Kopf an Kopf. Por una cabeza.


Zugegeben: Die 100 Euro, die ich mit Nr. 3, Enjoy Dancing, an diesem Sonntag auf dem Hippodrome von Buenos Aires gewonnen habe, reichten nicht ganz für das Mittagessen mit Ana bei einem putzigen Italiener. Auch Anas 25-Euro-Gewinn auf die reinrassige Nr. 9 spielte keine Rolle. Aber gefreut haben wir beiden uns wie die Kinder. Meine Schwägerin hat es nun mit über 70 geschafft, erstmalig auf die Rennbahn ihrer Heimatstadt zu kommen, für mich war es hier nach einem Besuch vor ein paar Jahren schon der zweite Renntag. Ein Erlebnis so schön wie das andere.

Die Rennbahn von Palermo wirkt an diesem Nachmittag wie ein Ort, der sich selbst beim Altern zusieht. Die Tribünen aus der Belle Époque stehen noch immer aufrecht, aber ihre Kanten sind weicher geworden, die Farbe stumpfer. Menschen bewegen sich langsam über die breiten Stufen, als würden sie sich an ein Ritual halten, dessen Ursprung niemand mehr genau kennt.

Die Besucher kommen aus allen Teilen der Stadt. Nirgendwo sieht man rennplatzmässige Hüte, dafür ein paar Baseballcaps. Einige tragen Jacketts, andere T‑Shirts, manche wirken, als hätten sie den Weg hierher im Schlaf gefunden. Ein Mann mit Sonnenflecken auf den Händen hält einen zerknitterten Wettschein zwischen zwei Fingern, als wäre er ein medizinischer Befund. Er sagt, er komme seit Jahrzehnten. „Manchmal gewinnt man“, sagt er. „Aber das ist nicht der Punkt.“ Er sagt es, ohne zu erklären, was dann der Punkt ist. Ein Familienverband direkt vor uns auf der Treppe neben der Zielgerade jubelt auf, um dann enttäuscht wieder zusammenzusinken. Über einen Spickzettel gebeugt tüfteln die Männer neue Einsätze aus. 

Die Rennbahn ist ein Ort, an dem Menschen ihre Routinen pflegen. Manche stehen an denselben Geländern wie vor zwanzig Jahren. Andere sitzen auf denselben Bänken, mit denselben Freunden, denselben Gesprächen. Die Pferde wechseln, die Jockeys wechseln, die Stadt verändert sich,  aber die Rennbahn bleibt ein Konstante, ein Ort, an dem Zeit nicht linear verläuft, sondern in Schleifen.

Über allem liegt der Schatten von Carlos Gardel, auch wenn er hier nicht erwähnt wird. „Por una cabeza“  Kopf an Kopf, ist kein Lied, das gespielt werden muss, um präsent zu sein. Es ist Teil der kollektiven Erinnerung. Ein Tango über Männer, die glauben, dass das nächste Rennen das entscheidende sein könnte. Und über die Art von Hoffnung, die sich nicht abnutzt, selbst wenn sie sich ständig als falsch erweist.

Kurz vor dem Start wird es still. Die Pferde treten auf die Bahn, begleitet von einem Geräusch, das irgendwo zwischen Metall und Atem liegt. Die Tiere wirken konzentriert, fast misstrauisch. Die Jockeys sprechen nicht. Die Zuschauer auch nicht. Es ist ein Moment, in dem alle Beteiligten denselben Gedanken haben, ohne ihn auszusprechen.

Der Startschuss fällt. Die Menge bewegt sich wie ein einziger Körper nach vorn, starrt auf riesige Monitare, dann aufs Geläuf: Da kommen sie. Einige schreien, andere flüstern, manche bleiben reglos. Die Pferde rasen vorbei, Staub steigt auf, und für ein paar Sekunden wirkt die Rennbahn wie ein Ort, an dem sich das Schicksal tatsächlich materialisieren könnte. Danach ist alles wieder normal. Gewinner lächeln. Verlierer sehen auf ihre Schuhe. Ein Mann zerreißt seinen Wettschein in zwei Teile und lässt sie fallen. Niemand hebt sie auf.

Die Rennbahn ist kein romantischer Ort. Sie ist ein Ort, an dem Menschen ihre eigenen Muster beobachten können, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Ein Ort, an dem Hoffnung eine alltägliche Handlung ist, wie Kaffee trinken oder Zeitung lesen. Ein Ort, an dem die Stadt ihre Widersprüche nicht versteckt, sondern ausstellt.

Am Ende des Tages leert sich die Tribüne schnell. Die Sonne ist weg, die Luft wird kühl. Ein paar Männer bleiben noch, als könnten sie die letzten Minuten des Tages festhalten. Vielleicht warten sie auf ein Zeichen. Vielleicht nur auf den nächsten Sonntag.

Gleich um die Ecke noch mal der Blick auf ein überlebensgrosses Gardel-Portrait. „Por una Cabeza“ geht einem einfach nicht aus dem Kopf. Daneben..  Kann es sein? Tatsächlich. So gross wie Gardel entdecken wir Lionel Messi, gemalt im perfekten Tango-Outfit. Argentinien feiert seine Helden. Alle setzen auf Sieg. Wir drei brauchen ein Bier.

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andando
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