Bevor wir uns in Hamburg ein bisschen auf unsere Lateinamerika-Reise vorbereitet haben, hätte ich gewettet, dass La Paz die Hauptstadt von Bolivien ist. Kennt man doch!
Die Wahrheit ist eine andere: Sucre ist die verfassungsmäßige Hauptstadt des Landes, während La Paz der Regierungssitz ist. Diese Doppelstruktur macht Bolivien einzigartig.
Sucre gilt als „weiße Stadt“ mit kolonialem Erbe und ist der Ort, an dem 1825 die Unabhängigkeit erklärt wurde. Verfassungsmäßig ist sie damit Hauptstadt. La Paz hingegen ist das politische Zentrum und die höchstgelegene Regierungshauptstadt der Welt.
Nun also auf nach Sucre. Natürlich klappt es mit dem vorbestellten Taxi zum Busbahnhof nicht. Wir halten den ganzen Verkehr auf und schnappen uns einen Wagen von der Straße. Ganz anders als das alte Terminal ist das neue groß, luftig, modern. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass bei diesem Bau Chinesen die Hand im Spiel hatten.
Wie auch immer: Wir klettern kurz vor zehn in einen Bus der Firma Trans Emperador, der auch schon bessere Tage gesehen hat. Das lässt sich nun auch nicht mehr ändern.
Wir sind wieder auf Achse – und das bekommt gerade eine ganz neue Bedeutung: Wir sitzen direkt über der Achse unseres Busses. Und es holpert. Und holpert. Wir klappern uns hoch und runter durch Potosí, halten irgendwo lange in der Hoffnung auf neue Passagiere. Das wird nichts. Wir bleiben zu sechst.
Das ändert sich dann doch noch: Es kommen weitere Fahrgäste, aber wir stehen hier auch schon eine Stunde an einer nicht bezeichneten Stelle. Es beginnt zu nerven, und von Minute zu Minute wird der Bus voller.
Wir rühren uns noch immer nicht von der Stelle, sind irgendwo in Potosí. Versteht sich, dass auch quengelnde Kinder jetzt an Bord sind. Es geht schleppend weiter. Der Bus hält auf jedes Handzeichen. Und die werden oft gegeben.
Es ist 11:20, und wir sind immer noch in der Stadt. Zur Unterhaltung hat der Fahrer nun auch noch das Radio eingeschaltet.
Die ersten „¡Vamos!“-Rufe werden laut. Das wird doch nie etwas mit der Ankunft um zwei… Als wenn Zeit eine Rolle spielte!
Irgendwann geht es natürlich doch los. Viele Baustellen auf der Strecke, komplett abgebrochene Dorfpläne. Irgendwer hat irgendwo angefangen zu bauen, das Skelett dann unvollendet stehen lassen. Genau wie seine Nachbarn.
Die Gegend zwischen Potosí und Sucre ist zum Teil sehr kultiviert: ein paar Kühe, Plantagen, riesige Hühnerfarmen und weites Land. Dazwischen immer wieder Bauruinen wie abgebrochene Träume.
Dann wieder das imposante Massiv der Anden. Die Straße ist kurvenreich, und wir sehen viel Grün, noch mehr blankes Gestein, ab und zu sogar einen halb ausgetrockneten Flusslauf. Mais und Kartoffeln werden oft angebaut, manchmal sogar Blümchen, die wie ein Anachronismus vor den Felsen wirken. Hier gibt es keine Vorgärten, keine gemütlichen Terrassen für den nachmittäglichen Kaffee. Es wird gearbeitet – oder eben auch nicht. Alles unterliegt der Zweckmäßigkeit.
Außer bei den Schulkindern bemerken wir kaum Gruppen, die zusammenstehen und klönen. Jeder kämpft, wie es scheint, für sich allein. Wir vermissen den Charme der unberührten Landschaft. Aber das ist natürlich purer Egoismus. Auf diesem Hochplateau wird auf 3300 Metern Höhe dafür gesorgt, dass die Menschen zu essen haben.
Die Landschaft verändert sich Richtung Sucre dann doch wieder: Berge und Felsen, auf enger Straße klappert unser Bus der Hauptstadt entgegen. Inzwischen haben wir „Full House“ und entsprechende Klangunterstützung: Handys mit Musik, Videospielen und Telefonaten. Die Fenster sind geöffnet – unsere Klimaanlage!
Wir passieren einige Aussichtsplattformen, die aber leider übelst zugemüllt sind. Das vergällt manchmal den wunderschönen Blick in tiefe Täler und Schluchten.
Die Straße schlängelt sich durch die Berge und wir sehen durchaus Abgründe – mal rechts, meist links. Aber die Fahrt hat nichts mit bolivianischen Alptraumstrecken zu tun. Naja, fast nichts. Und wir haben einen vernünftigen Fahrer.
Die Atmung wird leichter, wir sind auf 2 500 Meter Höhe. Wohl kein Coca-Bonbon aus der Apotheke mehr nötig. So wie es aussieht, erreichen wir Sucre tatsächlich pünktlich um 14 Uhr. Es klappt fast.
Mit einem entzückenden Taxifahrer, dessen Leben wir bald schon umfänglich kennen, fahren wir ins koloniale Herz der Stadt. Unser Hotel Villa Antigua hält, was seine vier Sterne versprechen.
Schade eigentlich: Mein Moleskine von anno dazumal heißt heute iPhone. Auf der anderen Seite ist dadurch natürlich hautnaher Kontakt mit der Welt möglich. Manchmal frage ich mich, ob das überhaupt Sinn macht. Ich werde mir wohl mal wieder ein Moleskine herauskramen. Das aber wieder nur am Rande.
Wie wir Sucre, die weiße Stadt, erleben, erzähle ich übermorgen zusammenfassend, nachdem wir sie erkundet haben.