
Erstaunlicherweise ist Federico pünktlich, um gemeinsam mit uns ein bisschen Kunst zu atmen.
Juan und ich gehören wohl zu den Reisenden, die neben unzähligen Kathedralen, Kirchen und Kapellen einige der großen Museen der Welt wie alte Freunde kennen. Wer reist wie wir, trägt eine Art inneren Museumskompass in sich, und dieser Kompass schlägt in Buenos Aires beim Museo Nacional de Bellas Artes aus.
Schon im Eingang strahlt dieses Haus der schönen Künste etwas Besonderes aus. Vielleicht liegt es daran, dass das Bellas Artes nicht versucht, ein Louvre des Südens zu sein. Es ist kein Palast, der Respekt erzwingen will. Von außen wirkt es sachlich, man fühlt sich hier willkommen, erstarrt aber nicht gleich in Ehrfurcht. Kein Gedränge, keine Überinszenierung. Man tritt ein und ist einfach da. Ein ähnliches Gefühl hatten wir hier in der Stadt schon im MALBA.
Am frühen Nachmittag liegt über dem Stadtteil Recoleta dieses besondere Licht, das Buenos Aires so gut kann: weich, warm, ein bisschen melancholisch. Vor dem Museo Nacional de Bellas Artes sammeln sich Besuchergruppen, manche mit Thermobecher, andere mit Kameras, wieder andere einfach mit Zeit. Das Museum wirkt von außen fast bescheiden – ein ehemaliges Pumpwerk, das sich nicht aufdrängt. Doch wer die Stufen hinaufgeht, spürt sofort, dass hier etwas Größeres beginnt.
Drinnen herrscht eine Ruhe, die in dieser Stadt selten ist. Die aktuellen Ausstellungen zeigen, wie sehr das Bellas Artes im Moment in Bewegung ist. Themen wie Fantasie und Wissenschaft, Ägyptomanie, argentinische Malerei des 20. Jahrhunderts – das Haus öffnet sich, experimentiert, lädt ein. Es ist ein Museum, das nicht nur bewahrt, sondern spricht.
Dabei könnte es eine lange Geschichte erzählen. Als das Bellas Artes 1896 gegründet wurde, war Argentinien ein Land im Aufbruch, stolz, ehrgeizig, europäisch orientiert. Die ersten Sammlungen spiegelten genau das: Goya, Rembrandt, Monet, Rodin. Kunst als kulturelles Kapital einer Elite, die zeigen wollte, dass Buenos Aires auf Augenhöhe mit Paris und Madrid steht.
Der Umzug 1933 in das heutige Gebäude markierte einen Wendepunkt. Aus dem industriellen Bau wurde ein eleganter Kunsttempel, und gleichzeitig begann das Museum, sich stärker dem eigenen Land zuzuwenden. Die argentinische Moderne zog ein: Berni mit seinen sozialkritischen Szenen, Quinquela Martín mit seinen Hafenbildern, Pettoruti mit seinen kubistischen Experimenten. Das Bellas Artes wurde zu einem Spiegel der argentinischen Seele voller Widersprüche, voller Energie. Wir lernen Künstler kennen, deren Namen hier mit Ehrfurcht genannt werden, uns Banausen nicht einmal vom Klang bekannt vorkommen.
Wer heute durch die 32 Säle geht, erlebt diese Mischung von europäischer und lateinamerikanischer Kunst unmittelbar. Ein Raum mit Rodin, der größten Sammlung außerhalb Frankreichs. Ein paar Schritte weiter Van Gogh, Monet, Chagall. Zwar ist das Haus gut besucht, aber ich stehe mutterseelenallein vor einem Chagall, betrachte daneben einen van Gogh, drehe mich zu einem Renoir um und spüre den prüfenden Blick einer Gauguin-Schönheit im Nacken. Derweil sind die beiden Männer in einem anderen Raum allein mit Monet, Sisley und Manet. Und dann die argentinischen Meister, die mit ihren Farben, Themen und Blickwinkeln eine ganz eigene Welt öffnen. Es ist ein Museum, das erzählt. Wunderbare Geschichten.
