
Da sind wir wieder. In dieser Stadt ganz im Norden Argentiniens, die uns lächeln lässt. Bei unserem ersten Besuch vor 30 Jahhren sind wir hier in den weltberühmten Tren de las nubes, den Zug hoch in die Anden geklettert. Unvergesslich! Das nächste Mal ging es bodenständiger zu: Wir brauchten neue Reifen für unser Auto, bevor wir damit über die Anden gefahren sind. Und nun zu dritten Mal. Diesmal sind wir von Córdoba eingeflogen. Knapp 80 Minuten, zwischendurch ein bisschen turbulent, haben uns noch weiter von Buenos Aires entfernt und näher an die Anden gebracht. Ohne grosse Pläne für die Stadt, von der wir schon viel gesehen haben. Knapp vier Tage haben wir Zeit.
Salta la linda, die Schöne empfängt uns mit einer Ruhe, die fast trügerisch wirkt, denn unter der Oberfläche pulsiert Geschichte. Schon am ersten Morgen, als wir vom Frühstücksraum unseres Hotels Salta auf die Plaza 9 de Julio blicken, sehe ich, wie die Stadt langsam aufwacht: die Polizistin, die den Verkehr regelt, Straßenkehrer, die den Staub der Nacht zusammenfegen, ein paar frühe Schuhputzer, die ihre Kisten zurechtrücken, und Mütterchen, die ihre gehäkelten Lamas aus kleinen Plastiktüten holen und sorgfältig auf Tüchern ausbreiten. Manche von ihnen sitzen schon seit Jahrzehnten hier, erzählen die Einheimischen. Sie gehören zur Plaza wie die Palmen, die Arkaden, die Schmuckbastler und Maler.
Als wir später über den Platz gehen, wirkt alles wie eine Mischung aus kolonialem Bühnenbild und lebendigem Alltag. Die Arkaden werfen Schatten, und darunter sitzen Männer mit Boinas, den Mützen der Gauchos, die aussehen, als wären sie gerade vom Pferd gestiegen. Aber sie sind die Ausnahme. Statt Folklore herrscht auch in Salta der Look einer jeden Stadt vor: Jeans, T-Shirts, unverzichtbares Handy.
Am Nachmittag, als die Sonne tiefer steht, tauchen manchmal junge Gauchos auf, die zu Musik aus der Konserve. Ihre Stiefel schlagen rhythmisch auf das Pflaster, und für einen Moment wirkt die Plaza wie ein Dorfplatz irgendwo im Hinterland, weit weg von jeder Stadt. Dafür werden ein paar Pesos lockergemacht.
Zwischen all dem laufen Kinder herum, manche mit Bonbon-Tüten, andere mit kleinen selbstgebastelten Dingen, die sie für ein paar Pesos verkaufen wollen. Sie sind scheu, aber wachsam, flink, mit einem Blick, der viel älter wirkt als ihr Alter. Ein kleiner Junge will uns Socken verkaufen, die wir nicht brauchen. Dann eben nicht. Irgendwer wird schon zuschlagen. Die indigenen Gesichter der Andenvölker sind hier überall zu sehen, hinzu kommen viele Mestizen und nur wenige Touristen.
Die Stadt trägt ihre Geschichte mit einer Selbstverständlichkeit, die mich immer wieder überrascht. Gegründet 1582 von Hernando de Lerma, war Salta von Anfang an ein Knotenpunkt zwischen den Welten: zwischen den Silberminen von Potosí und den Pampas, zwischen indigenen Kulturen und spanischer Krone. Diese Rolle lesen wir nach im Cabildo, dem alten Rathaus, das als einziges seiner Art in Argentinien vollständig erhalten geblieben ist. Die Innenhöfe sind kühl und still, die schweren Türen wirken, als hätten sie schon tausendmal politische Entscheidungen gehört. In den Vitrinen stehen koloniale Möbel neben Keramik der Diaguita-Kultur, und irgendwo hängt ein Porträt von Martín Miguel de Güemes, dem Sohn der Stadt, der Anfang des 19. Jahrhunderts mit seinen „Infernales“ die Nordgrenze gegen die Spanier verteidigte. Seine Geschichte ist hier nicht Vergangenheit, sondern Teil der Identität.
Auch die Kirchen erzählen davon. Gefühlt haben wir sie alle besucht: die Kathedrale mit ihrer rosa Fassade, die Iglesia San Francisco mit ihrem rot-goldenen Turm, die Jesuitenkirche, die stiller wirkt, aber nicht weniger eindrucksvoll. Was mich am meisten berührt, sind die Menschen darin. Die langen Schlangen vor den Beichtstühlen, die stille Inbrunst der Gläubigen, die Art, wie ältere Frauen Rosenkränze zwischen den Fingern drehen, während draußen Kinder lachen und Händler ihre Waren ausrufen. Diese Gleichzeitigkeit von Andacht und Alltag ist typisch für Salta.
Zwischendurch zeigt sich das Wetter mild: ein paar Tropfen Regen, um die 22 Grad, genau richtig, um sich treiben zu lassen. Wir schlendern durch die Straßen, kaufen Kleinigkeiten für die bevorstehende Anden-Überquerung, beobachten Szenen, die sich wie kleine Geschichten aneinanderreihen. Ein Schuhputzer, der einem Geschäftsmann die Schuhe poliert, während dieser geduldig sein Smartphone inspiziert. Ein Mädchen, das mit einer Freundin auf dem Bordstein sitzt und Armbänder knüpft. Ein alter Mann, der Tauben füttert und dabei aussieht, als würde er immer denselben Platz besetzen.
Morgen verbringen wir noch den Tag hier, bevor wir in der Nacht in den Andesmar‑Bus nach Calama steigen. Ich stelle mir vor, wie wir nach fünf, sechs Stunden mit dem ersten Tageslicht an der chilenischen Grenze stehen, irgendwo auf 4000 oder 5000 Metern, die Luft dünn, die Landschaft karg und weit. Von den argentinischen Salzflächen werden wir wohl nicht viel sehen, aber allein der Gedanke an die Abfahrt hinunter in die Atacama‑Wüste hat etwas Magisches. Es ist dieser typische südamerikanische Übergang: von kolonialen Arkaden zu vulkanischen Hochplateaus, von tanzenden Gauchos zu endlosen Salzflächen.
Und bis dahin genießen wir einfach noch ein bisschen Salta. Und lächeln.