hineinblicken dürfen. Ein Ort, an dem Geschichten, Traditionen und Existenzen miteinander verwoben sind. Was für ein wunderbar sinnliches Erlebnis.

Auf einer Bank auf dem Vorplatz müssen wir erst einmal verschnaufen, den Kopf neu ordnen. Hier könnte man den ganzen Tag verbringen und einfach nur gucken. Es ziehen die unterschiedlichsten Menschen vorbei, mittelgroße Busse, viele mit chinesischen Schriftzeichen, verpesten die Luft und sorgen für lange Staus, Motorradfahrer schlängeln sich durch den Verkehr. Und wir bleiben einfach nur sitzen.

Etwas später entdecken wir die juristische Fakultät, die zu einer der ältesten Universitäten der Neuen Welt gehört: die Universidad San Francisco Xavier de Chuquisaca, gegründet 1624. Ein wundervoller Kolonialbau mit kühlenden Arkaden verzaubert uns. Eine Jesuitenkirche, nur ein paar Meter weiter, können wir nicht besichtigen: Sie gehört zu einem privaten College, dessen Schulkinder gerade die Straße fluten. Auch ihnen sehen wir zu, von einem kleinen Park gegenüber der Fakultät der Schönen Künste aus, bevor es langsam über die Plaza 25 de Mayo für eine Siesta ins Hotel geht.

Anders als in anderen lateinamerikanischen Städten gibt es hier kein einziges Straßencafé. Wir sind ein bisschen müde und wie benommen von diesen vielen, so unterschiedlichen Eindrücken.

Am Ende eines langen Tages in Sucre führt uns der Weg ins Museo del Tesoro, ein kleines, feines Haus gleich neben der Plaza 25 de Mayo. Der Eintritt ist mit 40 Bolivianos festgelegt und nur im Rahmen einer Führung möglich. Normalerweise meiden wir sowas, doch diesmal erwies sich die Entscheidung als Glücksfall. Unser Guide, ein Mann mit der ruhigen Präzision eines Geologen, lässt die Vitrinen lebendig werden. Mit sicherer Hand beleuchtet er eine nach der anderen, erklärt die Geschichte des Silber- und Goldabbaus, der Bolivien seit der Kolonialzeit prägt, und führt uns durch die funkelnde Welt der Edelsteine. Schmuckstücke aus Citrin und Amethyst glitzern im Licht, doch am meisten faszinierte uns ein Stein, den wir zuvor nie gehört hatten: Bolivianit, international als Ametrin bekannt.

Dieser zweifarbige Edelstein, halb violett, halb golden, entsteht durch die seltene Kombination von Amethyst und Citrin. Er wird ausschließlich in der Anahí-Mine im Departamento Santa Cruz gefunden und gilt als einzigartig in der Welt. Besonders in arabischen Ländern erfreut er sich großer Beliebtheit, nicht nur als Schmuck, sondern auch als Symbol für Harmonie und Balance. Das Museum selbst ist ein privates Projekt, eröffnet 2015, und zeigt neben Edelsteinen auch Modelle von Minen, präkolumbische Metallarbeiten und zeitgenössische Goldschmiedekunst. Es erzählt die Geschichte eines Landes, dessen Reichtum an Bodenschätzen – Silber, Zinn, Gold, Lithium – seit Jahrhunderten Begehrlichkeiten weckt.

Am eindrucksvollsten aber ist das Schlusswort unseres Guides: „Bolivien ist ein Land mit ungeheurem Reichtum an Bodenschätzen. Doch es fehlt an Unterstützung und Know-how, um diesen Reichtum für das Volk nutzbar zu machen.“ Ein Satz, der nachhallt. Denn während Bolivien heute über die größten Lithiumreserven der Welt verfügt, bleibt die Frage offen, ob es gelingt, diesen Schatz in eine nachhaltige Zukunft zu verwandeln. Oder ob er, wie einst das Silber von Potosí, wieder nur andere Imperien bereichert.

Nach oben scrollen
andando
Privacy Overview

This website uses cookies so that we can provide you with the best user experience possible. Cookie information is stored in your browser and performs functions such as recognising you when you return to our website and helping our team to understand which sections of the website you find most interesting and useful.

You can adjust all of your cookie settings by navigating the tabs on the left hand side.