Mexiko. Mérida.

Wäre ich heute ein Flipperautomat, stünden alle Signale auf tilt. Anders als Juan habe ich genug von Kirchen, Kathedralen und Klöstern, von Museen, Musen und Mosaiken. Auch Märkte und koloniale Fassaden locken mich nicht. Auge und Hirn sagen schlicht: basta.

Das koloniale Zentrum, in dem wir wohnen, löst sich für mich in der Hitze des Tages auf. Die ewigen Wanderungen durch Straßen und Sträßchen – heute nichts für mich. Natürlich erkenne ich die Schönheit der Kathedrale, des Zócalo, der Paläste. Aber gerade jetzt reicht es. Entsprechend knurrig ist die Laune.

Dabei trägt Mérida eine lange Geschichte: Bevor die Spanier 1542 ihre Stadt gründeten, lag hier T’Ho, eine bedeutende Maya-Siedlung. Francisco de Montejo fand sie verlassen vor und errichtete auf ihren Ruinen eine neue Metropole, neben Mexiko-Stadt und Havanna eine der größten Amerikas. Noch heute sind Spuren der Maya sichtbar, etwa in der Kathedrale San Ildefonso, deren Mauern behauene Steine der alten Bauten enthalten.

Die Plaza Grande, Herzstück der Stadt, bündelt das koloniale Erbe. Rundherum Paläste, Kirchen, farbenfrohe Häuser, Haciendas – ein Labyrinth voller Geschichte. Wer Lust hat, kann hier tagelang durch die Straßen streifen, jedes Detail studieren, jedes Relief, jede Fassade. Doch heute will ich es nicht entdecken. Juan soll allein weitertapern. Tut er natürlich nicht.

Stattdessen sitzen wir mittags bei Guacamole und Bier, lachen über den kugelrunden Kellner, der ein paar Worte Deutsch kann. Die Szene ist fast filmisch: das helle Grün der Avocado, das goldene Schäumen des Biers, das breite Lächeln des Kellners, der uns mit einem „Guten Tag!“ überrascht. Für einen Moment löst sich die Schwere der Hitze, und auch Juan gesteht: eine kleine Siesta im Hotel ist willkommen.

So wird der Tag neu verhandelt. Die Stadt darf warten, ihre Geschichte läuft uns nicht davon. Vielleicht zieht es uns später noch einmal hinaus, wenn die Sonne tiefer steht und die Schatten länger werden. Dann, im Abendlicht, verwandelt sich Mérida ohnehin: die Fassaden glühen, die Plaza füllt sich, Musik erklingt, und die Stadt zeigt ihr anderes Gesicht.

Heute aber gönne ich mir die Pause. Zwischen kolonialer Pracht und Maya-Erbe, zwischen Zócalo und Kathedrale, zwischen all den Geschichten, die sich hier überlagern, dard auch ein Tag auf tilt sein. Denk manchmal ist es gerade die kleine Flucht ins Hotelzimmer, die den Blick wieder schärft und den nächsten Gang durch Méridas Labyrinth umso reicher macht.

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andando
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