
Wir sind relativ früh auf den Beinen, frühstücken zuhause, verabreden uns mit Schwester Ana und machen uns auf den Weg.
Mit dem Bus Nr. 64 geht es von unserer ein paar hundert Meter entfernten Haltestelle an der Avenida Santa Fe quer durch die Stadt in eine andere Welt. Die Welt der Marktliebhaber im Viertel San Telmo.
Hier beginnt den Sonntag früher als in anderen Teilen von Buenos Aires. Noch bevor die Stadt richtig in Bewegung kommt, füllt sich die Calle Defensa mit den ersten Ständen. Der Markt ist kein Spektakel, sondern eine Routine, die sich über Jahrzehnte etabliert hat. Wann immer wir in der Stadt sind, zieht es uns sonntags hierher.
Es gibt Antiquitätenhöker, die kennen wir schon seit dreißig Jahren. Wie gegossen verharren sie immer an denselben Plätzen. Man stöbert dort in Silber, Kitsch und Kunst, hört im Hintergrund immer Tangomusik.
Dieses Viertel ist nicht schick, dafür authentisch und hat es uns mit den tollen Geschäften, Bars und Restaurants einfach angetan. Nicht nur sonntags, wenn wir x tausend Touristen durch die Strassen stromern.
Bis zur Gelbfieberepidemie von 1870 war San Telmo ein Viertel der Oberschicht. Mit der Flucht der wohlhabenden Familien veränderte sich die Struktur abrupt. Zurück blieben große, leerstehende Häuser, die nach und nach von Einwanderern und Arbeitern übernommen wurden.
Diese Mischung aus Verfall und Wiederbelebung prägt das Viertel bis heute. Vieles ist schon restauriert, bei anderem fürchte ich manchmal, dass es schon im Vorbeigehen zusammenkracht. Apropos Gehen: Besser behält man immer im Blick, wohin man gerade läuft. Nicht nur wegen der Hundehaufen, die man in anderen Vierteln kaum sieht, eher wegen der Stolperfallen. Mal ein tiefes Loch, dann wieder Gehwegplatten, die sich übereinander legen. Beliebt zum Straucheln sich auch flache Treppenstufen…
Wir treffen Ana in einem Café und ziehen los.
Der Mercado de San Telmo, eine Markthalle aus dem späten 19. Jahrhundert, war ursprünglich ein klassischer Versorgungsort. Erst später kamen Antiquitätenhändler hinzu, die in den alten Häusern der Umgebung Objekte fanden, die sich verkaufen ließen.
In den 1970er Jahren verlagerte sich ein Teil des Handels auf die Straße. Was als Ergänzung begann, entwickelte sich zu einem eigenständigen Markt, der sich über mehrere Blocks ausdehnte. Heute ist die Markthalle vor allem voll. Wir schenken uns das Geschiebe um die Fressstände und schlendern weiter ins Zentrum des Geschehens.
Die Plaza Dorrego ist der zentrale Punkt des Marktes. Straßenkünstler und Tangotänzer gehören zum Bild, doch sie wirken weniger wie eine Inszenierung als wie ein fester Bestandteil des Viertels.
Der Platz dient als Orientierungspunkt für Besucher, aber auch für Händler, die hier seit Jahren ihre Stände aufbauen. Eine Tangoschule präsentiert sich mit ihren Eleven, alle Smartphones sind in der Luft, alle Vorsichtsmassnahmen offenbar ausser Betrieb. Der Markt mit seinen oft wohlhabenden Touristen ist natürlich das Dorado der Taschendiebe. Wir zücken die phones nur verhalten, nie im Gedrängel und verstauen sie subito wieder sicher.
Wer über den Markt geht, bewegt sich durch eine Sammlung von Gegenständen, die oft mehr über die Stadt erzählen als offizielle Museen: alte Siphonflaschen, Fotografien, Möbelstücke, Kunsthandwerk.
Der Markt funktioniert wie ein offenes Archiv, das ständig ergänzt wird und dessen Bestand sich jede Woche verändert.
Der Erfolg des Marktes liegt weniger im Handel selbst als in der Atmosphäre, die er erzeugt: eine Mischung aus historischer Bausubstanz, alltäglichem Betrieb und einem gewissen Improvisationscharakter. Sehr guckig, und es wird deutlich mehr gestöbert als gekauft.
Wir halten bei sommerlich-gemäßigten Temperaturen von um die 25 Grad Ausschau nach einem Ort für einen leichten Mittagssnack. Leider ist das La Poesia bis auf den letzten Platz besetzt. Also weiter. Das Suelta kriegt uns, die kolumbianische Truppe kümmert sich rührend. Wir wollen eine kleine Aufschnitt-Köseplatte. Gibt es nicht auf der Karte, aber aus der Küche. Improvisation ist Teil der normalen Lebensweise.
Ein bisschen angeschickert und ausgesprochen fröhlich vom guten roten Hauswein kapern wir zu dritt den Bus 39 und lassen uns wieder quer durch die große, große Stadt fahren. Juan und ich steigen in Palermo aus, Ana hat noch eine Stunde vor sich. In jeder Hinsicht riesig, diese Stadt.