Zwischendurch bleibt man stehen, weil ein Detail hängen bleibt: ein Pinselstrich, ein Gesicht, ein Hafen im Morgennebel. Das Bellas Artes ist kein Ort, den man „macht“. Es ist ein Ort, an dem man verweilt. Ein Haus, das sich Zeit nimmt und dem man selbst Zeit geben möchte.
Und während man durch die Räume geht, wird klar, dass das Museum längst nicht am Ende seiner Entwicklung steht. Die digitale Sammlung wächst, Kooperationen mit internationalen Häusern nehmen zu, neue kuratorische Ansätze holen Themen wie Migration, Identität und Ökologie ins Zentrum. Das Bellas Artes wird politischer, offener, dialogischer. Es will nicht nur zeigen, sondern verbinden. Auf einer der zahlreichen Steinbänke ruhe ich mich einen Moment aus und kann nicht fassen, dass zwei wunderbare Modiglianis mir Gesellschaft leisten. Meine beiden Begleiter haben Mühe, sich von Paul Klee und Kandinsky loszueisen, versinken dann sofort in die modernen Argentinier, die hier furios kuratiert wurden. Nach zwei atemberaubenden Stunden können wir einfach nicht mehr aufnehmen. Die Füsse mögen nicht mehr, der Kopf schon gar nicht.
Wieder auf der Straße, ist Buenos Aires lauter, heller, schneller als zuvor. Doch etwas bleibt: das Gefühl, dass dieses Museum mehr ist als eine Sammlung. Es ist ein Gedächtnisort, ein öffentlicher Raum, ein Stück argentinische Zukunft im Kleid der Vergangenheit.
Wir bewegen uns bei gleissendem Sonnenlicht und Temperaturen um 30 Grad aus einem der wichtigsten Kunstzentren Argentiniens direkt in das Herz von Recoleta. Das Bellas Artes liegt nur wenige Gehminuten von einem weiteren historischen Bezugspunkt entfernt: dem berühmten Friedhof La Recoleta mit seinen kunstvollen Gräbern und Mausoleen, der allerdings so überlaufen wurde, dass man ihn – im Gegensatz zum Museum – nur gegen einen gepfefferten Eintrittspreis besuchen kann. Den beeindruckenden Ort haben wir bei vergangenen Reisen schon häufiger bewundert, deshalb streben wir ohne Umweg einem kühlen Bier entgegen. Im historischen Café La Biela.
Der Weg führt über die Plaza Francia, einen beliebten Treffpunkt für Besucher und Anwohner. Zwischen heute verwaisten Kunsthandwerksständen und Grünflächen öffnet sich der Blick auf die Iglesia del Pilar und den Eingang zum Recoleta-Friedhof. Direkt daneben befindet sich La Biela, eines der traditionsreichsten Cafés der Stadt.
Das Lokal existiert seit dem 19. Jahrhundert und entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte vom einfachen Straßencafé zum Treffpunkt für Piloten, Motorsportbegeisterte und später auch für Schriftsteller und Intellektuelle. In den 1950er Jahren erhielt es seinen heutigen Namen, eine Anspielung auf die Pleuelstange im Motor (das habe ich natürlich alles nachgelesen). Heute gilt La Biela als Café Notable und ist fester Bestandteil der kulturellen Identität des Viertels.
Die Terrasse unter dem großen Gummibaum ist ein markanter Bestandteil des Ortsbilds. Besucher nutzen sie als Ruhepunkt nach einem Museumsbesuch oder einem Rundgang durch Recoleta. Kellner in klassischer Uniform – weisses Hemd, schwarze Hose, dunkelgrüne Schürze -, ein konstanter Strom an Touristen und Stammgästen sowie die Nähe zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten machen das Café zu einem festen Bestandteil vieler Stadtspaziergänge. Uns dreien ist es auf der Terrasse zu warm, wir lassen uns im Café nieder.
Wir genießen das Ambiente, die Rennfahrer-Nostalgie, das kalte Bier, die pittoresken Kellner und das vielschichtige Publikum. Ein schöner Tag. Ein anstrengender Tag.